Kohls Biograf wehrt sich: "Es gab keine Schweigepflicht"

7. Oktober 2014, 17:47
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Umstrittene geheime Gesprächsprotokolle im Handel

Angela Merkel konnte nicht mit Messer und Gabel essen. Christian Wulff war ein ganz großer Verräter, eine Null. Einer seiner Amtsvorgänger, Richard von Weizsäcker, hielt sich für den Allerklügsten. Wie der deutsche Exkanzler Helmut Kohl über seine Wegbegleiter dachte und herzog, ist ab sofort im Buch des Kohl-Biografen Heribert Schwan nachzulesen.

"Die Startauflage beträgt 100.000 Stück, das Buch ist ab heute im Handel", hieß es dazu am Dienstag nur knapp vom Heyne-Verlag. Kohls Anwälte sind bisher zumindest doch nicht gegen das Buch vorgegangen.

"Vermächtnis - Die Kohl-Protokolle", heißt das Werk, das Schwan mit seinem Koautor Tilman Jens geschrieben hat. Es sorgt in Deutschland für gewaltigen Wirbel - nicht nur, weil der Altkanzler, der von 1982 bis 1998 regierte, äußerst offen spricht und etwa erklärt, Merkel sei als Anfang der Neunzigerjahre als junge Ministerin bei Staatsessen "herumgelungert", weswegen er sie "mehrfach zur Ordnung rufen musste".

Die Diskussion dreht sich auch darum, ob der Journalist und Historiker Schwan die Gesprächsprotokolle überhaupt veröffentlichen durfte. Er hat die Gespräche zwar in den Jahren 2000 und 2001 mit Kohls Einverständnis aufgezeichnet, schließlich sollten daraus mehrere Bände von Kohls Memoiren erscheinen.

Kopien von den Bändern

Doch als Kohl sich 2009, nach Erscheinen des dritten Bandes, im Streit von Schwan trennte, nahm der die Bänder mit und weigerte sich, diese dem Altkanzler zurückzugeben. Zwar hat ihn mittlerweile das Oberlandesgericht Köln zur Rückgabe verurteilt. Doch Schwan hat zuvor Kopien angefertigt.

Er sieht sich absolut im Recht und erklärt: "Es gab keine Schweigepflicht." Oft habe Kohl ihm bei den Gesprächen gesagt, dieses oder jenes sei nicht für die Memoiren geeignet, aber er könne es "später einmal" veröffentlichen. Der Verlag wie auch Schwan weisen darauf hin, dass Kohl ja nur die Herausgabe der Bänder juristisch erstritten habe, und dem Biografen nicht die Nutzung des Inhalts untersagt hätten.

Einen "Schatz" nennt Schwan die Bänder und mag nicht glauben, dass der Altkanzler mit der Veröffentlichung nicht einverstanden ist. Kohl sei nicht naiv gewesen, er habe gewusst, dass das Gesagte eines Tages publikgemacht werde. Und es sei auch nicht unzulässig, über einen kranken Mann zu schreiben, wenn dieser Person der Zeitgeschichte sei.

Auch für Koautor Jens ist klar, dass die Protokolle der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden mussten: "Wie er tickte, wurde in historische Fakten eingebettet." Hier unterscheide sich manches stark vom offiziell Gesagten. So habe Kohl Michail Gorbatschow stets als "großen Freund" bezeichnet. In Wirklichkeit aber war er der Meinung, die DDR sei untergegangen, weil Gorbi das Geld ausging. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, 8.10.2014)

  • Heribert Schwan war nahe am deutschen Altkanzler Helmut Kohl dran. Jetzt veröffentlichte er gegen dessen Willen die Protokolle.
    foto: reuters/hannibal hanschke

    Heribert Schwan war nahe am deutschen Altkanzler Helmut Kohl dran. Jetzt veröffentlichte er gegen dessen Willen die Protokolle.

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