Schulschwänzbeauftragter: "In Oberstufen fast Kaffeehausbetrieb"

10. Oktober 2014, 13:55
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Für die Eltern endet Stangeln manchmal mit Haft

Verzweifelte Eltern wählen 01/52525-77111 - und landen im Büro der Wiener Stadtschulratspräsidentin. Was eigentlich die Hotline des Wiener Schulschwänzbeauftragten sein sollte, ist dieser Tage noch nicht ganz so "hot" - und das liegt nicht nur daran, dass erst weiterverbunden werden muss, erfährt der STANDARD beim Treffen mit Horst Tschaikner. "Das hängt mit dem Verlauf des Schuljahres zusammen", erklärt der Mann mit der originellen Jobdescription: "Jetzt zu Schulbeginn läutet's seltener, aber vor Weihnachten habe ich viele, viele Anrufe."

Die meisten melden sich dann, "wenn's brennt" in Sachen Schulabsentismus. So heißt das Stangeln seit 1999 im deutschsprachigen Raum. Die Definition darüber, wann's brennt, liegt erst seit September 2013 vor: Um eine Verletzung der Schulpflicht handelt es sich bei "unentschuldigtem Fehlen während fünf Tagen oder 30 Unterrichtsstunden im Semester beziehungsweise an drei aufeinanderfolgenden Tagen".

Haft fürs Schwänzen

Im Schuljahr 2013 hatten mehr als 2300 solcher Fälle ziemlich drastische Konsequenzen - für die Eltern. In Wien wurde 880-mal Strafe gezahlt, in Salzburg 449-mal, gefolgt von Oberösterreich mit 399 Strafzetteln. Für den Einzelnen wird das seit dem Vorjahr teuer: 440 Euro muss löhnen, wessen Kind trotz Fünf-Stufen-Vorwarnplans wiederholt von der Schule fernbleibt. Wer sich das nicht leisten kann oder will, muss mit einer Ersatzfreiheitsstrafe rechnen: In Kärnten mussten im Vorjahr ganze 29 Eltern für das Schwänzen ihrer Kinder insgesamt 64 Tage und neun Stunden hinter Gitter.

Damit es überhaupt so weit kommt, müssen aber "schwerwiegende Sachen" vorgefallen sein, weiß Schulschwänzbeauftragter Tschaikner und präzisiert: "Das ist eine relativ kleine Gruppe. Die riesengroße Gruppe sind die, die halt hin und wieder fehlen, mal für zwei Wochen, mal für einen Monat." Hier müsse man ansetzen.

Denn Stufe fünf wird erst erreicht, "wenn alle vier Stufen davor nicht funktionieren. Und die basieren alle auf Kommunikation", sagt Tschaikner. Das beginnt mit einem Lehrer-Eltern-Gespräch, wird in weiterer Folge um Schulpsychologen, Schulsozialarbeiter und andere Supportsysteme ergänzt und führt im schlimmsten Fall dazu, dass die Jugendwohlfahrt eingeschaltet wird. Tschaikner: "Wenn Eltern mit der Schule und allen Stützsystemen kooperieren und den Schulbesuch des Kindes nicht aktiv be- oder verhindern, wird keine Strafe ausgesprochen."

"Notorisches Zuspätkommen"

Dafür gilt es erst einmal zu wissen, was überhaupt alles als Schulschwänzen gilt. "Ferienverlängerungen" gehören genauso dazu wie "notorisches Zuspätkommen" - laut Tschaikner "ein typisches Problem in Oberstufenklassen", wo manchmal "fast Kaffeehausbetrieb" herrsche.

Eines ist Tschaikner wichtig festzuhalten: "Schulschwänzen ist nicht ein Problem der Migranten. Das zieht sich quer durch alle sozialen Schichten." Die Konsequenzen für den Einzelnen sind laut Stadtschulrat nicht zu unterschätzen: So schließt nur "ein Viertel" derjenigen, die "mehr als 20 Prozent fehlen", die Schule positiv ab. Und: Ab einer Fehlzeit "von mehr als zehn Prozent in der sechsten Schulstufe steigt die Wahrscheinlichkeit für einen späteren Schulabbruch signifikant. Auch Tschaikner kennt "bestimmte Jugendliche, die immer wieder kommen". Vom Vorschlag, den Bezug der Familienbeihilfe an die Schulpräsenz zu koppeln, hält er dennoch wenig, war er doch bereits kein Freund der Erhöhung des Strafmaßes: "Ich glaube, man kommt weiter mit unterstützen und helfen." Das sieht auch Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek so: "Als das beschlossen wurde, war ich nicht sehr glücklich." Jetzt will sie es aber "nicht mehr ändern". Heinisch-Hosek :"Es braucht Zeichen, wenn permanent von der Schule ferngeblieben wird. Wir werden beobachten, ob die Zahl der Schulschwänzer durch diese Strafen gesunken ist. (Karin Riss, DER STANDARD, 10.10.2014)

  • Horst Tschaikner: "Schulschwänzen ist nicht ein Problem der Migranten. Das zieht sich quer durch alle sozialen Schichten."
    foto: apa/neubauer

    Horst Tschaikner: "Schulschwänzen ist nicht ein Problem der Migranten. Das zieht sich quer durch alle sozialen Schichten."

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