Die Müllverbrennung kühlt Wiens neuen Hauptbahnhof

9. Oktober 2014, 05:30
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Das Bauwerk ist selbst ein kleines Kraftwerk, das oben Strom, unten Wärme und Kälte produziert

Wien - Am 10. 10. wird um 10 Uhr hochoffiziell und feierlichst eröffnet. Danach sind der neue Wiener Hauptbahnhof und das Einkaufszentrum Bahnhofcity in Betrieb und werden naturgemäß ordentlich Energie verbrauchen.

Gleichzeitig ist der neue Bahnhofskomplex allerdings auch ein kleines Kraftwerk - und wird selbst Energie produzieren. Einerseits oben auf dem Flugdach, wo eine 1200 Quadratmeter große Photovoltaikanlage Strom erzeugen wird. In etwa so viel, wie 30 Einfamilienhäuser verbrauchen. Das ist für ein derartiges Bauwerk zwar nicht die Welt - wird aber immerhin die Beleuchtung der Bahnhofsräumlichkeiten doch deutlich unterstützen.

Absorber in der Bodenplatte

Gleichzeitig wird der Hauptbahnhof aber auch Wärme und Kälte produzieren. Und das passiert unten drunter. Als die Bohrpfähle und vor allem die riesige, 1,80 Meter dicke Bodenplatte des Bahnhofes errichtet wurden, waren auch gleich Absorberleitungen mitverlegt worden. In denen zirkuliert eine Flüssigkeit, die Wärme beziehungsweise Kälte aus dem umgebenden Erdreich aufnimmt.

Über eine Wärmepumpe beziehungsweise Kältemaschine wird diese Energie dann zum Heizen im Winter - beziehungsweise zum Kühlen im Sommer genützt. Die gesamte Absorberfläche beträgt immerhin 32.000 Quadratmeter, und dementsprechend hoch ist auch der Ertrag: 1880 MWh Wärme beziehungsweise 475 MWh Kälte - das soll ein Viertel der gesamt benötigten Heiz- und Kühlenergie abdecken.

Das größte Fernkälteprojekt

In dieses nachhaltig orientierte Energiekonzept passt auch die restliche Kühlversorgung, für die die Wien-Energie verantwortlich zeichnet: Denn für dieses Unternehmen ist der Hauptbahnhof das bisher größte Fernkälteprojekt. Die erste Ausbaustufe der Kältezentrale und des Rückkühlwerkes ist bereits fertiggestellt - und bietet eine Kälteleistung von 20 Megawatt. Das entspricht in etwa der Kühlleistung von 125.000 modernen Haushalts-Eiskästen der Energieklasse A.

Das Besondere an dieser Anlage ist aber, dass die Kälte hier nicht nur über derzeit fünf Kompressoren hergestellt wird, die im Prinzip eben wie riesige Kühlschränke arbeiten - sondern dass die benötigte Energie zusätzlich auch über das Fernkältenetz der Wien-Energie produziert wird.

40-Tonnen-Maschinen

Diese Kälte wird aus der überschüssigen Wärmeenergie in der Müllverbrennung gewonnen. Zwei Absorptionskältemaschinen stehen für die Umwandlung in der Kältezentrale des Hauptbahnhofes bereit - jede von ihnen wiegt immerhin 40 Tonnen. Sie produzieren zirka sechs bis sieben Grad kaltes Wasser, mit dem dann die Bahnhofsräume gekühlt werden.

Der Probebetrieb begann bereits im Juni dieses Jahres - seit August wird die ÖBB-Konzernzentrale mit Kälte beliefert. Und am 10. Oktober kommt dann noch die Bahnhofcity mit 115 Geschäften und Gastronomiebetrieben auf 20.000 Quadratmetern dazu.

Kühlung auch im Winter

Im nächsten Jahr sind dann weitere Großabnehmer als neue Kühlkunden geplant - wie etwa der Erste-Bank-Campus. Der Hauptbahnhof wird übrigens nicht nur in den heißen Monaten Kälte benötigen: Rechenzentren und Serveranlagen müssen das ganze Jahr über gekühlt werden.

Das Wiener Fernkältenetz wird von Wien-Energie seit 2006 errichtet - die erste Kältezentrale ging im Jahr 2009 in der Müllverbrennung Spittelau ans Netz. Einer der bisher größten Fernkältekunden ist beispielsweise der Bürokomplex Towntown im dritten Wiener Gemeindebezirk.

100 Megawatt bis 2015

Die derzeit installierte Gesamtleistung des Wiener Fernkältenetzes beträgt 65 Megawatt. Dies wieder in Eiskasteneinheiten umgerechnet ergibt insgesamt 400.000 Stück. Bis 2015 soll die installierte Leistung auf 100 Megawatt gesteigert werden. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 9.10.2014)

  • Auf den Flugdächern des Hauptbahnhofes Wien wird künftig Sonnenstrom  erzeugt. Unten drunter werden die Bohrpfähle und die Bodenplatte Wärme  und Kälte erzeugen. Gleichzeitig ist der Bahnhof das derzeit größte  Fernkälteprojekt von Wien.
    foto: foto: apa / hans punz

    Auf den Flugdächern des Hauptbahnhofes Wien wird künftig Sonnenstrom erzeugt. Unten drunter werden die Bohrpfähle und die Bodenplatte Wärme und Kälte erzeugen. Gleichzeitig ist der Bahnhof das derzeit größte Fernkälteprojekt von Wien.

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