Der Robin Hood von Slawonien

Glosse11. Oktober 2014, 14:00
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Oder: die Legende vom edlen Räuber Čaruga, Teil 1

Die Gegend am Fuß des dicht bewaldeten Papukgebirges, das mehr eine Kette höherer Hügel ist als ein Gebirge, rund um die Stadt Osjek, die Kleinstadt Pakrac und die Kurstadt Lipik, ist das Herz Slawoniens. Der Papuk und die fruchtbaren Ebenen sind das von zahlreichen kleinen Flüssen und Bächen durchzogene Zentrum und der Inbegriff Pannoniens. Hier leben, Hof an Hof, Kroaten, Ungarn, Serben, Tschechen, Donauschwaben und, bis 1941, auch viele Juden und Roma. Der Großteil meiner unmittelbaren Vorfahren sind slawonische Kroaten und Folksdojčeri (Volksdeutsche), wie man hier die Donauschwaben nennt, die ein Krieg aus einer anderen Zeit hergetrieben hat.

Wurst, Schnaps und Hufeisen

Und sie alle, mit Ausnahme der Juden, schlachten Schweine zur gleichen Jahreszeit, machen daraus die regionale Köstlichkeit, den Kulen, der eine dicke, scharfe und von Paprika rot gefärbte Wurst ist. Alle brennen den Schnaps aus den runden, gelben, den Goldenen Zwetschken, die hier Ringlov heißen, in ihrer eigenen illegalen Kleinbrennerei hinter dem Heustall. Anschließend verkaufen sie den Kulen und den Schnaps in Slavonski Brod, wo meine Mutter geboren wurde, oder in Slavonska Požega, wo meine Urgroßmutter, die Oma Wagner, geboren wurde. Und danach streiten die kroatischen, deutschen, serbischen und tschechischen Slavonci, wer den besseren Schnaps gebrannt hat. So ist es dort immer schon gewesen. Außer in Zeiten des Krieges.

Manchen Sommer meiner Kindheit verbringe ich in Kukunjevac, einem kleinen Dorf bei Lipik, das für ein grauenhaftes Massaker an Serben und Juden im Zweiten Weltkrieg bekannt ist. Hier lebt damals der Onkel meines Vaters, Alojz Šubert, ein kroatischer Donauschwabe, der Schmied ist und auf Deutsch flucht, wenn die Pferde nicht so wollen wie er. So wie sein Vater, der Schmied Fridolin Šubert, der so stark gewesen sein soll, dass er widerspenstige Pferde mit Faustwatschen zur Raison brachte. Und dabei auf Deutsch fluchte. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg, als Opa Fridolin noch jung ist und Onkel Alojz gerade ein Säugling, gebären die historischen Umstände in Slawonien den alljugoslawischen Mythos vom edlen Räuber, der Habende beraubt und seine Beute mit den Habenichtsen redlich teilt.

Nachts, wenn Čaruga kommt

Diesen Namen spricht man so aus: Tscharuga. Und man kann in dieser Gegend Kroatiens in einem beliebigen Haus zu Gast sein, man wird nach spätestens einer halben Stunde erzählt bekommen, dass Čaruga, auf der Flucht vor den Gendarmen, einmal hier übernachtet hat. Dann folgt die Legende des Robin Hood von Slawonien. Und die geht so.

Es geschieht dem friedliebenden Handwerker Čaruga, wie einst Michael Kohlhaas, ein Unrecht, begangen von einem Repräsentanten der Staatsmacht. Im Versuch, das Unrecht wie Billy the Kid zu begradigen, wird Čaruga zum gejagten Mörder und Anführer einer Bande. Die dichten Wälder des Papuk werden zu seinem Sherwood Forest, aus dem er und seine Getreuen herauskommen, um reichen Slavonci zu rauben und den armen Slavonci zu geben. Durch Verrat (wie sonst?) wird Čaruga gefasst, verurteilt und hingerichtet.

Diese Legende sitzt fest in der kollektiven Erinnerung, ist zur Folklore mutiert und erfährt eine Neuauflage im kommunistischen Jugoslawien. Den Propagandisten der Partei gefällt, dass Čaruga als Antikapitalist auftritt, der soziales Unrecht mit Gewalt, also als Revolutionär, bekämpft. Sogar sein Modus Operandi ist mit den Taktiken von Titos Partisanen kompatibel. Als mein lupenrein kroatischer Großvater Đuro (Georg) aus den Domobrani desertiert und zu den Partisanen überläuft, lebt er wochenlang in denselben wegelosen Wäldern auf dem Papuk wie kaum zwanzig Jahre zuvor der Räuber Čaruga. Und genau wie seine Bande verlassen die Partisanen den Wald nur, um Vorräte zu erbeuten oder Faschisten zu erschießen. Oder wenn die Faschisten zurückschießen und Opa Đuro und seine Einheit aus dem Wald jagen.

