Eine Anti-Aging-Kur für Filme und Tonbänder

7. Oktober 2014, 17:25
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Phonogrammarchiv patentierte Verfahren zur Rettung verlorengeglaubter alter Datenträger

Wien - Es ja keine Seltenheit, dass die Naturwissenschaften marktfähige Patente hervorbringen. Weniger ist das in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften der Fall. Die philosophisch-historische Klasse der Akademie der Wissenschaften, in der letztere Fachrichtungen versammelt sind, konnte bis vor kurzem noch kein einziges Patent vorweisen. Die Premiere kann nun Nadja Wallaszkovits für sich verbuchen: Die Ethnomusikologin und Cheftechnikerin am Phonogrammarchiv der ÖAW entwickelte gemeinsam mit Spezialisten des Werkstoffprüfzentrums Ofi ein Verfahren, das alte Magnetbänder vor dem Verfall schützen soll.

"Das Band ist steinhart, brüchig und an den Rändern zusammengerollt. Es riecht nach Essig", konstatiert Wallaszkovits. Die Tonbandspule, die sie in der Hand hält, stammt aus China und beinhaltet Aufnahmen aus Feldforschungen, die aus den 1960er-Jahren stammen. Was genau darauf zu hören ist, weiß niemand. "In dem Zustand kann man es nicht mehr abspielen." Schuld daran sind diverse chemische Prozesse, allen voran das von Archivaren gefürchtete "Vinegar-Syndrom". Es ist benannt nach der Essigsäure, die freigesetzt wird, wenn durch zu hohe Luftfeuchtigkeit und Temperaturen ein Abbauprozess des Materials beginnt, der sich im Grunde nicht mehr stoppen lässt.

"Diese Kettenreaktion ist bereits gut erforscht", sagt Wallaszkovits. Nicht jedoch ein anderer Aspekt, der gar nicht so nebensächlich zu sein scheint wie gedacht: dass sich im Lauf der Zeit auch die Weichmacher, die in den Acetat- und Kunststoffbändern enthalten sind, verflüchtigen, wodurch das Material spröde wird.

Regeneration für alte Bänder

Genau hier setzt Wallaszkovits' Entwicklung an: Sie hat eine Kur erfunden, mit dem die geschädigten Datenträger aufgepolstert und regeneriert werden. Die angegriffenen Bänder werden dazu ausgerechnet in ein mit Weichmachern angereichertes Bad gelegt - normalerweise tun Tontechniker alles, um jeden Kontakt der Bänder mit Flüssigkeit zu vermeiden.

In diesem Fall wirkt die Lösung wie ein Jungbrunnen: In einem chemischen Austauschprozess dringen die Weichmacher in das Material und machen es wieder elastisch, erklärt Wallaszkovits. Nebenbei entzieht das Bad dem Material auch schädliche Säuren - eine veritable Entgiftung. "Die Flüssigkeit greift die Bänder nicht an und macht sie dauerhaft haltbar", sagt Wallaszkovits.

Mit ihrer Methode könnten Bänder, die bereits um bis zu 20 Prozent geschrumpft sind, wieder abgespielt werden. Prophylaktisch angewendet, verbessert die Anti-Aging-Kur die Wiedergabequalität von Tonbändern und Filmen erheblich, betont die Forscherin. Das Problem wird die Archivare aber noch länger beschäftigen: Wallaszkovits vermutet, dass rund zehn Prozent des Materials, das in den Depots weltweit schlummert, schadhaft ist.

"Patienten" aus aller Welt

Bereits vor zehn Jahren begann sie damit, ein Mittel gegen den schleichenden Verfall zu suchen. Mittlerweile hat sie sich einen Namen als Retterin längst verlorengeglaubter Dokumente gemacht und bekommt "Patienten" aus aller Welt zugeschickt. Gemeinsam mit den Ofi-Forschern führte sie zahlreiche Tests durch, um das richtige Rezept gegen die Alterung zu finden.

2010 wurde das Verfahren zum Patent eingereicht, Anfang Oktober schließlich bekam man grünes Licht. In ein bis zwei Jahren soll die Arbeit in einer Art "Geschirrspüler für Magnetbänder" münden, dem die Datenträger nach Waschen, Spülen, Trocknen und Umspulen so gut wie neu entspringen sollen. In einem weiteren Schritt könnte man Fungizide und Konservierungsstoffe beimischen.

Besonders im Filmbereich, wo noch immer Acetat-Bänder im Einsatz sind, sei der Bedarf groß, sagt Wallaszkovits. "So können wertvolle Originale erhalten werden." Generell könne das Verfahren aber überall angewendet werden, wo Kunststoffe drin sind - von alten Puppen bis zu Lacken. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 8.10.2014)

  • Der Schrecken der Archivare: ein Tonband, spröde und vergilbt.
    foto: nadja wallaszkovits

    Der Schrecken der Archivare: ein Tonband, spröde und vergilbt.

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