Nach Nokia-Übernahme: Funkstille zwischen Bill Gates und Steve Ballmer

9. Oktober 2014, 10:34
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Ex-CEO Ballmer wirft Microsoft-Gründer Gates vor, bei der Nokia-Übernahme gegen ihn interveniert zu haben

Eine über 40-jährige Freundschaft liegt momentan auf Eis: Die beiden Microsoft-Granden Bill Gates und Steve Ballmer sollen seit längerer Zeit nicht mehr miteinander reden und den Kontakt zueinander fast vollständig abgebrochen haben. Grund dafür soll die Einflussnahme Bill Gates auf wichtige Microsoft-Entscheidungen während Ballmers Zeit als CEO des Unternehmens sein, besonders die Umstände von Ballmers Rücktritt im Sommer 2013 sorgen für böses Blut.

Ballmer als Trauzeugen

Dabei waren Gates und Ballmer jahrzehntelang eng verbunden gewesen: Sie studierten beide in Harvard, lernten sich dort kennen. Nachdem Gates 1975 Microsoft gegründet hatte, dachte er sofort an Ballmer, der 1980 Microsofts erster Manager wurde. Gemeinsam machten sie den Konzern zu einem der wichtigsten Unternehmen weltweit – und auch mit ihrer Freundschaft war alles in Ordnung, Gates machte Ballmer 1994 zu seinem Trauzeugen.

Autoritätsprobleme

Die Probleme begannen, als Ballmer 2000 von Gates den Posten als Microsoft-CEOs übernahm. Denn Gates soll seinen Einfluss im Konzern fortwährend benutzt haben, um Ballmers Entscheidungen umzuändern oder gar zu revidieren. Bis 2008 habe er echte Autoritätsprobleme gehabt, so Ballmer in einem Porträt in der Vanity Fair. Erst nach Gates vollständigem Rückzug aus Microsoft konnte die ehemalige Nummer Zwei wirklich Chef sein.

Nokia-Kontroverse

Gates konzentrierte sich währenddessen auf andere Initiativen, etwa seine Stiftung. Doch im Frühjahr 2013 brachte eine firmeninterne Kontroverse den Microsoft-Gründer zurück ins Geschehen: CEO Ballmer hatte vorgeschlagen, den Handy-Hersteller Nokia zu erwerben; das Firmenboard wollte die Entscheidungen jedoch nicht absegnen. Ballmer stellte daraufhin laut Mashable seinen Rücktritt in den Raum und zwang die restliche Firmenspitze so zum Absegnen des Deals.

Gates an Coup beteiligt

Kurz darauf erfuhr Ballmer, dass auch Bill Gates aktiv am Anti-Nokia-Coup des Unternehmens beteiligt war. "Ein unverzeihlicher Vorgang", so Vanity Fair. Kurz darauf gab Ballmer seinen Rücktritt bekannt, im Frühjahr 2014 wurde Satya Nadella neuer CEO. Eine Aussprache mit Gates habe seither nicht stattgefunden. Allerdings gibt Ballmer mittlerweile selbst zu, einige Fehlentscheidungen getroffen zu haben. "Die schlechteste Arbeit habe ich zwischen 2001 und 2004 geleistet, und die Firma musste dafür bezahlen", so Ballmer im Vanity Fair-Porträt. Verantwortlich dafür ist das Windows-Projekt Longhorn, das später Vista werden sollte.

Kritik an Ballmers Amtsführung

Durch die Konzentration wichtiger Ressourcen auf das schlussendlich nicht überzeugende Betriebssystem habe Microsoft wichtige Entwicklungen im Smartphone- und Suchmaschinen-Markt versäumt, so Ballmer heute. Das sollte etwa durch den Nokia-Kauf ausgeglichen werden. Durch die Fokussierung auf den PC-Markt steckt Microsoft heute allerdings in einer schwierigen Position, die der neue CEO Nadella mit Cloud-Projekten und neuen Ansätzen auszugleichen versucht.

Nadella ist kein Dschingis Khan

Für ihn haben Ballmer und andere Mitarbeiter übrigens fast nur gute Worte übrig: Nadella sei "wirklich, wirklich nett", zukunftsorientiert und pragmatisch. Allerdings, so ein Mitarbeiter, im Unterschied zu Ballmer sei der neue CEO "kein Dschingis Khan – und manchmal braucht man einen Dschingis Khan." (fsc, derStandard.at, 9.10.2014)

  • Ein Bild aus besseren Zeiten: Gates (links) und Ballmer (rechts) Ende der 1990er
    foto: reuters/christensen

    Ein Bild aus besseren Zeiten: Gates (links) und Ballmer (rechts) Ende der 1990er

  • Ballmer war nicht nur Microsofts Nummer Zwei hinter Gates, sondern auch dessen Trauzeuge
    foto: reuters/christensen

    Ballmer war nicht nur Microsofts Nummer Zwei hinter Gates, sondern auch dessen Trauzeuge

  • 2000 übernahm Ballmer dann den CEO-Posten von Gates, doch der intervenierte noch jahrelang
    foto: reuters/ho

    2000 übernahm Ballmer dann den CEO-Posten von Gates, doch der intervenierte noch jahrelang

  • Jetzt ist Satya Nadella (Mitte) am Ruder - Gates und Ballmer sprechen hingegen nicht mehr miteinander
    foto: reuters

    Jetzt ist Satya Nadella (Mitte) am Ruder - Gates und Ballmer sprechen hingegen nicht mehr miteinander

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