Eine winterliche Reise in die eigene Vergangenheit

9. Oktober 2014, 17:25
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Beim Jüdischen Filmfestival widmet sich die Reihe "Starke Frauen, starke Männer" außergewöhnlichen Lebensläufen. Zu sehen ist auch Diana Groós Dokumentarfilm "Regina" über die fast vergessene erste Rabbinerin

Wien - Der Blick ist ernst. Die dunklen, aus der Stirn gestrichenen Locken passen zur ebenfalls dunklen Kleidung, in der die Frau für die Aufnahme selbstbewusst Haltung annimmt. Es ist das einzige von Regina Jonas erhaltene Bild, das auch auf der ihr gewidmeten Gedenktafel in Berlin-Mitte zu sehen ist. Regina Jonas, 1944 in Auschwitz ermordet, war die erste Rabbinerin weltweit.

Dieses Bild diente auch Diana Groó als Ausgangspunkt und Leitmotiv für ihren Dokumentarfilm Regina. Erst ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod tauchte ein fragmentarischer Nachlass der 1902 im Berliner Scheunenviertel geborenen und im Nachkriegsdeutschland in Vergessenheit geratenen Rabbinerin auf. Wie nähert man sich jemandem, dessen Spuren kaum mehr auffindbar sind? Können ein einziges Foto, wenige originale Texte für eine biografische Erzählung genügen?

Regina macht aus seiner Materialnot eine Tugend, indem der Film weniger als zeithistorisches Dokument verstanden werden will, das penible Recherchearbeit leistet, sondern als poetische Reflexion über das politische und soziale Leben in der Weimarer Republik. Erzählt aus der Sicht von Regina Jonas, geleitet eine Frauenstimme - in der deutschen Fassung gesprochen von Martina Gedeck, in der englischen vom britischen Star Rachel Weisz - wie ein Lotse durch den Fluss der Zeit, öffnet sich der Film immer wieder vom Privaten ins Öffentliche, dokumentiert den Aufstieg des Nationalsozialismus und verknüpft sein Archivmaterial zu einem klugen, essayistischen Montagefilm.

Zu sehen ist er im Rahmen der Programmreihe "Starke Frauen, starke Männer" beim Jüdischen Filmfestival in Wien. Diese widmet sich außergewöhnlichen Biografien jüdischer Herkunft, neben Regina sind auch Ruth Beckermanns Die papierene Brücke (in restaurierter Fassung), eine Reise durch die Familiengeschichte der Filmemacherin, und neuere Produktionen wie Marcel Ophüls filmische Memoiren Un Voyageur zu sehen. Oder die oscarprämierte Kurzdoku The Lady in Number 6: Music Saved My Life über die Pianistin Alice Herz-Sommer, die den Holocaust überlebte, indem sie in Theresienstadt Klavierkonzerte geben musste.

Dass die individuelle Stärke, von der diese Filmreihe handelt, wiederholt mit der Produktion von Kunst in Verbindung steht, zeigt sich auch am Beispiel der jüngsten Arbeit des österreichischen Filmemacherduos Tizza Covi und Rainer Frimmel, das in seinem Porträtfilm Der Fotograf vor der Kamera den mittlerweile 91-jährigen Erich Lessing begleitet. Lessing, der sich mit seiner bekanntesten Fotografie - Leopold Figl mit Staatsvertrag auf dem Balkon des Belvedere - längst ins Bildergedächtnis des Landes eingetragen hat, erweist sich als eloquenter Zeitzeuge, der nicht nur in seiner Arbeit den Blick für Details bewahrt hat, ohne das Wesentliche aus den Augen zu verlieren.

Zugleich erzählt der Film von einem Verschwinden der Bilder, das der täglich produzierten Flut an Aufnahmen aller Art entgegensteht. "Die Kompositionen eines Henri Cartier-Bresson sind vorbei", meint Lessing einmal, so wie das Zeitalter der analogen Fotografie. Wenn man Glück hat, findet man noch das Bild einer vor vielen Jahrzehnten ernst in die Kamera blickenden Frau - und macht daraus einen Film. (Michael Pekler, DER STANDARD, 10.10.2014)

Bis 23. Oktober

  • Eine winterliche Reise, nicht nur in die eigene Vergangenheit: Ruth Beckermanns bewegender Dokumentarfilm "Die papierene Brücke" ist beim Jüdischen Filmfestival in einer komplett restaurierten Fassung zu erleben.
    foto: beckermann

    Eine winterliche Reise, nicht nur in die eigene Vergangenheit: Ruth Beckermanns bewegender Dokumentarfilm "Die papierene Brücke" ist beim Jüdischen Filmfestival in einer komplett restaurierten Fassung zu erleben.

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