Vermögenssteuer: Experte fürchtet keine Massenauswanderung

Chat10. Oktober 2014, 10:43
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Steuern, Bürokratie, Finanzierungsengpässe: Steuerexperte Peter Bartos beantwortete im Chat Ihre Fragen

Die Besteuerung von Arbeitseinkommen ist in Österreich grundsätzlich zu hoch, sagte der Chef der Beratungsfirma BDO, Peter Bartos, im derStandard.at-Chat. Eine Steuerreform könne man nur mit Einsparungen in der Bürokratie finanzieren, sonst würde Geld nur von der einen Hosentasche in die andere wandern. Zu einer Vermögenssteuer äußerte sich Bartos nicht eindeutig. Evident sei aber, dass Österreich im internationalen Vergleich "sehr, sehr niedrige Werte aufweist".

Für den Fall einer echten Vermögenssteuer sieht Bartos zwar keine "Massenauswanderung", es gebe aber "einige sehr wohlhabende Personen, die nicht zuletzt aufgrund der geringen Vermögensbesteuerung nach Österreich gekommen sind." Denen wäre es ein Leichtes, ihren Wohnsitz wieder zu verlegen. Genau deshalb habe die Grundsteuer Charme, weil es nicht auf den Wohnsitz ankommen, sondern darauf, wo das Grundstück liegt.

Das Steuerabkommen mit der Schweiz hält Bartos für vorteilhaft. Eine Milliarde Euro an Einmaleinnahmen und künftig Steuern für laufende Zins- und Dividendeneinkünfte seien immerhin besser als nichts.

Steuerwettbewerb zwischen den Bundesländern steht er skeptisch gegenüber. "Was soll dabei herauskommen? Das würde das Steuersystem noch deutlich komplizierter machen." Vereinfachen könnte man das System hierzulande leicht, indem man die steuerlichen Vorteile von Urlaubs- und Weihnachtsgeld einfach auf die anderen zwölf Monate ummünze.

Zum Thema Beziehungen sagte Bartos, sie seien in Österreich aufgrund der Kleinheit des Landes "natürlich immer ein Thema". "Um erfolgreich zu sein, bedarf es daher einer gewissen Bekanntheit." Entscheidend sei schlussendlich aber das Vertrauen der Auftraggeber. Weil öffentliche Aufträge ausgeschrieben werden, "spielen politische Beziehungen aber mittlerweile im Normalfall eine untergeordnete Rolle". (red, derStandard.at, 10.10.2014)

ModeratorIn: Hallo lieber User, wir haben heute den Steuerberater Peter Bartos zu Gast im Chat. Herzlichen Dank fürs kommen. Wir freuen uns auf Ihre Fragen. Los gehts

Peter Bartos: Danke für die Einladung, ich freue mich auf einen spannenden Chat.

UserInnenfrage per Mail: Heute steht im neuen EcoStandard, dass die Banken den Druck auf die Unternehmen massiv erhöhen, seit Basel III erfüllt werden muss. Sehen Sie das auch so?

Peter Bartos: Das ist grundsätzlich richtig und führt besonders in Österreich aufgrund der im internationalen Vergleich sehr hohen Bankenfinanzierungsanteils unserer Unternehmen zu Problemen. In Österreich finanzieren sich Unternehmen zu etwa 70 % über Banken, Deutschland liegt mit etwa 50 % da schon unter uns. Im Vergleich dazu liegen die Amerikaner knapp über 10 %.

UserInnenfrage per Mail: Haben Sie eine Einschätzung, für welche Projekte es derzeit besonders schwierig ist, an Geld zu kommen?

Peter Bartos: Besonders schwierig ist es sicherlich für Start-up-Unternehmen, sowie für Unternehmen die nicht über eine ausgezeichnete Bonität verfügen.

UserInnenfrage per Mail: Wie wichtig sind politische Beziehungen in Ihrer Branche? Wie wichtig sind sie für Sie?

