"Man könnte an kleinen Schräubchen drehen"

Interview9. Oktober 2014, 16:29
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Mit einem Sozialindex zur Finanzierung der Schulen ohne größere Änderung im System könnte man wenig ändern, sagt Bildungssoziologe Hermann Kuschej

Bildungssoziologe Hermann Kuschej schlägt vor, die soziale Benachteiligung von Schülern über den Finanzausgleich in die Schulfinanzierung einfließen zu lassen. Im aktuellen Schulsystem könne ein Sozialindex allerdings nur eine Ergänzung zu großen Reformen sein: "Wenn man das Schulsystem so lässt, wie es jetzt ist, könnte man damit nur an kleinen Schräubchen drehen."

derStandard.at: Welche Vorteile hat eine Finanzierung der Schulen über einen Sozialindex im Vergleich zum aktuellen System?

Kuschej: Zunächst muss klar sein, dass indexbasierten Systeme nicht anstelle von prinzipiellen Problemfeldern im Schulsystem wirken können. Es kann nur eine Ergänzung sein. Wir haben derzeit eine sehr frühe Selektion, die ohnehin schon benachteiligte Gruppen besonders trifft. Die Frage ist, ob das Fehlen einer gemeinsamen Schule oder ganztägiger Schulformen durch indexbasierte Mittelzuweisung kompensiert werden kann.

derStandard.at: In Ihrer Studie haben Sie ein eigenes Konzept entwickelt. Wie sieht das aus?

Kuschej: Wir haben auf der regionalen Ebene politischer Bezirke die potenziellen Benachteiligungsfaktoren – Bildungshintergrund der Eltern und Migrationshintergrund der Schüler – mit anderen sozioökonomischen Indikatoren in Beziehung gesetzt, um damit Bezirke nach deren Risikopotenzial und somit mutmaßlich höherem Mittelbedarf zu klassifizieren.

derStandard.at: Was war das Ergebnis?

Kuschej: Der Migrationshintergrund spielt klarerweise vor allem in Ballungszentren wie Wien und den Landeshauptstädten eine Rolle. Hier könnte man schon jetzt die Regionen identifizieren, wo man Mittel investieren könnte, was im Rahmen von Sprachförderkursen ja auch schon geschieht. Für eine fundierte Risikobeurteilung sind jedenfalls auch die sozioökonomischen Gegebenheiten einer Region zu berücksichtigen. Ein niedriger Bildungsabschluss muss nicht gleichbedeutend sein mit schlechteren Berufschancen. Wenn es in der Region gute Ausbildungsplätze für Lehrlinge gibt, ist das nicht unbedingt ein Problem. Dabei spielt nicht zuletzt die Wirtschaftsstruktur einer Region eine Rolle, in Industriegebieten stellt sich die Situation anders dar als etwa in Tourismusgebieten.

derStandard.at: Sie haben sich auf die Bezirksebene und nicht auf den Schulstandort konzentriert. Warum?

Kuschej: Auf Bezirksebenen gibt es Daten zum Bildungsgrad der Eltern, sozioökonomische Daten wie Branchenstruktur, Jugendarbeitslosigkeit und Migrationshintergrund. Es wäre denkbar, dass man diese Aspekte über den Finanzausgleich in die Schulfinanzierung einfließen lässt. Vermittels der Schulbehörden auf Landesebene könnten zusätzliche Mittel gezielter an Schulen in "belasteteren" Bezirken zugewiesen werden.

derStandard.at: Hilft die indexbasierte Mittelfinanzierung, Schulabbrecher zu vermeiden?

Kuschej: Im Prinzip ja. Aber nur im Rahmen größerer Änderungen. Wenn man das Schulsystem so lässt, wie es jetzt ist, könnte man damit nur an kleinen Schräubchen drehen. Die Frage ist auch, welchen Gestaltungsspielraum Schulen haben. Momentan haben die Schulleiter immer noch zu wenig Einfluss auf Auswahl und Qualifizierung des Lehrpersonals. Auch pädagogisch-didaktische Freiheiten existieren nur eingeschränkt. Diese Zusammenhängen muss man mitdenken, bevor man neue Verteilungsmodelle etabliert, die zwar einen erhöhten Verwaltungsaufwand an den Schulen verursachen, aber ansonsten wenig verändern können.

derStandard.at: Wenn mehr Geld an Schulen mit benachteiligten Schülern investiert wird, besteht dann nicht die Gefahr, dass Förderungen für besonders gute Schüler auf der Strecke bleiben?

Kuschej: Das ist nicht die Intention. Von den Mitteln profitiert auch der Rest der Klasse und nicht nur die Schüler, um die es geht. Auf Integrationsklassen gab es zum Beispiel einen regelrechten Run, weil dort das Betreuungsverhältnis besser war. Es kommt zudem auf den Index an. Man könnte auch zusätzliche Mittel für begabte Schüler vorsehen.

derStandard.at: Wie viel mehr würde die indexbasierte Mittelfinanzierung kosten?

Kuschej: Dazu gibt es verschiedenen Überlegungen. Die einen sagen, das lässt sich kostenneutral einführen, indem schlicht umgeschichtet wird. Das würde freilich Einsparungen an anderen Stellen bedeuten. Idealerweise sollten zusätzliche Mittel bereitgestellt werden. Andererseits ist unser Schulsystem schon jetzt eines der teuersten, womit man aber wieder bei der Frage der Strukturreform wäre.

derStandard.at: Wie lange könnte die Implementierung eines solchen Systems dauern?

Kuschej: Das kommt darauf an, wie tief Änderungen gehen sollen. In einem ersten Schritt stellt die Möglichkeit einer indexbasierten Mittelverteilung auf Bezirksebene eine durchaus sinnvolle Option dar, die über den Finanzausgleich relativ rasch implementiert werden könnte. Bei weitergehenden Ansätzen mit der Perspektive umfassender struktureller Reformen müsste aufgrund der politischen Implikationen wohl eher in Legislaturperioden gedacht werden. (Lisa Kogelnik, derStandard.at, 10.10.2014)

Hermann Kuschej ist als Bildungsökonom und Bildungssoziologe am Institut für Höhere Studien tätig. Er hat Geschichtswissenschaft, Soziologie und Bildungswissenschaft studiert. Zusammen mit Katrin Schönpflug hat er im Auftrag der Arbeiterkammer die Studie "Indikatoren bedarfsorientierter Mittelverteilung im österreichischen Pflichtschulwesen" erstellt.

  • Hermann Kuschej: "Ein niedriger Bildungsabschluss muss nicht gleichbedeutend sein mit schlechteren Berufschancen."
    foto: privat

    Hermann Kuschej: "Ein niedriger Bildungsabschluss muss nicht gleichbedeutend sein mit schlechteren Berufschancen."

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