Dollarkompliment einer alten Opernfreundin

9. Oktober 2014, 17:04
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In Stockholm wurden die Philharmoniker mit dem Nilsson-Preis ausgezeichnet. Die von der schwedischen Sopranistin gestiftete Auszeichnung ist mit einer Million Dollar dotiert. Selbige kommt bei Ausbau und Digitalisierung des Orchesterarchivs zum Einsatz

Am Abend vor der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises spielten die Wiener Philharmoniker im Stockholmer Konzerthaus in eigener Preissache. Poetisch zart, dann etwas dick aufgetragen tönten Liszts Préludes wie die Instrumentalvariante von Isoldes Liebestod. Allerdings spielen an diesem Abend - auch Bundespräsident Heinz Fischer war zugegen - vor allem Lobesworte die Hauptrolle:

Der schwedische König Carl XVI. Gustaf überreichte dem neuen Orchestervorstand Andreas Großbauer zwar eher wortkarg eine drei Kilo schwere Statue. Laudatorin Pia Lindström aber ließ keine Wortblume aus, dem Orchester zu schmeicheln. Für herausragende, kontinuierliche Musikleistungen vorgesehen, ist der Birgit-Nilsson-Preis jedoch vor allem finanziell gewichtig: Von Sopranistin Birgit Nilsson (1918- 2005) gestiftet, wird er alle drei Jahre vergeben und beschert dem Konto des Siegers den Zuwachs von einer Million Dollar (rund 730.000 Euro). Erstmals geht er an ein Orchester, nachdem Placido Domingo (2009) sowie Dirigent Riccardo Muti (2011) ausgezeichnet wurden. Muti reiste denn auch an, um die Wiener zu dirigieren und glaubhaft zu schwärmen: Er habe über Musik "alles von diesem Orchester gelernt", das bekanntgab, mit dem Geld Platznot - die eigene Geschichte betreffend - lindern zu wollen. Man würde die Summe fürs eigene historische Archiv nutzen. Im Haus der Musik platze es aus allen Nähten, so Großbauer.

Es könnte sich ein neues Quartier, eine Philharmoniker-Immobilie im vierten Bezirk, ergeben. Auch eine Ausbreitung im Musikhaus ist denkbar. Es geht dabei indes um mehr als nur um eine Ausweitung des Stauraums. Man spricht von "Offenheit, Erleichterung wissenschaftlicher Arbeit" und "Digitalisierung". Damit wird hoffentlich die seit einiger Zeit intensivierte Aufarbeitung der Orchestergeschichte während des Nationalsozialismus zusätzlich beflügelt. Großbauer jedenfalls versprach es bei seiner Dankesrede.

Der Archiv-Beschluss wurde in geheimer Orchesterabstimmung und dies einstimmig getroffen, wobei es auch andere Ideen gab: U. a. standen die "Ausweitung der Jugendprogramme und die Investition in Instrumente" zur Debatte, so Großbauers Vorgänger Clemens Hellsberg, der Teil der Nilsson-Jury war, sich aber natürlich der Stimme enthalten hatte. Was Hellsberg besonders freut: "Nicht ein einziger Vorschlag ging in die Richtung, das Geld einfach unter den Musikern aufzuteilen."

Auch das wäre möglich gewesen. "Der Preis macht keine Vorschriften bezüglich der Verwendung der Gelder", so Rubert Reisch, der Präsident der Nilsson-Stiftung. Er kümmert sich auch um die Veranlagung des Stiftungsvermögens, das unangetastet bleibt. Der Preis speist sich aus erzielten Renditen.

Reisch nannte die Beziehung zwischen Philharmonikern und Nilsson eine "Liebesaffäre", die über 28 Jahre währte und in 142 Staatsopernaufführungen demonstriert wurde. Riccardo Muti, der mit Birgit Nilsson zwar nie zusammengearbeitet hat, wusste dennoch auch zu berichten, dass die Sopranistin durchaus - er ballte dabei die Fäuste - eine resolute, "sagen wir interessante" Persönlichkeit war. Jene, die 1999 dabei waren, als die Wiener Philharmoniker Nilsson zum Ehrenmitglied ernannten, würden dies bestätigen. Teil ihrer Dankesrede war damals auch eine durchaus resche Kritik: Die hohe Stimmung des Orchesters würde Sängern an der Staatsoper das Leben schwermachen. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 10.10.2014)


Diese Reise fand auf Einladung der Nilsson Foundation statt.

  • Der italienische Dirigent Riccardo Muti, selbst Preisträger des Nilsson-Preises (2011), dirigierte die Philharmoniker in Stockholm und bekundete, von diesen "alles über Musik gelernt" zu haben.
    foto: jan-olav wedin

    Der italienische Dirigent Riccardo Muti, selbst Preisträger des Nilsson-Preises (2011), dirigierte die Philharmoniker in Stockholm und bekundete, von diesen "alles über Musik gelernt" zu haben.

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