Pessimismus vor Bosnien-Wahlen: "Es wird sich gar nichts ändern"

9. Oktober 2014, 17:54
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Viele Bosnier glauben nicht mehr, dass Wahlen irgendetwas für ihr Land bringen

Sarajevo - Auf dem Balkan kann man nahende Wahlen daran erkennen, dass Jahre alte Straßenbaustellen kurz vorher fertiggestellt werden. Der dunkle und leise Asphalt auf der Terezija-Straße in Sarajevo, die in den Stadtteil Grbavica führt, soll sich so etwa in Wählerstimmen niederschlagen wie der neue, leuchtende "Disco-Tunnel" vor Zenica.

In der Hauptstadt sind zudem Dutzende Politikergesichter zu bewundern. So wirbt der Schauspieler Maca mit seiner "Partei für ein europäisches Sarajevo" für die Legalisierung von Cannabis und Prostitution und sieht dabei so aus, als würde er Borat imitieren. Doch weder Maca noch die Wahl ansich scheinen die Leute, die vor dem Kaufhaus BBI sitzen, zu berühren. Was sie beschäftigt, sind Arbeitslosigkeit und Armut.

"Es wird sich einfach gar nichts ändern", sagt etwa Esmer Kulic, der in die Herbstsonne blinzelt. "Wenn in ein anderes Land so viel Geld hineingepumpt worden wäre wie in Bosnien-Herzegowina nach dem Krieg, dann würde es längst wieder funktionieren", meint der 45-Jährige. "Aber hier gibt es keine Prosperität." Was Kulic auch nervt, ist, dass die Ethno-Parteien noch immer mit der Angst vor dem Krieg Wahlkampf machen. Tatsächlich sind viele Bosnier existenziell von diesen Parteien abhängig. "Wenn du einen Job haben willst, gehst du entweder zu einer Partei oder du gehst ins Ausland", sagt Edin A. "Uns sind hier die Hände gebunden", erklärt der 29-jährige Mann, der Lebensmitteltechnologie studiert hat, und hält seine Handgelenke aneinander. Edin A. will diesmal gar nicht wählen oder den Wahlzettel zerreißen.

Allianz des Klientelismus mit dem Nationalismus

Der Klientelismus untergräbt die Demokratie in Südosteuropa. In Bosnien-Herzegowina ist er noch dazu eine unrühmliche Allianz mit dem Nationalismus eingegangen, weil Jobs in der Verwaltung nach ethnischen Kriterien vergeben werden. Für Leistungsgerechtigkeit ist wenig Platz. Predrag Kojovic von der Nasa stranka, der auf der Dachterrasse des Kaufhauses sitzt, kritisiert auch das wohlfahrtsstaatliche System, etwa die Pensionen für Kriegsveteranen. "80 Prozent der sozialen Leistungen gehen hier an Leute, die sie gar nicht brauchen", erklärt er. Kojovic glaubt schon, dass die Bosnier eine Wahl haben.

Anja B. weiß das nicht so recht. Die 23-jährige Englischstudentin will aber wenigstens ihr Wahlrecht nutzen. Von ihrem Land erwartet sie nichts. "Wenn ich keinen Job bekomme, gehe ich", sagt sie und hakt sich bei ihren Freundinnen unter, die die Marschall-Tito-Straße hinunter gehen. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 9.10.2014)

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