Wegen dieser oberflächlichen Übereinstimmungen wird Čaruga zum Protosozialisten und unbewussten Vorläufer der Partisanen erhoben und sein Mythos in alle Teile der Sozialistischen Föderativen Republik getragen. Unter den serbischen Gangstern der 1990er-Jahre gibt es einige, die zu Lebzeiten den Spitznamen Čaruga mit Stolz und Genugtuung tragen. Wohl auch deswegen, weil Jovan Stanisavljević, der von 1897 bis 1925 im kroatischen Slawonien lebte und in den frühen 20er-Jahren als der Räuber Čaruga bekannt wurde, ein ethnischer Serbe war.

Der Unheld

Hebt man Jovan Stanisavljević Čaruga aus dem wohligen Mythos ans Licht der Geschichte, so ist er nur ein Mörder und Räuber, der eine Meute von anderen Mördern und Räubern befehligt, bis er unschädlich gemacht wird. Sein Leben als Gesetzloser beinhaltet nichts außer dem Gestank nach dem Blut und dem Angstschweiß seiner Opfer, also nichts, worauf irgendjemand stolz sein kann. Keine einzige seiner Taten hat einem armen Slavonac die Taschen gefüllt, nur ihm selbst, seiner Bande und ihren Informanten und Quartiergebern in den Dörfern rund um den Papuk. Und so ist es immer: Gangster haben keine Ehre, kennen keine Moral und denken niemals an andere, nur an sich selbst.

Ein Klischee, das bei Čaruga zutrifft, ist jenes vom aufgeweckten Jungen, der mehr werden will, als ihm durch das Leben zugeteilt ist. Dabei beginnt das Leben des Jovan Stanisavljević in einer bescheiden wohlhabenden Familie von Schweinezüchtern. Für damalige Verhältnisse sind die Čaruge, wie seine Sippe mit kollektivem Spitznamen genannt wird, den Jovan später als Nom de Guerre erbt, sogar wohlhabend genug, dem einzigen Sohn seinen größten Wunsch zu erfüllen: eine Ausbildung in der Stadt Osjek. Doch so weit kommt es nicht. Jovans Mutter stirbt, als er erst zehn Jahre alt ist. An ihre Stelle tritt eine Stiefmutter, die böse zum kleinen Jovan ist. Ein weiteres Klischee. Sein Vater will ihm keine Ausbildung bezahlen, Jovan soll Schweinezüchter sein, weil das ein sicheres Geschäft ist. So beginnt die erste Flucht des Jovan Stanisavljević Čaruga.

Seinem Geburtsort Bare kehrt Čaruga den Rücken und findet in Osjek eine Lehrstelle als Schlosser. Doch bald findet die Militärverwaltung der k. u. k. Monarchie den Rekruten Jovan Stanisavljević und zieht ihn zum Kriegsdienst ein. Das Leben in der Kaserne und der bevorstehende Einsatz an der russischen Front locken Čaruga zur zweiten Flucht und lassen ihn ein großes "Talent" entdecken: Jovan fälscht einige Dokumente und befördert sich selbst zum Unteroffizier, der erkrankt ist und zur Behandlung in ein Krankenhaus muss. So desertiert er aus der k. u. k. Armee. Die Fälschung gelingt sogar so gut, dass Jovan niemals wegen seiner Desertion verfolgt wird. Ganz nebenbei entsteht so die Legende vom Räuber Čaruga, der sich weigert, für den kaiserlichen Imperialismus auf seine slawischen Brüder zu schießen. Genauso nebenbei entdeckt Jovan, dass er mit seinen geschickten Fälschungen gutes Geld verdienen kann. Wer damals in Slawonien einen Anglerschein, eine Genehmigung für seine illegale Brennerei oder Ausweise aller Art braucht, geht zu Čaruga. Und dann, eines Abends im Jahr 1916 im Lebensalter von nur 19 Jahren, wird Jovan das erste Mal zum Mörder.

