"Hobts mi gern am Tag des Herrn"

Reportage8. Oktober 2014, 18:02
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Die Innenstadt als Tourismuszone mit Sonntagsöffnung spaltet die Wirtschaft. Die Gewerkschaft bleibt bei ihrem Nein

Wien - "Das alles hier hat religiöse Gründe, nicht wahr?" Die Amerikanerin im flotten Outfit deutet über den Wiener Michaelerplatz, nickt teilnahmsvoll und bekundet, ohne die Antwort abzuwarten, ihr Verständnis. Sie selbst sei von den Staaten nach Japan ausgewandert, erzählt sie, da wie dort seien Geschäfte sieben Tage die Woche geöffnet. Aber sie akzeptiere andere kulturelle Sitten, ein paar Souvenirs seien für Touristen ja auch in Wien sonntags zu bekommen.

Einem Kanadier, lässig an eine Statue gelehnt, entlockt der bunte Aufmarsch der Gewerkschaft in der Wiener Innenstadt gegen die Sonntagsöffnung mit ihren Fahnen und Plakaten ein melancholisches Lächeln. "In einigen Provinzen hatten wir diese Diskussionen in den 1980er-Jahren." Aber irgendwann würden diese obsolet, denn viele Leute arbeiteten sechs Tage in der Woche. Zum Shoppen bleibe dann eh nur noch der Sonntag.

Wortgefechte

"Hobts mi gern am Tag des Herrn", prangt auf Leiberln der Arbeitnehmervertreter, die gestern, Mittwoch, in Geschäfte ausströmten, um die von einer möglichen Tourismuszone betroffenen Handelsmitarbeiter über Sonntagsarbeit abstimmen zu lassen. Was vier deutsche Touristen zu einem hitzigen Wortgefecht veranlasst.

Ein Leben lang habe sie in der Gastronomie durchwegs an Sonntagen hart gearbeitet, sagt eine fesche Schleswig-Holsteinerin, und ihre Stimme wird energisch: Mache sie Urlaub in Wien, erwarte sie sich, dass sie sonntags nicht vor verschlossenen Geschäften stehe.

Frauen dominieren

Ihre Reisegefährtin, ehemals im Tourismus engagiert, der ihr, wie sie betont, sechs Monate im Jahr eine Sieben-Tage-Woche abverlangte, pflichtet bei. Sie klappere nun so nach und nach alle Metropolen der Welt ab. Eine Hauptstadt ohne Sonntagsöffnung? "Das geht nun wirklich nicht. Ich muss mir sonntags ja kein Dirndl kaufen, sehr wohl jedoch alltägliche Dinge des Lebens." Worauf sich - mit leiser Stimme, aber entschieden kopfschüttelnd - ein betagter Urlauber aus Nordrhein-Westfalen einmischt.

"75 Prozent aller Handelsmitarbeiter sind Frauen. Was Sie hier wollen, zerreißt die Familien." Er selbst habe sein Leben lang im Handel gearbeitet und die offenen Sonntage bei Karstadt miterlebt. Höhere Umsätze habe das nie gebracht, obwohl viele Angestellte der Kaufhauskette an ihre Leistungsgrenzen gingen.

Mehr eingekauft werde künftig im Übrigen nicht an den Sonntagen in den Innenstädten, sondern daheim übers Web. "Schauen Sie sich an, was aus Karstadt wurde."

Angst um Zuschläge

Die Umfrage der Gewerkschaft unter 5566 Mitarbeitern ergibt: 94 Prozent wollen in der Wiener Innenstadt sonntags nicht in den Geschäften stehen. Das Argument, dass satte Lohnzuschläge den Job am Sonntag sehr wohl attraktiv machen, lässt GPA-djp-Handelsvorsitzender Franz Georg Brantner nicht gelten. Er erinnert an Erfahrungen aus anderen Ländern, in denen traditionelle Zuschläge in der Folge fielen. Denn aufgrund hoher Personalkosten rentiert sich die Sieben-Tage-Woche für die Mehrzahl der Händler nicht.

Dass junge Angestellte wenig Vorbehalte gegen Sonntagsarbeit haben, trifft aus Sicht der Gewerkschaft ebenso wenig zu. Umfragen unter Lehrlingen hätten mehrfach klar das Gegenteil bewiesen.

Hotellerie erfreut

Es war ein Vorstoß der Wiener Wirtschaftskammer zur Schaffung einer Tourismuszone, der das ewige Thema der Ladenöffnung wieder ins Rampenlicht holte. Die Tourismusbranche applaudiert, die Hotellerie jubelt, und Kammervertreter des Handels signalisieren erstmals Wohlwollen. Vehementer Gegner des Sonntagsshoppens bleibt die Gastronomie. Ende November soll das Ergebnis einer Urabstimmung unter allen Wiener Betrieben - vom Tischler bis zum Kosmetiker - vorliegen.

Neben Mitgliedern der Gewerkschaft eilen Schüler aus Scheifling durch die Gassen des Ersten Wiener Bezirks. 14 Jahre sind sie alt; nur einer aus der steirischen Truppe kann sich später einmal einen Job im Einzelhandel vorstellen. Ob sie bereit wären, sonntags regelmäßig im Geschäft zu stehen? "Das ist halt eine Geldfrage", wirft einer forsch in die Runde. Was sogleich im Stimmengewirr der Klassenkollegen untergeht: "Dann sind am Wochenende alle nur noch unterwegs und die Eltern gar nie mehr daheim." (Verena Kainrath, DER STANDARD, 9.10.2014)

  • Shoppen oder essen? Der Wiener Handel hofft, der Gastronomie sonntags künftig Geschäft abzunehmen. Die Beschäftigten sind dagegen.
    foto: apa/herbert neubauer

    Shoppen oder essen? Der Wiener Handel hofft, der Gastronomie sonntags künftig Geschäft abzunehmen. Die Beschäftigten sind dagegen.

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