In China steigen Grillen als Kampftiere in den Ring

Userartikel8. Oktober 2014, 09:17
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Sie gelten als Delikatesse - und als Kampftiere: Im Herbst stehen in Peking die Meisterschaften im Grillenkampf an

Gong für die erste Runde! In den beiden Ecken stehen nicht, wie man vermuten könnte, zwei Boxkämpfer, sondern Grillen. Diese Insekten werden hierzulande kaum beachtet, in China allerdings, da sind sie die großen Stars und ziehen bei Grillenkämpfen das Publikum in ihren Bann.

Die "Kampfgrillen" treten, wie beim echten Boxen, in verschiedenen Gewichtsklassen gegeneinander an. Für die korrekte Einteilung müssen die bis zu 35 Grillen, über die jedes Team verfügen darf, mit einer Spezialwaage gewogen werden.

Doping ist, wie beim menschlichen Leistungssport, strengstens verboten. Natürlich helfen die Besitzerinnen und Besitzer – der Grillenkampf ist immer noch eine vorrangig männliche Angelegenheit – mit ausschließlich legalen Mitteln nach. Sexentzug zum Beispiel. Sobald eine männliche Grille geschlechtsreif ist, ist sie auf der Suche nach einem Weibchen, um sich zu paaren. Der Kampf findet deshalb immer zwischen zwei männlichen Grillen statt. Sie vermuten in der Balzzeit, dass das andere Grillenmännchen ihnen das Weibchen "ausspannen" will. Deshalb kämpfen sie.

Es gibt aber auch Methoden, um eine Grille für den Kampf "scharf" zu machen: In die Hände nehmen und schütteln (in China hat man diese Technik "bestrafen" genannt), in die Luft werfen und einfangen, oder mit einem Stäbchen vor der Grille herumstochern. Die gängigste Methode, um die Grillen aggressiv zu machen, ist die Fühler der Tiere mit einem Bambusstäbchen, an dessen Ende ein feines Pinselchen, ein Grashalm oder das Schnurrhaar einer Katze herausragt, zu berühren und zu reizen. Damit signalisiert man, wo der Gegner lauert.

Schließlich treten die Rivalen in einer kleinen Arena gegeneinander an. Die Insekten zeigen ihre Zangen und das Duell geht los. Jeder Kampf muss innerhalb von drei Runden entschieden werden, wobei es bei diesem, wie die Organisatoren versichern, unblutigen Spektakel, nicht um Leben und Tod geht. Jede Grille weiß nämlich selbst, wann sie verloren hat und gibt auf. Die Grille, die bei einer Attacke zuerst wegläuft, bekommt einen Minuspunkt.

Grillenkämpfe haben Tradition

"Grillen verfügen über viele Tugenden. So empfinden sie zum Beispiel Schamgefühl und ziehen sich, haben sie einmal den Kampf verloren, wehmütig als Verlierer zurück, während der Gewinner "singt" - und das sogar mehrstropgig. Eine andere, gute Eigenschaft ist ihre Tapferkeit, sie greifen ihren Gegner mutig an, egal wie groß dieser auch sein mag. Das alles sind Tugenden, die wir Menschen sogar übernehmen können", meint Li Jiachun, ein Grillenspezialist, der an die 40 Bücher über dieses Thema geschrieben hat.

Grillenkämpfe sind in China keine Neuerscheinung, sondern gehören seit mehr als tausend Jahren zur Tradition des Landes. Was unter Mao Tse-tung verboten wurde, erlebt im China von heute seine Renaissance. Schon Jia Sidao (1213–1275), ein Kanzler der südlichen Song-Dynastie, hat bereits um 1260 eine ausführliche Anleitung zur Haltung und Auswahl von Kampfgrillen geschrieben. "Ts’u-chih ching" nennt sich das Werk. Auch in der Ming- und Qing-Dynastie waren Grillenkämpfe im Raum Peking im Herbst sehr verbreitet. Damals hatte man die Vorstellung, aggressive Grillen seien die Reinkarnation von zankhaften Ehefrauen oder von großen Kriegshelden.

Billig ist dieser Volkssport nicht. Mehrere hundert Euro legt man für eine Kampfgrille hin, die nur durchschnittlich 100 Tage lebt. Eine halbe Million Grillenliebhaber soll es alleine in Shanghai geben. In einem Vorort der Metropole befindet sich sogar ein Grillenmuseum. Sechs Millionen Grillensportfans soll es im ganzen Land geben. Grillenkampf ist eine Tradition, die Dynastien überlebt hat, und die zu einem lukrativen Geschäftszweig geworden ist. (Stefan Feinig, derStandard.at, 8.10.2014)

Stefan Feinig hat beruflich nicht viel mit Grillen zu tun, interessiert sich aber für Alltäglichkeiten und Banalitäten aller Art.

  • Die Grillen werden "scharf" gemacht.
    foto: reuters/kim kyung-hoon

    Die Grillen werden "scharf" gemacht.

  • Bei den Grillenkämpfen gibt es eigene Gewichtsklassen.
    foto: reuters/kim kyung-hoon

    Bei den Grillenkämpfen gibt es eigene Gewichtsklassen.

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