Das Motiv ist banal: Ein Nebenbuhler um die Gunst eines Mädchens erregt Čarugas Zorn. So erschlägt der Zornige seinen Konkurrenten und bald darauf den Dorfvogt, der in Ausübung seiner Dienstpflicht die Fahndung nach dem flüchtigen Mörder einleitet. Seinen zweiten Mord, dem am Dorfvogt, kommentiert Čaruga laut Legende mit den Worten: "Der Gerechtigkeit ist Genüge getan." Dieses Statement zementiert einen weiteren Grundstein der Legende: Čaruga als der Geradebieger staatlicher Ungerechtigkeit. Doch seine dritte Flucht endet im Zuchthaus. Die vierte führt ihn aus dem Zuchthaus und geradewegs in die Legende.

Jovan flieht aus dem Gefängnis in Srijemska Mitrovica, wo er für die beiden Morde die wohl wegen seiner Jugend erstaunlich geringe Haft von nur vier Jahren absitzen soll. Doch das ist dem Jungen Mann zu viel Zeit, um zwischen Mauern verbracht zu werden. Also flieht Jovan bei einem Arbeitseinsatz in die dichten Wälder des Papuk. Auf seine Ergreifung wird eine stattliche Summe ausgeschrieben, und die Legende vom Räuber Čaruga beginnt.

Wenn der Bergvogel schießt

Im Wald ist Jovan nicht allein. Eine ganze Armee von zeitweise 2.000 Deserteuren aus dem Heer der Habsburger versteckt sich ebenfalls auf dem Papuk. Sie werden als "Grüne Kader" bekannt, weil sie im Schutz der dichten grünen Wälder Zuflucht und Stützpunkt finden und von dort aus versuchen, einen bewaffneten Aufstand gegen die Habsburger zu entfachen. In anderen Teilen dessen, was bald das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen werden soll, kämpfen Einheiten von bis zu 8.000 bewaffneten Männern. Doch die Kadristen sind nicht nur bewaffnet, sondern auch gut organisiert und von erfahrenen Offizieren geführt. Ihre Desertion und der anschließende Guerillakrieg gegen die k. u. k. Infrastruktur in Kroatien (und Bosnien) haben auch eine handfeste ideologische Unterlage. Viele Kadristen sind durch die russische Revolution beeindruckt und streben auch für ihre Heimat eine klassenlose Gesellschaft an. Die Tätigkeit der "Grünen Kader" ist wirkungsvoll genug, um große Truppenteile der Habsburger in Kroatien zu binden.

Doch als das Reich untergeht und eine kurze Periode blutiger Herrschaftslosigkeit auch das liebliche Slawonien vergewaltigt, hinterlassen die "Grünen Kader" eine blutige Spur unter den Adeligen, den k. u. k. Beamten, wohlhabenden Gutsbesitzern und Großbauern und vor allem und mit besonderer Brutalität, egal ob arm oder reich, unter den Juden Slawoniens. Weil kein klassenloser Staat aus den ehemaligen Ländern der Habsburger entsteht, sondern ein neues Königreich und eine neue nichtkroatische Dynastie Slawonien regiert, beginnen die "Grünen Kader" auch gegen diese Herrschaft zu kämpfen. Die Aktionen der Kadristen sind so effizient, das neben den Truppen des SHS-Königreichs auch Truppen der Entente cordiale eingesetzt werden müssen, um die Aufständischen zu bekämpfen.

Viele slawonische Bauern und Arbeiter sympathisieren mit den Kadristen, versorgen sie mit Nachschub und bieten Informationen und Unterschlupf. Im Jargon der späteren kommunistischen Machthaber über diesen Teil des Balkans könnte man sagen, dass die "Grünen Kader" über eine "breite revolutionäre Basis" verfügen und dass dieser taktische Vorteil ihre Bekämpfung erschwert und in die Länge zieht. Man kann sogar sagen, dass erst mit der Hinrichtung des Jovan Stanisavljević Čaruga im Jahr 1925 die Guerilla der "Grünen Kader" erlischt. Denn in den dunklen Hügeln des Papuk begegnet der flüchtige Fälscher und Mörder einer Einheit der "Grünen Kader" und wird Mitglied des "Reigens der Bergvögel" (Kolo gorskih 'tića) wie sich diese Einheit der Kadristen nennt. Über kurz wird Čaruga der neue unbestrittene Anführer der "Bergvögel". (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 10.10.2014)

ENDE TEIL 1

LESEN SIE IN TEIL 2:

Die "Grünen Kader" oder die Ballade von Mord und Totschlag

Čarugas Zenit und Fall

Uropa Fridolin und der ungebetene Gast

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