Das aktuelle Buch: Die Geschichte ist viel mehr als Krieg und Frieden

Rezension8. Oktober 2014, 12:17
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Die Essay- und Analysesammlung beschreibt Eckpunkte der Jahre 1814, 1914 und 2014

Ein ungewöhnliches Geschichtsbuch haben Hannes Androsch, Bernhard Ecker und Manfred Matzka bei Brandstätter herausgegeben: 1814, 1914, 2014 über, wie es im Untertitel heißt, 14 Ereignisse, die die Welt verändert haben. Die Essay- und Analysesammlung beschreibt natürlich viel mehr als bloß Zahlenmagie oder die Abfolge von Krieg und Frieden. In dem ausnehmend schön gestalteten Buch werden Eckpunkte dieser Schlüsseljahre benannt, aber auch Beweger, Premieren und Errungenschaften jenseits des Buchs der Rekorde.

Als Tanzsaison der Superlative blieb der Ende Oktober 1814 offiziell begonnene Wiener Kongress in Erinnerung, weil der Fürst de Ligne das populäre Bonmot geprägt hatte: "Le congrès ne marche pas, il danse" - Kurzform: "Der Kongress tanzt". Das passte auch zum heutigen Boulevard. Obwohl, wie Manfried Rauchensteiner in einer auch für den Schulunterricht brauchbaren Kompaktform schreibt, letztendlich im Juni 1815 eine europäische Friedensordnung für immerhin 40 Jahre herauskam. Diktiert von den "Monarchen des Ostens" - Österreich, Russland und Preußen. Die Briten hielten sich von der "Heiligen Allianz" fern, die Türkei wollte man nicht, weil nicht christlich verfasst. Erinnert Sie da etwas an die Beitritts- und Austrittsfragen in der EU?

Dass der Einigungsprozess in unseren Augen eine Schnecke ist, historisch-politisch vielleicht sogar ein Jet, demonstriert Anton Pelinkas Würdigung des Europäischen Parlaments, das in diesen Tagen den Staats- und Parteichefs die Zähne zeigt.

Trautl Brandstaller indessen spannt einen Zeitbogen - von der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (die eine Woche vor den Schüssen in Sarajevo gestorben ist) herauf zu den Frauenbewegungen des 21. Jahrhunderts. Ein wichtiger Text in regelmäßig feminismusfernen Geschichtsbüchern.

Alexandra Föderl-Schmid wiederum skizziert Tim Berners-Lee, den Erfinder des revolutionären World Wide Web. Von da führt einer der Zukunftswege schnurstracks zu den von Gerald Reischl beschriebenen Cyborgs. Er lässt sie Fußball spielen. Aber wer weiß - vielleicht kämpfen sie ab 2114 für die "Vereinigten Atlantischen Staaten" unter einem Urururenkel von G. W. Bush in den Wüsten von Nahost gegen Krieger von einem anderen Stern. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 8.10.2014)

Hannes Androsch, Manfred Matzka, Bernhard Ecker (Hg.), "1814, 1914, 2014. 14 Ereignisse, die die Welt verändert haben". € 34,90 / 240 S. Brandstätter, Wien 2014

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