Warum Europa keine Arbeit findet

9. Oktober 2014, 14:05
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Drei Jobgipfel, ein Problem: Europa hat zu wenig Arbeit, gerade für junge Menschen. Die Politik schafft aber kaum Abhilfe

Es war der dritte Arbeitsmarkt-Gipfel in eineinhalb Jahren. Europa ringt immer noch um eine angemessene Reaktion auf die Krise. Geld für Ausbildungsprogramme? Reformen des Kündigungsschutzes? Investitionen zur Ankurbelung der Konjunktur? Alle diese Schritte standen und stehen zur Debatte.

Die Zeit drängt. In ihrem aktuellen "Fiscal Monitor", einer wichtigen Publikation über die weltweiten Herausforderungen der Fiskalpolitik, schreiben die Ökonomen des IWF, wieso eine rasche Senkung der Arbeitslosigkeit so wichtig ist. Es drohe "permanente Erosion von Fähigkeiten und Humankapital bei Langzeitarbeitslosigkeit und Untätigkeit". Von Vernarbung sprechen Ökonomen: Bleibt die Arbeitslosigkeit lange hoch, fällt die Rückkehr in Beschäftigung immer schwerer.

Doch warum hat Europa derart große Probleme auf dem Jobmarkt? Im Vergleich zu allen Regionen der Erde ist die Arbeitslosenquote hier sehr hoch, auch sechs Jahre nach Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise ist sie deutlich zweistellig, laut Eurostat waren im August 11,5 Prozent der Bürger im Euroraum ohne Job.

Wenig Wachstum

Zunächst einmal wächst der Kontinent deutlich langsamer als die USA und die meisten Schwellenländer. Diese Woche hat der Internationale Währungsfonds bestätigt, worauf jüngste Wirtschaftskennzahlen hingewiesen haben. 2014 bleibt die wirtschaftliche Dynamik mau, die Eurozone wächst um nur 0,8 Prozent, das reicht nicht aus, um die Beschäftigung zu steigern.

Europa könnte das Wachstumsproblem etwas abmildern, darauf weisen aktuelle Bemühungen hin: Die Europäische Zentralbank hat neue Instrumente aufgelegt, um die Geldpolitik zu lockern. Italien und Frankreich ringen mit der EU-Kommission darum, die Fiskalregeln etwas zu lockern.

Verkrusteter Arbeitsmarkt

"Aber viele wichtige Probleme fallen nicht in die Kompetenz der EU, sondern der Mitgliedsstaaten", gibt Christian Schulz, Ökonom bei der Berenberg Bank, zu bedenken. So hätten Italien und Spanien durch ihre Arbeitsmarktregeln ihre Arbeitsmärkte gespalten: in Insider und Outsider. Ältere Arbeitnehmer mit bestehenden Arbeitsverträgen sind auch in Krisensituationen schwer zu kündigen, junge Bewerber bekommen hingegen keine fixen Verträge. Die Trennlinie verläuft dabei durch die Alterskohorten. Die Beschäftigungsquote junger Menschen in Spanien, Italien und Griechenland ist deutlich niedriger als etwa in Österreich und Deutschland.

"Hier kann die EU wenig tun, die Chancengleichheit für alte und junge Arbeitnehmer müsste über Reformen des Kündigungsschutzes wiederhergestellt werden", sagt Schulz. Denn die Jobflaute in der Eurozone trifft insbesondere junge Menschen: 3,3 Millionen Menschen unter 25 Jahren waren im August ohne Stelle, betroffen sind vor allem Länder wie Spanien, Griechenland, Italien und Kroatien. Hier müsse es Strukturreformen geben, um die Chance der Jungen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, ist sich Schulz sicher.

"In Südeuropa geht es um die Überwindung der dualen Arbeitsmärkte", bestätigt der Ökonom Thomas Leoni vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Daher gehe Italiens Premierminister Matteo Renzi mit seinen Arbeitsmarktreformen "in die richtige Richtung". Doch auch das neue Gesetz muss erst in Kraft treten, um seine Wirkung zu entfalten.

Gelder nicht abgeholt

Allerdings sieht er auch die Fiskalpolitik in der Pflicht. "In der Vergangenheit wurde einseitig die fiskalische Dimension betont, Defizite und Verschuldung", kritisiert Leoni. Jetzt müsse man in Europa mehr investieren. In diese Richtung geht auch der IWF, der für Infrastrukturinvestitionen auf Pump eintritt. Dazu empfehlen die Ökonomen des Fonds, dass gerade die EU-Länder darüber nachdenken sollten, den Faktor Arbeit steuerlich zu entlasten und Lohnsubventionen einzuführen.

Auch Frankreichs Präsident Francois Hollande und Italiens Premier Renzi wollen mehr Geld. Beim Gipfel am Mittwoch plädierten sie für eine Aufstockung der Mittel, die unter 25-Jährigen eine Job- oder Ausbildungsgarantie verschaffen sollen. Sechs Milliarden Euro stehen bis dato dafür zur Verfügung. Das Problem ist aber, dass bisher nur ein kleiner Teil der Mittel bei den Betroffenen angekommen ist. 20 Staaten mit besonders großen Beschäftigungsproblemen bei Jugendlichen reichten bisher lediglich 34 Umsetzungsprogramme in Brüssel ein.

Das Ziel ist ein europäischer Arbeitsmarkt

Langfristig gelte es weiter an mehr Mobilität zu arbeiten, mahnt Ökonom Schulz. EU-Bürger aus Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit sollen trotz der Sprach- und Kulturbarriere stärker in Regionen ziehen, die händeringend nach Fachkräften suchen. Leoni warnt aber, auf rasche Erfolge durch mehr Mobilität zu setzen: "Hier lügt man sich etwas in die Tasche, wenn man dadurch kurzfristige Verbesserungen erwartet. Das reicht sicher nicht, weil dieses Werkzeug viel langsamer greift." Für eine schnelle Senkung der Arbeitslosigkeit brauche es mehr Wachstum und eine aktive Arbeitsmarktpolitik, etwa Angebote zur Aus- und Weiterbildung. (Lukas Sustala, derStandard.at, 9.10.2014)

  • Jeder der bisherigen Jobgipfel wurde von Protesten begleitet, passiert ist bis dato wenig. Die versprochenen Milliarden der aktiven Arbeitsmarktpolitik wurden kaum abgerufen.
    foto: epa/nietfeld

    Jeder der bisherigen Jobgipfel wurde von Protesten begleitet, passiert ist bis dato wenig. Die versprochenen Milliarden der aktiven Arbeitsmarktpolitik wurden kaum abgerufen.

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