Prager Glasfrühling

10. Oktober 2014, 14:11
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Tschechien hat eine lange Tradition in Sachen Glasverarbeitung - wie diese entstaubt den Sprung ins internationale Design schafft, ist eine andere Geschichte

Nicht das nostalgische Zeugs und auch nicht die Giebeldächer, nichts von alledem. Tom Dixon, der britische Topdesigner, wollte in Prag vor allem eines sehen: Brutalismus. Die Hardcore-Version der Moderne aus den Sixties. Für Michal Fronek, der Dixon vor einiger Zeit durch die tschechische Hauptstadt navigierte, war das kein Problem. Er brachte den Briten zum Nationaltheater-Satelliten Nová scéna und ließ ihn dort auf einen gläsernen Riesen aus 4306 Glasbausteinen schauen, die die ganze Fassade des Theaterzubaus in Prags schrägsten Glaspalast verwandeln.

Glas, immer noch ein Thema der zunehmend international gewordenen tschechischen Designszene. Michal Fronek, 1990 Mitbegründer des bekannten Prager Designstudios Olgoj Chorchoj, mittlerweile Inhaber eines Lehrstuhls an der Prager Kunstakademie und seit kurzem Artdirector des tschechischen Glaslabels Bomma, hat außer der Dixon-Geschichte noch mehr Gläsernes zum Treffen mitgebracht. Leicht schiebt er Teile der Bomma-Kollektion über den Tisch: eine Karaffe und Gläser des berühmten Frantisek Vízner, nicht nur vor Ort eine Legende in Sachen Glasdesign, dessen Arbeiten im Metropolitan Museum in New York, im Londoner V&A Museum, im Pariser Musée des Arts Décoratifs zu finden sind und in der Prager Nationalgalerie sowieso.

Internationale Verbindungen

Bomma, das vor wenigen Jahren auf der Frankfurter Messe "Ambiente" sein Debüt feierte, bringt den legendären Glaskünstler mit einer eleganten Kollektion ins Spiel: eine Grundform aus den Sixties, auf der ein besonderes Markenzeichen der tschechischen Glasmacher-Tradition aufblitzt, nämlich feiner Schliff in Form geriffelter Flächen. Um reine Dekoration handelt es sich dabei nicht. Immerhin rutscht Vízners Glas dadurch weniger leicht aus der Hand. "Bomma" steht für Bohemia Machine.

Vor allem aber steht es für den Aufbruch, der die gläserne Industrielandschaft nördlich des Böhmerwaldes erfasst hat. Der Blick auf die Metamorphose der Firma, die vor zwei Jahrzehnten mit Maschinen zur Glasbearbeitung begonnen hatte, um sich dann auf die technologische Umrüstung einer im Umbruch befindlichen Glasindustrie zu spezialisieren, und die schließlich selbst Kollektionen entwickelte, ist exemplarisch. Denn Unternehmen, die bei der Glasproduktion, aber auch beim Maschinenbau für die Glasverarbeitung tätig sind, finden sich in Tschechien viele - mit ebenso vielfältigen Verbindungen in die Marketingbüros internationaler Labels.

Szenenwechsel. Das "Superstudio Clam-Gallasuv palac" an der Husova 20. Eine alte Werkbank steht da, neben leicht angerosteten Spinden in Factory-Grün, auf denen staubige Schleifgeräte liegen, Trennscheiben und grobe Hämmer. Doch sie sind nur Statisten. Die wirklichen Stars blitzen zwischen dem Ensemble hervor, das einen Hauch Werkbank-Atmosphäre in den barocken Prunksaal tragen soll. Grob zusammengestückelte Glasvasen hat das tschechische Label Qubus da platziert, Rohre mit ungelenk patzigen Schweißnähten, die jetzt wie gläserner Bambus aus der Werkbank wachsen und die den Werkmeistern der nordböhmischen Glasindustrie wohl arge Zornesröte ins Gesicht treiben würden.