Peter Bartos: In Österreich sind gesellschaftliche Beziehungen aufgrund seiner Kleinheit natürlich immer ein Thema. Um erfolgreich zu sein, bedarf es daher natürlich einer gewissen Bekanntheit. Entscheidend ist aber letztendlich ob man das Vertrauen seiner Auftraggeber genießt. Konkret spielen politische Beziehungen aber mittlerweile im Normalfall eine untergeordnete Rolle, weil öffentliche Aufträge auszuschreiben sind.

Citizen73: Ist die Kapitalertragsteuer mit 25 % nicht die größte Ungerechtigkeit im Steuersystem im Hinblick darauf, dass vor allem äußerst vermögende Personen hohe Kapitaleinkünfte lukrieren und diese nur mit 25 % besteuern müssen anstatt mit 50 %?

Peter Bartos: Grundsätzlich ist es sicherlich ein Thema, in vielen europäischen Staaten werden Kapitaleinkünfte deutlich höher oder sogar mit dem Normalsteuersatz besteuert.

UserInnenfrage per Mail: Wann kommt die Vermögenssteuer?

Peter Bartos: Da müssen sie bitte Herrn Schelling fragen. Ich werde gleich anregen, ihn auch zu einem Chat zu laden.

ModeratorIn: Sollte er nicht kommen wollen: wie stehen Sie dazu?

Peter Bartos: Evident ist, dass Österreich im internationalen Vergleich bei den sogenannten vermögensbezogenen Steuern (diese sollten jedoch nicht wie in der öffentlichen Diskussion vielfach zu sehen mit einer allgemeinen Vermögenssteuer gleichgesetzt werden) sehr, sehr niedrige Werte aufweist. Selbst sehr kapitalistisch-orientierte Staaten wie die USA und Großbritannien weisen deutlich höhere Werte auf. Dies ist allerdings nicht auf eine Vermögenssteuer im engeren Sinn (die gibt es nämlich dort auch nicht), sondern im Wesentlichen auf die Grundsteuer zurückzuführen. Daneben spielt in den USA auch die Ebschafts- und Schenkungssteuer eine wesentliche Rolle.

UserInnenfrage per Mail: Österreichs Bankensteuer lastet wie ein Mühlstein auf der Kreditvergabe. Wie stehen Sie dazu?

Peter Bartos: Die Bankenabgabe hat sicherlich das Problem, dass sie vollkommen unabhängig von der konkreten Ergebnissituation der einzelnen Institute ist. Natürlich werden die Banken durch diese Abgabe erheblich belastet und müssen daher diese Belastung letztendlich auf die Kunden überwälzen.

Stefan__at: Lohnsteuer runter - halten sie dieses Projekt für realistisch / durchführbar? brauchen doch alle mehr Brutto vom Netto.

Peter Bartos: Aus meiner Sicht sind Arbeitseinkommen in Österreich grundsätzlich zu hoch besteuert. Dies gilt insbesondere für Niedrigverdiener, die ab einem monatlichen Einkommen von mehr als 1.300 Euro fast 45 % an Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträgen zu bezahlen haben. Bei der Senkung des Eingangssteuersatzes von derzeit 36,5 % auf 25 % würde in etwa jährlich 6 Milliarden Euro an Mindereinnahmen verursachen. Es stellt sich daher die Frage, wo dieses Geld aufgebracht werden kann. Schichtet man nur zwischen verschiedenen Steuern herum (zB Erhöhung der Grundsteuer), dann zahlen sich die Steuerzahler eine Senkung der Lohnsteuer de facto wiederum selber. Der einzige Weg ist daher, die zahlreichen auf dem Tisch liegenden Einsparungspotenziale im Rahmen der staatlichen Verwaltung endlich zu heben.

powidl!: Finden Sie es fair, dass Steuerhinterzieher nun Ihr Schwarzgeld pauschal versteuert aus der Schweiz legal nach Österreich zurückführen können? Diese Gelder könnten ebenso durch Straftaten lukriert worden sein?

