Nemesis im Dirndl

Kolumne9. Oktober 2014, 17:01
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Über Nacht konnte sich eine rasende Pinzgauer Gastwirtin den Ruf einer nationalen "Wut-Oma" erwerben

Der Alarmismus nimmt zu. Das Gratisblatt Heute riss die Wiener Bevölkerung gestern mit einem "Weckruf!" aus der politischen Betäubung: "Wiener SPÖ stürzt in Umfrage ab!" lautete der Aufmacher. Um die Sorge angemessen darzustellen, die sich die Dichands um ihren Geschäftspartner machen, war der "Weckruf!" in Rot gedruckt. Wer mit dem Ruf geweckt werden sollte, ging aus dem Beitrag nicht hervor. Der Bürgermeister wohl eher nicht, er wirkt durchaus munter, und ihm werden weit bessere Werte als seiner Partei bescheinigt. Wenn sich sonst niemand freiwillig angesprochen fühlt, wird wohl Heute dafür sorgen müssen, dass der rote Weckruf nicht auf taube Ohren stößt.

Aber was ist der Weckruf aus der Heute-Redaktion gegen den populistischen Urschrei, mit dem sich eine rasende Pinzgauer Gastwirtin über Nacht den Ruf einer nationalen "Wut-Oma" erwerben konnte! In ihr ist der Koalition eine Nemesis erstanden, deren Wirksamkeit mehr auf der ländlichen Kostümierung als auf der Originalität ihrer Beurteilung der Regierungsarbeit beruht. Hätte in der Fernsehsendung, auf der sich ihr Ruf gründet, zum Beispiel, eine alleinerziehende Krankenschwester mit derselben Verve über schlechte Bezahlung und Überarbeitung geklagt - sie hätte kaum den Sprung in die Printmedien geschafft. Aber wenn sich die wachsende Erbitterung im Land, der die Koalition seit langem mit nichts als Eigenlob und Personalrochaden entgegentritt, im Dirndl fokussiert, schmilzt der Patriot.

Jedenfalls dort, wo Patriotismus noch hochgehalten wird, wenn sich damit ein Geschäft machen lässt.

Kaum hatte die erste, für das Fernsehen aufgestaute Wut der Oma nachgelassen, begab sie sich auch schon aus dem unschuldigen Pinzgau in den Sumpf der Großstadt, um ihr in drei Wochen komponiertes Buch mit dem originellen Titel Wut-Oma zu präsentieren. Wieder dabei, wie zuvor im Fernsehen, der Vizekanzler, um dem Werk ihres rastlosen Geistes Respekt zu zollen und ihr, der Feindin heimischer Gesetzesflut, ein Paragrafenkipferl zu verehren.

Das ließ ihre Wut vollends verrauchen. Sie belohnte den Vizekanzler mit einem Busserl, statt ihn etwa zu fragen, warum die ihm unterstehende Bundesimmobiliengesellschaft nicht gegen Meischberger - "Wo woar mei Leistung?" - klagen durfte. Da konnte sie aber noch nicht wissen, was er zwei Tage später in einem Kurier-Interview als "neues Credo" gestehen würde: "Wir sind als Partei keine Interessenvertretung, sondern eine Sinngemeinschaft."

Für die Oma jedenfalls hatte sich der Sinn ihrer Wut erfüllt, ihr Protest versandete dort, wo in Österreich die Verkommenheit zu Hause ist, auf dem Boulevard. Nach den Wut-Opas Staberl und Stronach sollen Krone-Leser nun sonntäglich erfahren, was in "Friedas Welt" los ist. Zur Einführung wurde sie mit Mistgabel abgebildet, und Jeannée musste ausrücken, um sie gegen Österreich in Schutz zu nehmen, wo die Wut-Oma bis zur Vereinnahmung durch die Krone gefeiert, dann aber als Wirtin entlarvt wurde, die ihre Gäste als "Klumpert" und "billiges G'sindel" definiert. In Tracht darf man das. Omas Wut als Weckruf zu verstehen wäre wohl zu viel verlangt. (Günter Traxler, DER STANDARD, 10.10.2014)

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