Die Mythen um Schizophrenie

8. Oktober 2014, 10:10
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Keine psychische Erkrankung ist mehr mit Tabus behaftet als Schizophrenie - zu Unrecht, durch Therapie kann Fast-Symptomfreiheit erreicht werden

Quer durch alle Bevölkerungsschichten erkranken etwa ein Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens an Schizophrenie. Falsche Vorstellungen, Mythen und Stigmatisierung belasten die Betroffenen wie eine noch zusätzlich aufgetretene Erkrankung. Die Akzeptanz der Betroffenen hat eher abgenommen, sagen Experten.

Warum gerade die Schizophrenie in der Einschätzung der Allgemeinbevölkerung so schlecht wegkommt, ist nicht klar. "In einen Depressiven können wir uns hineindenken. Eine Suchtproblematik ist für viele von uns nachvollziehbar", sagte Wolfgang Fleischhacker, Leiter des Departments für Psychiatrie und Psychotherapie der Med-Uni Innsbruck. Doch die Schizophrenie werde offenbar kaum verstanden.

Der Experte nannte mehrere falsche Vorstellungen, Mythen und Vorurteile rund um die Erkrankung: "Schizophrenie ist unbehandelbar oder unheilbar. Schizophrenie ist eine geistige Behinderung. Schizophrene Patienten sind gefährlich und unberechenbar. Ein schizophrener Patient kann nicht arbeiten gehen. Die Schizophrenie wird durch Erziehungsfehler verursacht."

Seelisch im Ungleichgewicht

Das alles ist falsch. Es gibt bei der Erkrankung eine geringe genetische Komponente, vulnerable Personen können speziell nach dem Ende der Pubertät mit der endgültigen Ausreifung des Gehirns unter Einwirkung von Stressfaktoren Symptome entwickeln.

Nachgewiesen ist eine Imbalance im Neurotransmitter-Stoffwechsel, was vor allem an einer abweichenden Verteilung von Dopamin in einzelnen Gehirnregionen abzulesen ist. Am häufigsten tritt die Erkrankung neu im zweiten und dritten Lebensjahrzehnt auf.

Zehn bis 15 Prozent der Patienten erleben nur eine schizophrene Episode in ihrem Leben. Bei anderen Betroffenen kommt es oft zu Schüben, bei einem kleinen Teil kann mit dem Verlauf der Erkrankung auch zwischen den Schüben eine Restsymptomatik bestehen bleiben. Charakteristisch sind psychotische Zustände, der Verlust von Abstraktionsvermögen, Desorganisation, Realitätsverkennung, inadäquate Affekte etc. Die Behandlung besteht in Medikamenten, Psychotherapie, psychosozialen Maßnahmen und Soziotherapie.

Ziel: Fast-Symptomfreiheit

"Je früher behandelt wird, desto erfolgreicher ist das. Wir erreichen unter einer frühen Behandlung bei 70 bis 80 Prozent aller Ersterkrankten Symptomfreiheit oder Fast-Symptomfreiheit. Bei 60 bis 80 Prozent aller Patienten kann ein Rückfall verhindert werden", sagte Fleischhacker. Derartige Behandlungserfolge sind von der Medizin bei vielen anderen Erkrankungen derzeit nicht zu erzielen.

Trotzdem nimmt die Akzeptanz des Krankheitsbildes der Schizophrenie in der Gesellschaft trotz aller Bemühungen für eine Entstigmatisierung offenbar ab.

Das hat der Vergleich von zwei riesigen Umfragen mit je 3.000 Personen aus den Jahren 1990 und 2011 in Deutschland ergeben, so der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Georg Psota. "Es gibt mehr Akzeptanz für die Therapie psychiatrischer Erkrankungen, aber weniger für das Krankheitsbild der Schizophrenie. Es ist zu einem 'Gap' versus der Akzeptanz von Depressiven oder Alkoholkranken gekommen." Der sprichwörtliche "Narrenturm" (in Wien im Gegensatz zu ähnlichen Einrichtungen in Europa erst 1866 geschlossen) wirke offenbar noch immer nach. (APA, derStandard.at, 8.10.2014)

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