Heinisch-Hosek: "Nicht noch einmal bei den Kindern sparen"

Interview9. Oktober 2014, 22:56
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Die Bildungsministerin will keine neuen Einsparungen zulassen, das zweite Kindergartenjahr liegt auf Eis

STANDARD: Wie weh tut es, wenn Schwarz-Grün im Westen rote Bildungspolitik macht und Modellregionen zur Gesamtschule einrichten will?

Gabriele Heinisch-Hosek: Im Westen sind fortschrittliche Ansätze da. Die Vorarlberger wollen künftig ohne Beschluss des Schulgemeinschaftsausschusses AHS-Unterstufen in Neue Mittelschulen umwandeln, wobei jetzt ja unklar ist, ob für ein ganzes Bundesland oder nur eine Region. Wenn Wallner eine Änderung des Schulorganisationgesetzes will, stehen wir auf dem Standpunkt: Offen für neue Ideen, aber wir wollen von Bundesseite jetzt einmal diese neu zu bildende Arbeitsgruppe zusammenkommen und Ideen entwickeln lassen. Ich bin offen dafür.

STANDARD: Das heißt, es werden weiterhin jeweils zwei Drittel der Lehrer, Eltern und Schüler zustimmen müssen?

Heinisch-Hosek: Die Zweidrittelhürde gibt es noch. Um sie abzubauen, bedarf es einer Gesetzesänderung. Das ist jetzt kein Thema, soll aber in der Bildungsreformkommission diskutiert werden.

STANDARD: Bei der Regierungsklausur wurde das Bekenntnis erneuert: Konzentrieren wir uns auf das vordere Ende, den Kleinkinderbereich. Warum sind Elementarpädagoginnen dann nicht Teil der Pädagoginnenausbildung neu?

Heinisch-Hosek: Die sind selbstverständlich drinnen. Der Bund hat die Voraussetzungen geschaffen, Elementarpädagogik zu wählen: Es gibt dann Grundschulpädagoginnen mit dem Schwerpunkt Elementarpädagogik. Die können jederzeit auch im Kindergarten arbeiten - wenn die Länder ihre Durchführungsgesetze verändern. Das müssten die Länder als nächsten Schritt tun. Ich will das auch in dieser Bund-Länder-Arbeitsgruppe diskutieren - schließlich ist es eine Frage der Kosten. Pädagoginnen mit Bachelor- und Masterabschluss brauchen eine andere dienstrechtliche Einstufung.

STANDARD: Das wird nicht einfach. Wann kommt der Kindergarten unter das Dach des Bildungsministeriums?

Heinisch-Hosek: Das ist momentan kein Thema. Aber nachdem wir uns vorgenommen haben, tabulos das gesamte Bildungswesen auch mit mittel- und langfristigen Bildungszielen zu versehen, wird das sicher auch zur Sprache kommen. Derzeit bin ich erst ab dem sechsten Lebensjahr zuständig.

STANDARD: Fänden Sie eine Änderung hier sinnvoll?

Heinisch-Hosek: Mein erster Schritt wäre ein Bundesrahmengesetz für alle Kinderbetreuungseinrichtungen. Das war bislang mit dem Koalitionspartner nicht möglich. Wir sollten nicht drei Schritte voraus diskutieren.

STANDARD: Ab wann wird es bundeseinheitliche Mindeststandards geben?

Heinisch-Hosek: Wenn es nach mir geht, so schnell wie möglich. Jedenfalls in dieser Legislaturperiode.

STANDARD: Und das groß angekündigte zweite verpflichtende Kindergartenjahr? Wann kommt das?

Heinisch-Hosek: Das letzte verpflichtende Kindergartenjahr kostet jährlich 70 Millionen Euro. Die Finanzierungfrage haben wir zuerst zu klären. Denn Eltern sollen dafür ja nichts zahlen müssen. Wenn wir es verpflichtend anbieten, sollte es auch gratis sein.

STANDARD: Ihnen fehlen rund neun Millionen Euro, um Ihr Einsparungsziel zu erreichen. Wo wollen Sie bis Jahresende fündig werden?

Heinisch-Hosek: Durch Verwaltungsvereinfachungen. Das ist für heuer schon erledigt.

STANDARD: Welche Vereinfachungen?

Heinisch-Hosek: Wir haben im Ressort noch einmal die Zügel straffer gezogen, einige Veranstaltungen eingespart und leider, leider die eine oder andere Förderung gekürzt. Es ist eine Summe an Einzelmaßnahmen.

