Rundfunkforum: Gefahr durch "Industrialisierung der Newsproduktion"

9. Oktober 2014, 16:47
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Medienwissenschafter Kurt Imhof zeichnete düsteres Bild der journalistischen Qualität - "Wir sollten etwas tun" - Österreichische Studie noch im Entstehen

Wien - "Wir sollten etwas tun." Kurt Imhof hat eine klare Vorstellung von den Herausforderungen in der Medienbranche und einen ebenso deutlichen Appell parat. Dem Schweizer Medienwissenschafter zufolge drohe der Informationsjournalismus zusehends durch Unterhaltung und den mobilen Konsum abgedrängt zu werden. Folgen seien "die Industrialisierung der Newsproduktion und die Auflösung von Redaktionen".

Imhof formulierte seine auf der heuer zum fünften Mal durchgeführten Untersuchung "Qualität der Medien" basierenden Aussagen am Donnerstag beim zehnten Rundfunkforum in Wien. Die Befunde über die Schweizer Medienlandschaft, die sich teils auch in Österreich beobachten lassen würden, fielen alles andere als rosig aus. "Bei den Informationsmedien sinkt die Qualität, weil sie nicht mehr finanziert werden kann, und im Boulevard und bei den Gratismedien wird sie in actu nicht nachgefragt."

"Massive Konzentration"

Gerade eine stark ausgeprägte Gratiskultur fördere diese Entwicklung. Hinzu komme, dass on- wie offline Reichweite über Qualität gestellt und diese vorzugsweise über "Soft News" angepeilt werde. Als ein wesentliches Instrument für Portale wie Buzzfeed nannte Imhof in diesem Zusammenhang soziale Netzwerke. Auf Seite der etablierten Medien sei in der Schweiz wiederum eine massive Konzentration zu erkennen und eine Erosion der Berufskultur. "Und es gibt kaum Widerstand dagegen", so Imhof.

Sehr kritische Worte fand der Soziologe der Universität Zürich auch für den Boulevard. Dieser bediene sich den Spannungsfeldern "Volk vs. Eliten" sowie "Zugehörige vs. Fremde", was wiederum gerade rechtspopulistischen Parteien entgegen komme. Diese würden, bei ähnlicher Themensetzung, auf sehr hohe Resonanz in diesen Medien stoßen. "Je stärker die Boulevardisierung der Medien insgesamt ist, desto stärker verschiebt sich das politische Spektrum", unterstrich Imhof.

Schwächen bei Urhebertransparenz

Einen ersten Ausblick auf eine ähnlich gelagerte Studie für Österreich lieferte im Anschluss Josef Seethaler von der Akademie der Wissenschaften. Noch bis Ende des Jahres läuft die Untersuchung tagesaktueller Informationsangebote in den Gattungen Print, TV, Radio und Online, deren Ergebnisse im kommenden Jahr vorliegen sollen. Dementsprechend mahnte Seethaler zur Vorsicht bei den Teilergebnissen und allfälligen Interpretationen: "Ich kann Ihnen nur das erste Viertel unserer Beobachtungen des österreichischen Mediensystems zeigen."

Der Anteil von sogenannten "Hard News" sei im Durchschnitt relativ hoch, wobei Online hier keine Ausnahme darstelle. Ähnlich verhält es sich punkto Quellentransparenz und Meinungsvielfalt. Eine Schwäche würden Online-Medien hingegen bei der Urhebertransparenz zeigen. Für Vergleiche mit dem Schweizer oder dem deutschen Mediensystem, die grundsätzlich angedacht sind, sei es zwar noch zu früh. Laut Seethaler würde sich aber die Tendenz abzeichnen, dass österreichische Online-Medien "hochwertiger sind als die originalen Produkte", wobei er etwa "derstandard.at" oder "ORF.at" nannte.

Gespenst "Klickratenjournalismus"

Ein Umstand, den Imhof für die Medien als "in ökonomischer Hinsicht höchst irrational" bezeichnete. "Warum sollte ich dann etwa noch eine Zeitung kaufen?" Würde sich dies letztlich bestätigen lassen, zeuge dies zwar von einer begrüßenswerten "publizistischen Kultur". "Ich habe aber leise Zweifel," bemerkte Imhof. Seiner Ansicht nach seien auch auf internationalem Level Printprodukte in der Regel hochwertiger als die entsprechende Online-Umsetzung, wo "journalistisches Kurzfutter" gefragt sei. Die junge Journalistengeneration werde durch den "Klickratenjournalismus" konditioniert, wobei Imhof sie wenig schmeichelhaft als "Kindersoldaten" umschrieb.

Das Rundfunkforum beschäftigt sich noch bis Freitagmittag mit der "Qualitätssicherung im Rundfunk und in den Online-Medien". Veranstaltet wird die zweitägige Konferenz vom Forschungsinstitut für das Recht der elektronischen Massenmedien (REM). (APA, 9.10.2014)

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