Bolivien: "Evo Morales hat uns als Feind des Volkes bezeichnet"

Interview11. Oktober 2014, 11:00
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Der Chefredakteur einer unabhängigen Tageszeitung über die schwierige Lage der Medien

Am Sonntag wählt Bolivien einen neuen - wahrscheinlich alten - Präsidenten. Evo Morales kandidiert für eine dritte Amtszeit und liegt in den letzten Umfragen bei knapp 60 Prozent der Wählerstimmen. Unter Morales wurden aber nicht nur die 36 indigenen Volksgruppen in einer neuen Verfassung anerkannt, sondern auch der Druck auf unabhängige Medien größer.

Vor vier Jahren gründete sich die "Página Siete" als unabhängige, überregionale Tageszeitung in La Paz. Ihr Chefredakteur Juan Carlos Salazar del Barrio erzählt Bianca Blei in der Redaktion von Anfeindungen des Präsidenten, die Selbstzensur von Journalisten und wie lange er glaubt, dass es die Zeitung noch geben wird.

derStandard.at: Mit welcher Geschichte haben Sie die größten Probleme mit der Regierung bekommen?

Salazar del Barrio: Die Probleme haben wir bereits seit der Gründung der Zeitung vor vier Jahren. Aber im August 2013 kam es zu gezielten Angriffen auf meinen Vorgänger als Chefredakteur. Präsident Evo Morales und der Vizepräsident haben sich an den kritischen Artikeln und den Kommentaren in der Zeitung gestört.

derStandard.at: Welche Konsequenzen hatte das?

Salazar del Barrio: Es gab einige Fälle von Bedrohungen durch soziale Organisationen, die der Regierung nahestehen. Wie den Ponchos Rojos, eine indigene Organisation im Hochland Boliviens. Wir haben herausgefunden, dass es Korruption im Zusammenhang mit dem Fonds Indigena – dem Fonds für indigene Entwicklungszusammenarbeit – gibt. Es wurden Projekte gefördert, die es gar nicht gibt. Daraufhin wurde uns angedroht, dass das Redaktionsgebäude besetzt wird und eine unserer Journalistinnen wurde persönlich bedroht. Zum Glück ist aber im Endeffekt nichts passiert.

derStandard.at: Hat sich die Lage unter Präsidenten Evo Morales verschärft?

Salazar del Barrio: Es werden seitdem sehr wohl mehr kritische Medien unter Druck gesetzt. Der Präsident sagte bei seinem Amtsantritt, dass 90 Prozent der Medien der Opposition zuzuschreiben sind. Jetzt sind das nur noch 10 Prozent.

Ich würde aber nicht sagen, dass wir irgendeinem politischen Lager angehören. Wir sind vielmehr unabhängig und kritisch in alle Richtungen. Ich weiß, dass das in Europa etwa nicht so ist aber in Bolivien ist der Staat ein zentraler Akteur in der Medienbranche, wenn es um Unterstützungen geht. Mittlerweile geben uns weder der Präsident noch der Vizepräsident Interviews, wir haben als einziges Medium keinen Zugang zu offiziellen Informationen. Auch während des Wahlkampfs nicht.

derStandard.at: Wie schwer war es, eine unabhängige Zeitung in Bolivien zu gründen?

Salazar del Barrio: Bei der Gründung selbst war ich nicht dabei. Ich war die vergangenen zehn Jahre Chefredakteur der dpa in Spanien. Vor drei Jahren bin ich dann erst zurückgekommen. Mein Vorgänger hat mir aber erzählt, dass es Probleme gegeben hat. Die Zeitung steht für Meinungspluralität und das stört die Regierung. Wir sind in den vergangenen vier Jahren vielleicht nicht die größte Zeitung des Landes geworden aber dafür die mit dem größten Einfluss.

derStandard.at: Gab es jemals den Versuch von der Regierung, die Zeitung aufzukaufen?

Salazar del Barrio: Nein, wir sind finanziell unabhängig. Die Zeitung finanziert sich durch Inserate von privaten Unternehmen. Zwar sind wir eine kleine Redaktion mit 30 Mitarbeitern aber dennoch wird es am Ende des Monats knapp.

derStandard.at: Wie schwer ist es, junge Journalisten für unabhängige Arbeit in Bolivien zu motivieren?

Salazar del Barrio: Für viele Junge ist es schwierig, denn sie wissen von den Problemen: wenig Zugang zu Informationen und Druck von außen. Ich sehe allerdings die größte Gefahr in der Selbstzensur. Es gibt eine Neigung, im Vorhinein schon vorsichtig zu sein und die wird immer größer. Das ist eine schmale Grenze zur Selbstzensur.

derStandard.at: Wie sieht es mit den audiovisuellen Medien aus: Befinden sich die Radio- und TV-Stationen in Regierungshand?

Salazar del Barrio: Mein Vorgänger als Chefredakteur hat ein Buch darüber geschrieben. Darin beschreibt er Informationen über den Kauf der Medien durch Betrug. Viele staatliche und halbstaatliche Medien haben ihre Linie bei der Berichterstattung über die Regierung geändert. Im Wahlkampf gab es vor kurzem eine große Debatte im Fernsehen an der Morales nicht teilgenommen hat. Daraufhin haben diese Debatte nur noch kleine private und katholische Sender ausgestrahlt. Alle anderen haben aufgezeichnete Interviews mit Morales gezeigt.

derStandard.at: Wie lange wird es die "Página Siete" noch geben?

Salazar del Barrio: Ich hoffe, dass es sie für immer gibt. (lacht) Wenn Morales aber noch einmal die absolute Mehrheit erreicht, dann wird es sehr schwierig. Er hat keine Toleranz bei Kritik an der Regierung. Für ihn gibt es nur schwarz-weiß. Kritiker an ihm sind für ihn automatisch Opposition und somit automatisch Feinde.

Der Präsident hat einmal die "Página Siete" in die Fernsehkameras gehalten und gesagt: "Das ist der Feind des Volkes." So etwas darf es in einer Demokratie nicht geben. Prinzipiell bleibe ich aber optimistisch, denn in Bolivien herrscht noch immer Pressefreiheit. Ohne Zensur von Seiten der Regierung. Die größte Gefahr bleibt die Selbstzensur der Journalisten. (Bianca Blei, derStandard.at, 11.10.2014)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Recherchereise wurde von der Dreikönigsaktion unterstützt.


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Homepage der Página Siete

  • Die Página Siete an einem Zeitungsstand in La Paz.
    foto: ap photo/juan karita

    Die Página Siete an einem Zeitungsstand in La Paz.

  • Chefredakteur Juan Carlos Salazar del Barrio beim Gespräch in der Redaktion.
    foto: alexandra mantler

    Chefredakteur Juan Carlos Salazar del Barrio beim Gespräch in der Redaktion.

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