Steirischer Herbst: Pokerfaces vor dem Charisma-Köder

8. Oktober 2014, 17:30
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Das Künstlerhaus in Graz zeigt mit der Ausstellung "Ordinary Freaks", was coole Kunst kann

Graz - Faul sein in einer betriebsnudelnden Gesellschaft, sich nicht andienen, oder einfach mit glaubwürdig inszeniertem Desinteresse herumstehen und damit deutlich signalisieren "Ich möchte lieber nicht" - so fängt Coolness an. Das Prinzip Coolness in Popkultur, Theater und Museum lautet der Untertitel zur Ausstellung Ordinary Freaks des Grazer Künstlerhauses. Eingerichtet hat sie Hauskurator Christian Egger mit Theaterregisseur, Sänger (Die Goldenen Zitronen) und Künstler Schorsch Kamerun im Rahmen des Steirischen Herbstes.

Das Thema passt leidlich zum Herbst-Motto "I prefer not to ... share", das sich auf Herman Melvilles Arbeitsweltschocker Bartleby, the Scrivener: A Story of Wall Street aus dem Jahr - jawohl: - 1853 bezieht. Die Schau erweist sich beim Durchflanieren als locker-flockige Ansammlung von hoch- und popkulturellen Motiven der darstellenden und der bildenden Kunst.

Da hängt zum Beispiel eine handgekritzelte Visitenkarte des US-Punkmusikers Joey Ramone, großformatig in schwarzem Acryl von Stefan Sandner nachgemalt. Cool, sagt das, ist auch Business. Vor allem, wenn darin erfolgreich The Promise of Originality verpackt ist, wie es Kim Gordon in einem ihrer im Hauptraum verteilten Schriftbilder formuliert. Denn Coolness muss auch geheimnisvoll wirken, damit man hinter ihrer Verhaltenheit etwas magisch Einzigartiges vermutet.

Das Coole wirkt, sobald sein Charisma-Köder geschluckt wird. Wenn Understatement sexy wirkt. Mit diesem Doppeleffekt arbeitet Martin Creed in seinem Video Work No. 600: Eine junge, lässig schwarz (mit ein bisschen weiß) gekleidete Frau tritt vor die Kamera, zieht die Hose runter, hockt sich hin, gibt etwas Blasen- und Darminhalt ab und geht kommentarlos.

Zu folgern ist: Coolness vermeidet Expressivität. Außer sie dient der Ironisierung einer Diskursbemühung, wie der Film What Is A Group? von Ian Svenonius zeigt. Darin steuern zwei außerirdische Kosmonautinnen die Erde an. Eine erklärt der anderen, wie auf dem Planeten das Musikmachen und die Businessdynamik in der Popkultur der 1960er-Jahre funktioniert hat: "What is a producer again?" - "Nobody knows." Es folgt eine hohl dozierend vorgetragene Kritik am Barbarentum des Spätkapitalismus.

Härter geht es in Eugene Doyens Video Quiet Lives aus dem Jahr 1982 zu. Da spielt Tracy Emin eine junge Hausfrau, die von ihrem gewalttätigen Lebensgefährten gedemütigt wird. Sie erträgt's, ohne eine Miene zu verziehen, bis zum bitteren Ende. Coolness ist also provokant. Und niemals weinerlich - auch wenn geweint wird wie auf dem letzten der Thirteen Color Punk Photos (1978-2012) des Avantgardefilmers Bruce Conner. Eine Frau sitzt nach punkrockig durchwüteter Nacht mit vors Gesicht gehaltenen Händen auf einem versifften Sofa und ist fertig.

Zur Ausstellung gehört auch ein eigens in den Künstlerhauskeller gebauter Club mit Bar und Bühne, in dem jeden Donnerstag bis Ausstellungsende auf unterschiedliche Art die Post abgeht. Am Donnerstag ab 20 Uhr zum Beispiel mit Marina Grzinic, kommende Woche mit Idklang.

Dort ist auch ein Video von Schorsch Kamerun zu sehen: 100 Jahre 1. Weltkrieg. Heavy Metal Never Dies. Vor dem neuen Hamburger Stage Musical Theater schwebt ein rotes Frauengesicht, in das immer wieder Schnitte eingeblendet sind, die einen bis auf die Unterhose nackten Mann zeigen. Das Gesicht spricht über den Krieg: "Die Zeit im Auge behalten. Den Schmerz im Auge behalten. Die Blicke im Auge behalten. Zuschauen. Morgen früh sind wir immer noch!"

Von Kamerun stammt auch die Videoinstallation Die Bühne Rocken. Darin versinkt die Schauspielerin Birgit Minichmayr zwischen einem frühen Bild von Daniel Richter und einem Gemeinschaftsbild der Gruppe Die Maler, Def Leppard (leider) von 1989, in eine Kunstbetrachtungsmeditation. Da ist sie schließlich, die Selbstreferenz auf die Ordinary Freaks-Ausstellung! Auch sie wirkt sehr, sehr cool. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 9.10.2014)

Bis 20.11.

  • Vor dem neuen Hamburger Stage Musical Theater schwebt ein rotes Frauengesicht: "100 Jahre 1. Weltkrieg. Heavy Metal Never Dies" heißt die Arbeit von Schorsch Kamerun.
    foto: videostill schorsch kamerun

    Vor dem neuen Hamburger Stage Musical Theater schwebt ein rotes Frauengesicht: "100 Jahre 1. Weltkrieg. Heavy Metal Never Dies" heißt die Arbeit von Schorsch Kamerun.


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