Ankaras Vorposten in Syrien unter Druck

Hintergrund9. Oktober 2014, 07:00
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Seit Jahrzehnten bewachen türkische Soldaten eine winzige Exklave nahe Kobanê. Seit die IS näher rückt, rüstet die Türkei auf

50 Kilometer südwestlich der umkämpften Stadt Kobanê liegt inmitten Syriens ein Stück Türkei: das Grabmal von Suleyman Shah, Großvater des osmanisches Staatsgründers Osman I., gestorben 1236. Gerade einmal 9.000 Quadratmeter misst der historische Vorposten Ankaras in dem Bürgerkriegsland, kaum mehr als ein Fußballfeld. Seit mehr als 90 Jahren schieben dort türkische Soldaten vor den Augen ihrer syrischen Nachbarn Wache. Die meiste Zeit unbehelligt. Seit die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) aber Ortschaft um Ortschaft ringsum eingenommen und die türkischen Soldaten offen bedroht hat, wird Ankara nicht müde zu betonen, dass es einen Angriff auf die Exklave als einen Angriff auf die Türkei betrachten würde - und damit auf die NATO, wie der damalige Premierminister Recep Tayyip Erdogan schon 2012 drohte. Damals galt dies freilich noch vor allem dem Regime von Syriens Präsidenten Baschar al-Assad.

Plötzlich im Ausland

Dabei war die kleine Exklave am Euphrat bis vor kurzem wohl auch in der Türkei nur Historikern ein Begriff. Als dieser Teil des untergegangen Osmanischen Reichs nach dem Ersten Weltkrieg getreu dem Sykes-Picot-Abkommen französisches Mandatsgebiet wurde, fanden sich die nunmehr türkischen Soldaten an dem Grabmal im feindlichen Ausland wieder.

Seit 1921 garantiert der Vertrag von Ankara der Türkei "Eigentumsrechte" über das Mausoleum, sie darf etwa die türkische Flagge dort hissen und Soldaten entsenden, die Wache stehen. 1973, als das syrische Regime den Euphrat mithilfe des Taqba-Dammes aufstaute, wurde die ursprüngliche Anlage bei Qalat Jabar überflutet und 80 Kilometer weiter nördlich nahe der syrischen Stadt Sarrin wiedererrichtet. Das kleine türkische Territorium wanderte einfach mit.

Vor Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien versorgte die Kaserne in der türkischen Grenzstadt Şanlıurfa die Soldaten, damals nur ein Dutzend, Tag für Tag per Militärlastwagen mit Lebensmitteln, alle zwei Wochen wurden die teils mit Wehrpflichtigen besetzten Wachposten abgelöst.

False-Flag-Aktion

In das Bewusstsein einer breiteren türkischen Öffentlichkeit gelangte das Grabmal erst im März, als es im Mittelpunkt der Abhöraffäre rund um angeblich geplante False-Flag-Aktionen der türkischen Armee stand. Hochrangige Vertreter aus Politik, Armee und Geheimdienst hatten einem Tonband zufolge darüber spekuliert, dass ein syrischer Angriff auf das Grabmal der Türkei als Grund zu einer Militärintervention in Syrien gereichen könne.

Ein halbes Jahr später sieht sich Ankaras Vorposten in der Levante Berichten zufolge tatsächlicher Bedrohung ausgesetzt. IS-Kämpfer sollen die Exklave, die durch eine Brücke an das syrische Fernstraßennetz angebunden ist, umstellt haben. Im März forderten die Terroristen die Türkei dazu auf, ihre Soldaten innerhalb von drei Tagen von dem Mausoleum abzuziehen; jüngst machten in türkischen Medien Berichte über bereits erfolgte Entführungen türkischer Soldaten die Runde, die Regierung dementierte umgehend.

Spezialkräfte entsandt

Als Antwort auf die näher rückenden IS-Truppen entsandte die Armeeführung im Frühling das Sondereinsatzkommando Bordo Bereliler samt schwerer Waffen in die Exklave, die vom syrischen Stromnetz unabhängig Elektrizität und Trinkwasser erzeugt und per Satellitentelefon mit dem Generalstab im fernen Ankara in Verbindung steht. Etwa 70 Elitesoldaten sollen das symbolisch so bedeutsame Grabmal derzeit schützen. "Vertraut darauf, nur ein Wort von euch, und das türkische Militär wird sofort an eurer Seite sein", beteuerte Generalstabschef Necat Özel Anfang Oktober in einem offenen Brief an die Soldaten in Syrien. (Florian Niederndorfer, derStandard.at, 8.10.2014)

  • Die Wachen wurden inzwischen von Spezialkräften abgelöst.
    foto: ap

    Die Wachen wurden inzwischen von Spezialkräften abgelöst.

  • Die Fläche misst nur 9.000 Quadratmeter.
    foto: ap

    Die Fläche misst nur 9.000 Quadratmeter.

  • Die Symbolkraft der Exklave ist in jüngster Zeit stark gestiegen.
    foto: ap/ministry of forest and water

    Die Symbolkraft der Exklave ist in jüngster Zeit stark gestiegen.

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