Harry Howard: Voll im Leben, nah am Tod

8. Oktober 2014, 17:47
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Der australische Musiker kommt mit seiner Band Near Death Experience erstmals nach Österreich. Als Mitglied von Crime and the City Solution und These Immortal Souls war er in den 1980ern Teil der "Australian Invasion" um Nick Cave

Wien - Über das Wesen kleiner Brüder gibt es satt Literatur. Wie besteht man als Nachgeborener? Macht man dem großen Bruder alles nach oder lieber nicht? Beraterliteratur vom Feinsten. Bücher für unausgelastete Eltern - nicht für kleine Brüder. Harry Howard ist so einer, und er hat vieles gleich wie und einiges anders gemacht als sein großer Bruder. Sapperlot, wer hätte das gedacht?

Beide Howards spielten in Bands, die der australischen Invasion der 1980er-Jahre angehörten. Rowland S. Howard ist 2009 an den Folgen einer Lebererkrankung gestorben. Harry geriet ebenfalls schon in die Nähe des eigenen Ablebens; man erzählt von einem Schlaganfall, der eine Gesichtshälfte gelähmt hat. Mit seiner Band ist er nun erstmals außerhalb von Australien unterwegs. Diese Woche gastiert er in Ebensee und Wien.

Die Band taufte er auf den Namen Near Death Experience, Nahtoderfahrung. Man nennt das wohl australischen Humor. Harry stand meist im Schatten seines Bruders. Rowland war der ungesund wirkende Gitarrist bei The Boys Next Doors und The Birthday Party, spielte an der Seite von Nick Cave gleißende Riffs, gerne auch Schneidbrennergitarre genannt.

Als Cave die Bad Seeds gründete und für Howards seziererisches Spiel darin keinen Platz sah, wechselte der zu Crime and the City Solution und gründete später seine eigene Band: These Immortal Souls. In beiden Formationen stand Harry Howard an der Seite seines Bruders.

Sonnige Knastinsel

Sie führten auf ihre Weise Gothic, Blues und Punk zusammen - Caves Kunst nicht unähnlich und sicher nicht schlechter. Doch nur Nick Cave gelang eine Weltkarriere, der Rest versumperte mehr oder weniger glorreich im Laufe der frühen 1990er-Jahre, zog sich zurück auf die sonnige Knastinsel gleich oberhalb von Tasmanien.

Howard debütierte als Bandleader erst vor zwei Jahren mit der Near Death Experience, im Vorjahr legte er das Album Pretty nach, das erst heuer Europa erreichte. Darauf erfreut er mit tief im Garagenrock der 1960er-Jahre steckender Rockmusik, dem eine charakteristisch eiernde Farfisa-Orgel Popmomente zuführt.

Natürlich hat Harry auch den Blues, den Old Man Blues, der sich uneinsichtig und schweinigelnd gibt. Männer sind ja so einfach, solange es nicht kompliziert wird. An seiner Seite musizieren Lebensgefährtin Edwina Preston an den Tasten, am Schlagzeug sitzt Clare Moore, den Bass spielt Dave Garney. Der ist Down Under eine große Nummer und hierzulande der angegrauten Neigungsgruppe noch als Sänger der Moodists erinnerlich.

Howards Gesangsstil ist mit rotzig gut beschrieben, in seinem Gitarrenspiel ist durchaus jenes seines Bruders erkennbar, allerdings fordern die angestrebten Resultate der NDE eine weniger dekonstruktive Radikalität. Als Daseinsgarderobe trägt zumindest Howard brav einen Anzug. Der passt im Leben und im Tod gleichermaßen. Angesichts der erfrischenden Musik der Near Death Experience wünschen wir ihm aber natürlich noch viele Jahre. (Karl Fluch, DER STANDARD, 9.10.2014)

Harry Howard & Near Death Experience

10.10. Kino Ebensee

11. 10. Wien, Fluc.

Im Vorprogramm: Dim Locator. 20.30 bzw. 21.00

  • Harry Howard (li.) ist mit seiner Band Near Death Experience in Österreich unterwegs. Das Land war seinen früheren Bands immer sehr zugeneigt. Er spielt in Ebensee und Wien.
    foto: david wadelton

    Harry Howard (li.) ist mit seiner Band Near Death Experience in Österreich unterwegs. Das Land war seinen früheren Bands immer sehr zugeneigt. Er spielt in Ebensee und Wien.


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