Peter Bartos: Das ist natürlich grundsätzlich möglich. Letztendlich geht es um eine Abwägung der Vor- und Nachteile. Österreich hat aus dem Abkommen mit der Schweiz 1 Milliarde Einmaleinnahmen geplant, was auch etwa erreicht werden wird. Zusätzlich sind für die Zins- und Dividendeneinkünfte auch in Zukunft laufend Steuern zu bezahlen. All das hätten wir ohne das Abkommen nicht.

gläsernerUser: wie stehen sie zur oft geforderten steuerhoheit der bundesländer?

Peter Bartos: Ich halte das vorsichtig ausgedrückt, für keine gute Idee. Was soll dabei herauskommen? Steuerwettbwerb zwischen den einzelnen Bundesländern? Davon abgesehen, würde das Steuersystem noch deutlich komplizierter werden.

UserInnenfrage per Mail: Würden Sie es sich zutrauen, ein eigenes Unternehmen auf die Beine zu stellen?

Peter Bartos: Ja.

UserInnenfrage per Mail: Die Steuerberater wollen die Begünstigung des 13. und 14. Gehalt abschaffen und den Vorteil auf 12 Gehälter umlegen. Warum?

Peter Bartos: Die Abrechnung der verschiedenen Sonderzahlungen (Urlaubs- u. Weihnachtsgeld) ist mittlerweile extrem komplex geworden. Diese Komplexität könnte man aus dem Steuersystem sehr einfach herausnehmen, indem man diesen Vorteil in den normalen Tarif integriert.

sometimes right on time: Werden viele wohlhabende Leute abwanderen wegen der bevorstehenden Vermögenssteuer? bzw. sind schon sbgewandert ?

Peter Bartos: Eine Massenauswanderung ist sicher nicht zu befürchten. Allerdings gibt es sicher einige sehr wohlhabende Personen, die nicht zuletzt aufgrund der geringen Vermögensbesteuerung nach Österreich gekommen sind und denen es ein Leichtes wäre, ihren Wohnsitz auch wieder in ein anderes Land zu verlegen. Deshalb hat ja gerade die Grundsteuer gegenüber einer allgemeinen Vermögenssteuer einen besonderen Charme, da es dabei nicht auf den Wohnsitz, sondern darauf ankommt, wo das Grundstück liegt.

UserInnenfrage per Mail: Was viele Unternehmen nervt sind die unterschiedlichen Vorschriften für Sozialversicherung und Steuer. Kann man da nicht gemeinsame Bemessungsgrundlagen schaffen und die Einhebung der Abgaben und die Berufungsinstanzen vereinheitlichen?

Peter Bartos: Ein ganz wichtiger Punkt. Unser Berufsstand hat schon mehrmals Vorschläge zu einem sogenannten Einheitstarif gemacht, der sowohl die Sozialversicherung als auch die Steuer enthalten würde. Viele derzeitige Probleme (zB unterschiedliche Bemessungsgrundlagen und Berufungsinstanzen) die Sie angesprochen haben, würden damit in Zukunft nicht mehr auftreten.

UserInnenfrage per Mail: Gehört die Sozialversicherung für Ein-Personen-Unternehmen reformiert? Selbstständige zahlen dafür vielfach enorme Verzugszinsen, ist das gerechtfertigt?

Peter Bartos: Die Sozialversicherungsbeiträge stellen in Verlustsituationen bzw. bei geringen Einkommen, sehr oft ein erhebliches Problem dar, weil Mindestbeiträge zu entrichten sind.

powidl!: Viele Personen aus meinem Bekanntenkreis möchten sich gerne selbstständig machen. Meist scheitert es an der Gewerbeordnung (bzw. Branche selbst), sehen Sie hier Handlungsbedarf? Ohne Wettbewerb wird die Konjunktur schwer zu beleben sein.