STANDARD: Werden die Länder mehr für zusätzliches Lehrpersonal zahlen müssen, wie Sie im Frühjahr vorhatten, bevor Sie diese Maßnahme wieder zurückgenommen haben?

Heinisch-Hosek: Das wird auch Teil der Arbeitsgruppe sein. Realistisch betrachtet wird das bei den nächsten Finanzausgleichsverhandlungen thematisiert werden, die Anfang 2015 starten sollten.

STANDARD: Zwar bekunden SPÖ und ÖVP, wie wichtig ihnen Bildung sei, gleichzeitig wird aber auch bei Ihrem Ressort der Sparstift angesetzt. Setzt die Regierung die Mittel richtig ein?

Heinisch-Hosek: Ich bin nicht die Regierung, sondern nur ein Teil davon, und als solcher ist mir die Gesamtverantwortung bewusst. Wir setzen unseren Konsolidierungskurs fort. Ich werde aber nicht zulassen, dass wir noch einmal bei den Kindern sparen. Das weiß auch die Volkspartei. Dass nicht mehr Geld für die Bildung da ist, habe ich jetzt zur Kenntnis zu nehmen. Sollten wir uns darauf verständigen, dass es mehr braucht, dann werde ich es gerne nehmen.

STANDARD: Wenn man Ihnen zuhört, könnte man meinen, es müssten ohnehin nur alle Beteiligten etwas flexibler werden, dann ist alles gut. Dem stehen gegenüber: tausende Nachhilfeschüler und 10.000 Schulabbrecher pro Jahr ohne Bildungsabschluss.

Heinisch-Hosek: Nachhilfe, ein gutes Stichwort. Ich bin ja eine totale Befürworterin einer verschränkten Ganztagsschule. Aber wir wollen andere Dinge natürlich auch möglich machen. Ich bin überzeugt, dass wir, wenn wir mehr Kinder in diesen Betreuungsformen haben, weniger Nachhilfe haben. Die ist für alle sehr zeitraubend und geldintensiv.

STANDARD: Sie teilen die Anliegen der Bildungs-NGO "Jedes Kind". Diese fordert unter anderem: Kein Kind darf beschämt werden. Lässt sich das verordnen?

Heinisch-Hosek: Es geht um einen partnerschaftlich-wertschätzenden Umgang miteinander. Da bilden wir unsere Pädagogen gut aus und weiter. Wer Kinder von oben herab behandelt und mit Noten bestraft, ist in diesem Job fehl am Platz.

STANDARD: Laut einer aktuellen Umfrage der Lehrergewerkschaft behindern störende Schüler die Arbeit der Lehrer am meisten. Auch falsch im Beruf?

Heinisch-Hosek: Mich hat der Begriff "störende Schüler" geschreckt. Kinder, die Aufmerksamkeit erregen müssen, schreien oftmals um Hilfe. Pädagogen müssen wissen, dass Beziehungsarbeit Teil des Jobs ist. Niemand, der heute diesen Beruf ergreift, kann glauben, dass er nur Wissensvermittler ist. Aber wir haben einfach zu wenig Geld für weitere Schulpsychologen. Die Forderung der Gewerkschaft nach zusätzlichen 10.000 Menschen an Unterstützungspersonal ist unerfüllbar.

STANDARD: Off Topic: Warum haben sie im SPÖ-Bundesparteivorstand nicht gegen den Vorschlag der Oberösterreicher gestimmt, die Walter Schopf statt Sonja Ablinger im Nationalrat wollen?

Heinisch-Hosek: Erstens, weil wir bereits mehrmals diese Vorgangsweise akzeptiert haben. Zweitens: Die Wahlordnung steht über dem Statut. Ich habe mich an das Gesetz gehalten. Drittens: Wir werden eine Verschärfung der Statuten inklusive Sanktionen vorlegen. (Lisa Kogelnik, Karin Riss, DER STANDARD, 10.10.2014)

Gabriele Heinisch-Hosek (53), selbst Lehrerin für Deutsch und Bildnerische Erziehung, ist seit März Ministerin für Bildung und Frauen.

  • Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) ist "offen" für die Modellregionen im Westen, gesetzliche Änderungen werden mit der ÖVP in einer Arbeitsgruppe diskutiert.
    foto: standard/cremer

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  • Heinisch-Hosek über Lehrer: "Wer Kinder von oben herab behandelt und mit Noten bestraft, ist in diesem Job fehl am Platz."
    foto: stanard/cremer

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