Im Nach-oben-Streben zu Boden fließen

8. Oktober 2014, 17:52
posten

Diana Al-Hadid in der Secession: "The Fates"

Wien - Wie das Wachs einer tropfenden Kerze zerfließt Farbe und Material. Alles scheint irgendwie zu zerrinnen, sich zu verflüssigen, zu Boden zu sinken - auch die sich eigentlich Richtung Decke schraubende Skulptur Phantom Limb. Ein üppiges Objekt, das seine Konstruktion aus einem metallenen Gitter und Karton preisgibt.

Zwar ist der Hauptraum der Secession angenehm aufgeräumt und die Materialien einfach, dennoch bestimmen Opulenz und Üppigkeit, Weiß, Gold und Silber die Arbeiten von Diana Al-Hadid: ein geradezu barocker Gestus. Auch die wie Vorhänge installierten, in weiße Farbe getauchten Mullbinden und Textilstreifen erinnern an das Formvokabular eines barocken Hochaltars oder Dekor einer Predigtkanzel.

Aber, so liest man, als Inspirationsquelle dienten der 1981 in Syrien geborenen und seit ihrem fünften Lebensjahr in den USA lebenden Künstlerin Plastiken der Antike und der Frührenaissance. Jedoch wird auch das nachvollziehbar, betrachtet man das "Notizbuch", das die Secession als Künstlerbuch herausgegeben hat: Visuelle Analogien stellen sich über die tiefen Gewandfalten der antiken Skulpturen her; nahezu Kanäle wurden in den Stein getrieben, nur da und dort spitzt ein Knie durch und gibt den Steinbahnen eine Form, die den Körper darunter erahnen lässt.

Dass die Bildhauerin, die sowohl Bilder des Aufbaus als auch des Verfalls beschwört, Kunstgeschichte studiert hat, wundert nun nicht mehr. Es sind Bildreferenzen wie Hans Memlings Allegorie der Keuschheit (1475), Pieter Bruegels Turmbau zu Babel (1563) oder eine als mythologische Figur der Gradiva identifizierte antike Vorlage, die die Arbeiten von Al-Hadid anstoßen. Sie entwickelt daraus formal sogar faszinierende Wandbilder: Mit farbigem Gips entstehen in einem mehrstufigen Prozess Bildreliefs, die an manchen Stellen transparent sind.

Al-Hadid interessiert, "unter wie viel ,Druck' man ein Bild setzen kann, bevor es anfängt, seinen Ursprung zu vergessen". Augenkitzler, die inhaltlich recht vage bleiben. Ein OEuvre, das sich allerdings noch entwickeln kann. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 9.10.2014)

Bis 2.11.

  • "Phantom Limb [Phantomschmerz]" heißt die Skulptur von Diana Al-Hadid, die sich im Hauptraum der Secession gleichzeitig gen Decke schraubt, als auch zu zerfließen scheint.
    foto: oliver ottenschlaeger

    "Phantom Limb [Phantomschmerz]" heißt die Skulptur von Diana Al-Hadid, die sich im Hauptraum der Secession gleichzeitig gen Decke schraubt, als auch zu zerfließen scheint.


Share if you care.