Wie ein wilder Stier

9. Oktober 2014, 17:05
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Die Wiener Symphoniker und James Gaffigan mit Beethoven im Musikverein

Wien - Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät? Die Wiener Symphoniker und Beethovens Neunte: Da kommen Silvestergefühle auf, da will man gleich reflexhaft checken, ob der Schaumwein vom Diskonter des Vertrauens eh schon parat steht. Doch, nein: Noch ist die Jahresuhr nicht abgelaufen, und am Dirigentenpult des Konzertorchesters der Stadt Wien ist auch nicht Barockspezialist Ton Koopman zu sehen, der Beethovens final freudvolles Werk zum Jahreswechsel im Konzerthaus dirigieren wird.

Aber auch nicht der Ehrendirigent des Orchesters, der die Konzerte im Musikverein ursprünglich hätte leiten sollen: Georges Prêtre muss nach einem Sturz mehrere Monate pausieren. Als Ersatz für den 90-jährigen Grandseigneur wurde ein energiegeladener Mittdreißiger verpflichtet: James Gaffigan, in New York geboren, war Assistent von Franz Welser-Möst in Cleveland und von Michael Tilson Thomas in San Francisco. Der US-Amerikaner ist seit 2010 Chefdirigent des Sinfonieorchesters Luzern, hat schon an der Hamburgischen und der Wiener Staatsoper dirigiert und zuletzt bei den Symphonikern debütiert.

Am Dirigentenpult präsentiert sich Gaffigan als eine Mischung aus Napoleon und einem wilden Stier: Seinem stürmischen Naturell gemäß fühlt er sich in der Offensivbewegung am wohlsten; ähnlich wie sein kanadischer Kollege Yannick Nézét-Séguin bevorzugt er einen wuchtigen, kraftvollen Dirigierstil, hält die Zügel straff und gibt dem Gaul Sporen.

Die Symphoniker präsentieren sich von dieser Behandlung im Kopfsatz der Neunten dynamisiert, agieren kompakt und mit Elan. Doch Gaffigan prescht und donnert nicht nur los, bietet nicht nur schroffe Gegensätze, er achtet auch auf die Phrasierung, auf Sprachdeutlichkeit, er versteht sich auf tänzerisches Wiegen, taktweise sogar aufs Ätherische. Der erste Satz bleibt der stärkste; im zweiten Satz will sich keine Fiebrigkeit einstellen, im nie leisen Adagio keine Entspannung.

Abgesehen vom auf den Orgelbalkon entrückten Solistenquartett (Luba Orgonásová, Michaela Selinger, Steve Davislim, Robert Holl) ist dann vieles sehr laut im Finalsatz: Die zweigestrichenen As der Soprane (des Singvereins der Gesellschaft der Musikfreunde) klingeln einem nach Symphonieende noch lange in den Ohren und lassen kurz Wünsche keimen, dass Beethoven seine Chorsymphonie zur Schonung der Nachwelt doch bitte eine kleine Terz tiefer hätte komponieren sollen. (Stefan Ender, DER STANDARD, 10.10.2014)

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