Peter Bartos: Die Gewerbeordnung sollte sicherlich wieder einmal dahingehend durchforstet werden, ob die Reglementierungen wirklich dem Schutz der Konsumenten dienen (zB sollte meines Erachtens nicht jeder Selbstberufene an der Gastherme herumschrauben dürfen), oder nicht einfach nur ein Abschottungsinstrument darstellen.

TVT: Wie stehen sie zur Schwarzarbeit auf, ich nenne es mal privater Ebene, wo ein zb Elektriker nach der Arbeit noch eine kleine Baustelle "schwarz" betreut. Ich habe den Eindruck, dass dieser Umstand unsere Volkswirtschaft zu einem Gutteil am Laufen hä

Peter Bartos: Grundsätzlich führt Schwarzarbeit dazu, dass jene die ihre Steuern zahlen, noch mehr zu berappen haben. Faktum ist aber auch, dass viele Leistungen ohne Schwarzarbeit gar nicht erbracht werden würden, weil sich die Konsumenten diese auf legalem Weg nicht leisten könnten. Einziger Ausweg aus meiner Sicht, ist daher eine möglichst geringe Besteuerung von Arbeit. Darüberhinaus sollten auch noch praktikable Lösungen erarbeitet werden, die eine mit geringem administrativem Aufwand verbundene Versteuerung von für den Privatbereich erbrachten Leistungen (zB Putzfrau oder "Nachbarschaftshilfe") ermöglicht. Vielleicht gibt es ja doch einmal einen Dienstleistungsscheck-neu.

TVT: Okay, noch eine Frage: Nehmen wir an, das Steuersystem würde ordentlich gestrafft, was spräche dann dagegen, dieses komplett zu automatisieren, spricht Steuererklärungen durch Computer erstellen zu lassen? Denkunmöglich ist das ja nicht.

Peter Bartos: Weite Bereiche im Rahmen der Lohnsteuer sind bereits heute automatisiert. Wenn darüber hinaus keine weiteren "Eingriffe" mehr erforderlich sein sollen, müssten eigentlich alle derzeit als Werbungskosten, Sonderausgaben oder Außergewöhnliche Belastungen absetzbaren Ausgaben abgeschafft werden. Über einige davon lässt es sich sicher diskutieren. Einige haben jedoch sicherlich ihre Berechtigung. Für diese Bereiche wird eine Automatisierung daher nicht in Frage kommen. Gleiches gilt auch für die Unternehmensbesteuerung.

UserInnenfrage per Mail: Was halten Sie von der Idee, dass Jungunternehmer für den ersten Mitarbeiter im ersten Jahr keine Lohnnebenkosten zahlen?

Peter Bartos: Sehr gute Idee. Es gibt derzeit aufgrund des Neugründungsförderungsgesetzes bereits wesentliche Erleichterungen für Jungunternehmer, die ua. auch die Lohnnebenkosten umfassen.

UserInnenfrage per Mail: Wie könnte aus Ihrer Sicht ein konkreter, halbwegs kostengünstiger Rechtsrahmen für Crowdfunding aussehen?

Peter Bartos: Das ist aus meiner Sicht ein wirklich schwieriges Thema. Einerseits soll es natürlich möglichst einfach sein an Unternehmenskapital zu kommen. Andererseits müssen "Unbedarfte" entsprechend geschützt werden. Es bedarf daher einer Lösung, die einwandfrei klarstellt, dass die von den Investoren aufgebrachten Mittel Risikokapital darstellen und man sich daher bei einem Misserfolg nicht nachher an staatliche Instanzen wenden kann.

ModeratorIn: Herzlichen Dank an Peter Bartos und an die UserInnen für die spannende Diskussion. Entschuldigen Sie bitte, dass nicht alle Fragen in der Kürze der Zeit beantwortet werden konnten. In der heutigen Print-Ausgabe finden sich im EcoStandard noch ein pa

Peter Bartos: Es hat großen Spaß gemacht. Vielen Dank für die Einladung!

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