Casinosterben in Atlantic City

8. Oktober 2014, 08:49
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Die Glücksspielhochburg an der Ostküste steht vor den Investitionsruinen von Hedgefonds, Großbanken und Immobilienspekulanten,

Atlantic City - Tristesse auf dem Boulevard der Träume: Vor den Toren des Revel Casino, wo letztes Jahr noch die Superstars Rihanna und Beyonce auftraten, herrscht gähnende Leere. In Atlantic City stirbt ein Casino nach dem anderen. Die Glücksspielhochburg an der amerikanischen Ostküste steht vor den Investitionsruinen von Immobilienspekulanten, Hedgefonds und Großbanken.

Die Krise ist existenziell, die Stadt muss sich neu erfinden. Kurz bevor die Holzplanken des ältesten und längsten Boardwalks Amerikas, einer riesigen Strandpromenade, verrottet im Nirwana enden, steht wie ein Mahnmal das ausgestorbene Revel. 2012 als Projekt der Superlative an den Start gegangen, sollte die gläserne Trutzburg Atlantic City zu neuem Glanz und Glamour verhelfen. Zwei Jahre später ist das Revel pleite. Auf den Bänken gegenüber der Glasfassade haben sich Obdachlose breitgemacht. Das zweithöchste Gebäude New Jerseys ist ein Symbol des Niedergangs.

Steigendes Angebot in schrumpfendem Markt

"Das Revel hätte nie gebaut werden sollen", sagt Branchenexperte Andrew Zarnett von der Deutschen Bank. Man dürfe niemals das Angebot in einem schrumpfenden Markt erhöhen, wenn die Konkurrenten einem das Wasser bereits abgraben. Genau das ist in Atlantic City passiert. Auf dem Höhepunkt des Booms machten die Casinos 2006 einen Jahresumsatz von mehr als 5 Milliarden Dollar (aktuell 4 Milliarden Euro), 2014 dürfte es nur noch die Hälfte werden.

Große Partys wurden im Revel gefeiert, aber kein Geld verdient. Das Mega-Projekt ist ein Paradebeispiel dafür, dass in Atlantic City in den letzten Jahren nicht nur an den Spielautomaten in großem Stil gezockt wurde. Erst verhob sich die Investmentbank Morgan Stanley, dann versuchte eine Reihe von Hedgefonds vergeblich ihr Glück. Am Ende wurden etwa 2,4 Milliarden Dollar in den Sand gesetzt, ein Schnäppchenjäger konnte das Objekt nun für einen Bruchteil aus der Insolvenzmasse ersteigern. Das Revel ist bei weitem nicht die einzige gigantische Fehlspekulation.

Mit zwölf Casinos ist Atlantic City ins Jahr gestartet, bereits vier - Atlantic Club, Revel, Showboat und Trump Plaza - mussten schließen. Das Taj Mahal dürfte in Kürze folgen, dann geht am einen Ende der historischen Strandpromenade das allerletzte Licht aus. "Es ist eine Schande für diese schöne Stadt", sagt ein Anrainer beim Smalltalk in einer Burger-Bar. "Aber die Casinos haben es nicht anders verdient."

Kaum gute Worte

Kaum einer der knapp 40.000 Einwohner ist gut auf die Glücksspielindustrie zu sprechen. Mehr als 8.000 Jobs dürfte das Casinosterben kosten - eine soziale Tragödie für die ohnehin schon von Arbeitslosigkeit und Armut geplagte Stadt. Deutsche-Bank-Analyst Zarnett warnt vor einer gefährlichen Abwärtsspirale, die auch die öffentlichen Finanzen aufzehren könnte. Doch die Misere ist zu weiten Teilen hausgemacht.

Die Glitzerpaläste mit den Roulette-Tischen und Glücksspielautomaten waren trotz der attraktiven Lage am Ozean und des kilometerlangen Sandstrands das einzige Geschäftsmodell, das jemals ernsthaft verfolgt wurde. Anders als Las Vegas, das heute zumindest als familienfreundlich gilt, hat "AC" den Wandel verpasst.

Wachsende Konkurrenz

Das muss sich rasch ändern. Denn die Exklusivität ist dahin. Immer mehr US-Staaten erlauben Glücksspiel. Pennsylvania, New York, Maryland, Connecticut, Delaware - alle wollen ein Stück vom Kuchen abhaben. "Es ist wichtig zu realisieren, dass wir nicht länger das Monopol für Glücksspiel an der Ostküste haben", sagt Bürgermeister Don Guardian. Er spricht von einem schmerzhaften Übergang in eine neue Ära. Wie die genau aussehen soll, sagt er nicht.

Atlantic City - ein großes Stück amerikanisches Kulturerbe - steht vor einer ungewissen Zukunft. 1952 wurde Marilyn Monroe hier in der Miss-America-Parade gefeiert. 1983 boykottierte Frank Sinatra die Stadt für einige Monate, weil er und Dean Martin Ärger mit einem Black-Jack-Croupier hatten. 2014 fahren New-York-Touristen zum Abschiedsbesuch ins Taj Mahal die rund 200 Kilometer in den Süden. Einige Wochen lang soll noch am Rad gedreht werden, dann heißt es wohl auch hier - nichts geht mehr. (APA, 8.10.2014)

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