Doch so richtig emotional wird es gleich neben den "Born Broken"-Vasen, wo Rache an einem Jahrhundert verlorener Bleikristallschönheit geübt wird. Zumindest an jener Generation von Produkten, die im stumpfen Repetieren historischer Schliffe und Muster zum Synonym jener Bleikristall-Barlandschaften verkam, die der Durchschnittsspießer am Wochenende in Eierlikör zu ertränken sucht.

Brennpunkt der Tradition

Es ist genau jene Abtörn-Generation von Bleikristallglas, die, längst schwer aus der Mode gekommen, noch immer viele Altprager Läden füllt und die ein junges Label wie Qubus jetzt mit Zangen traktiert. Denn die Stücke der Kollektion, die Qubus-Gründer Jakub Berdych im Clam-Gallasuv palac präsentiert, werden von Zangen wie Wachs in alle Richtungen gezogen oder liegen originell platt gemacht herum - als ob Bleikristall plötzlich Kaugummi wäre und die Stilvorlage pure Mimikry. In gewisser Weise stimmt das auch und gilt längst nicht nur für die Labels Bomma und Qubus, die mit unterschiedlichen Ansätzen an eine Tradition anknüpfen, die im 13. Jahrhundert, als böhmische Glasmacher die ersten Schritte Richtung Weltruhm unternahmen, wurzelt.

Glas ist ein Brennpunkt tschechischer Designtradition: Während der kommunistischen Ära bequemer Devisenbringer mit fixen Abnehmern, verschwand die Branche später im internationalen Wettbewerb von einem Tag auf den anderen. Seither sprangen Firmen mit höchstem Designprofil in die Bresche. Ganz Große wie Artemide oder Bodum lassen hier produzieren, verhalfen tschechischen Unternehmern so auch zur Nachhilfe in Sachen Marketing.

Genau davon profitieren traditionelle und neue Produzenten wie Moser, Preciosa oder eben Bomma. Mit dem nötigen Know-how ausgestattet, agieren sie einerseits wie Design-Verleger und lagern die Produktion nach Bedarf aus - allerdings nicht nach China, sondern nach Novy Bor, Jablonec und an andere tschechische Orte. Zugleich bringen sie hochspezifische Fertigung auf Schiene. Im Fall von Bomma bedeutet dies: Hightech-Crystal. Die handwerkliche Tradition feiner Schliffe wird hier mittels komplizierter Lasertechnologie weitergeführt.

Michal Fronek erzählt von Max, dem Schleifroboter der Firma, ein in seiner Präzision glasweltweit einzigartiges Gerät. Blickt man in den Bomma-Katalog, tauchen vertraute Namen auf: Maxim Velcovsky, der vermutlich bekannteste tschechische Designer der Gegenwart, Werner Aisslinger und nicht wenige Bekannte mehr. Um einen Ausnahmefall handelt es sich dabei nicht.

Das belegt das Engagement des japanischen Design-Überfliegers Nendo alias Oki Sato für den tschechischen Produzenten Lasvit, für den neben Daniel Libeskind oder Arki Levy auch Ross Lovegrove entworfen hat. Sein dabei entstandenes organisches Glaspaneel nennt der Waliser einen Meilenstein für die architektonische Anwendung von Glas. Um einen richtigen Schritt Richtung Prager Glasfrühling handelt es sich allemal. (Robert Haidinger, DER STANDARD, 10.10.2014)

Noch bis 12. Oktober findet in Prag das Designfestival Designblok statt.

www.designblok.cz

www.olgojchorchoj.cz

www.bomma.cz

www.qubus.cz

lasvit.com

www.brokis.cz

  • Gar nicht finster schaut es in der tschechischen Glasszene aus, zu der auch der Produzent Brokis und seine Leuchten "Shawdows" zählen.
    foto: robert haidinger

    Gar nicht finster schaut es in der tschechischen Glasszene aus, zu der auch der Produzent Brokis und seine Leuchten "Shawdows" zählen.

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