Technikforscher: "Socken mit Nanoteilchen gegen üblen Geruch"

Interview8. Oktober 2014, 18:08
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Nicht jedes neue Nanotechnologie-Produkt ist auch sinnvoll. Technikforscher Daniel Barben sieht in den USA mehr Risikobereitschaft, ins Blaue zu forschen, als in Europa

STANDARD: Worin liegen die Chancen von Nanotechnologie?

Barben: Große Bereiche sind die Energietechnik, Umwelttechnik, Informationstechnik, die Medizin und die Materialwissenschaften. Bei der Nanotechnologie - wie bei anderen neuen Technologien - stellt sich die Frage, was ist wirklich neu und innovativ, wann und für wen. Oft werden nämlich gerade in Frühphasen einer Entwicklung Anwendungsmöglichkeiten versprochen, die noch in weiter Ferne liegen. Kurzfristig kommen dann Produkte auf den Markt, die entweder Nachahmerprodukte sind oder die als Innovationen nur sehr eingeschränkt überzeugen.

STANDARD: Was fällt Ihnen da im Bereich der Nanotechnologie ein?

Barben: Natürlich ist es schön, wenn Tennisschläger leichter werden und Hemden weniger knittern, doch leisten solche Dinge noch keinen Beitrag zu den großen Herausforderungen unserer Zeit. Man kann sich auch fragen: Ist es wirklich sinnvoll, Socken zu haben, die Nanopartikel enthalten, damit sie nicht übel riechen, wenn man sie nicht regelmäßig wechselt? Das heißt, wie man das innovative oder gar revolutionäre Potenzial einer Technologie kommuniziert, ist keine einfache Aufgabe. Mehr noch: Das Feld der Nanotechnologie ist so breit und vielversprechend, dass entscheidend ist, in welche Richtung man es entwickeln will und wie man den gesellschaftlichen Nutzen maximieren kann.

STANDARD: Worin liegen die Risiken der Nanoteilchen?

Barben: Eine kritische Frage lautet etwa, ob Nanopartikel die Blut-Hirn-Schranke überwinden können - wenn ja, stellt das natürlich ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar. Bei Textilien oder bei Kinderspielzeug ist fraglich, ob darin enthaltene Nanosilberpartikel beim Waschen oder Benutzen herausgelöst werden und dann in der Umwelt zirkulieren oder sich im Körper ansammeln.

STANDARD: Wie unterscheidet sich die Technikfolgenabschätzung von Nanotechnologie im Vergleich zu anderen Hochtechnologiefeldern?

Barben: Interessanterweise gab es bei der Nanotechnologie von Anfang an das Bemühen, Risiken zu erforschen, noch bevor es irgendwelche Probleme oder Unfälle gab. Außerdem wurden diese Risiken - und das ist ganz wichtig - im Prozess der Forschung und Entwicklung selbst berücksichtigt. Da Entscheidungsträger möglichen Widerständen in der Öffentlichkeit entgegenwirken wollten, wurden umfangreiche Bevölkerungsbefragungen durchgeführt. Die Aussagekraft solcher Umfragen ist aber gering, denn kaum jemand verfügte über ein halbwegs fundiertes Wissen. So hat es auch etwas Bizarres, wenn als Ergebnis festgehalten wird, dass die Bevölkerung der Nanotechnologie gegenüber überwiegend positiv gestimmt ist, wenn noch kaum jemand davon gehört hat. Das ist ein Umstand, der sich durch einen Unfall natürlich schlagartig verändern kann.

STANDARD: Was bedeutet es für Sie, eine Technologie in einem frühen Stadium zu erforschen?

Barben: Für mich als Sozialwissenschafter war das eine sehr interessante Erfahrung: Wenn ein Feld neu ist, kann man in der Literatur zu bestimmten Fragen noch nichts finden. In so einer Situation bieten sich Expertengespräche an. Allerdings erfordern diese, dass man Fragestellungen haben muss, die auch den Natur- und Ingenieurwissenschaftern als wichtig einleuchten. Außerdem muss man selbst genügend Kompetenz mitbringen, damit die befragten Experten nicht den Eindruck haben, dass sie ihre Zeit verschwenden.

Es geht auch darum, sich nicht anzumaßen, Urteile zu fällen, die in die Expertise eines anderes Faches fallen - das sind oft Grenzgänge: Was kann ich aussagen und was ist das Territorium eines anderen Faches?

STANDARD: Sie arbeiten hochgradig interdisziplinär - etwa mit Philosophen, Ingenieuren, oder Materialwissenschaftern. Worin liegen die Schwierigkeiten der Interdisziplinarität?

Barben: Es gibt immer noch Soziologen oder Philosophen, die sagen, Wissenschaft ist Wissenschaft und Technik ist Technik - als wären deren besondere Eigenschaften gleichgültig. Ich bin aber der Meinung, dass es sehr wohl auf die Spezifika eines Feldes ankommt und man ein grundlegendes Verständnis eines Feldes gewinnen muss, um sich mit den Akteuren besser verständigen zu können.

STANDARD: In Ihrer Forschung haben Sie auch internationale Vergleiche gezogen. Was ist dran am Klischee, dass Forscher in den USA geneigter sind, mehr zu wagen, als in Europa, wo oft eine kritische Grundhaltung überwiegt?

Barben: Daran ist im Großen und Ganzen etwas dran, doch wenn man genauer hinsieht, stellt es sich differenzierter dar: In Amerika ist die Bereitschaft größer, Risiken einzugehen, ins Offene hinein zu forschen und neue Produkte zu entwickeln. Im deutschsprachigen Raum gibt es manchmal einen stärkeren Drang, Risiken im Vorfeld abzuschätzen, bevor eine neue Technologie entwickelt wird. Da würden Amerikaner eher vorausgehen und sagen: Lasst und doch mal schauen.

STANDARD: Worin unterscheidet sich die Forschung in den USA und in Europa am stärksten in der Nanotechnik?

Barben: In den USA ist die militärisch ausgerichtete Nano-Forschung sehr bedeutend und größer. Die Nanotechnologie-Initiative der US-Regierung betonte von Anfang an die Konvergenz zwischen Nano-, Bio-, Informations- und Neurotechnologien - dabei geht es um Konzepte wie Human Enhancement. Darunter versteht man physische und psychische Leistungssteigerungen, einschließlich massiver Lebensverlängerung. Solche Visionen, die individuelle Optimierung als Antwort auf soziale Probleme vorschlagen, findet man in Europa viel weniger. Auch die extreme Science-Fiction-Vision des Transhumanismus, die Überwindung menschlicher Beschränktheit durch Technik, wird in den USA anders wahrgenommen als in Europa.

STANDARD: Wie könnte Nanotechnologie zum Transhumanismus beitragen?

Barben: Das könnte durch verschiedene Substanzen, Medikamente oder Implantate geschehen. Auch Nanosensoren in der Kleidung, die Informationen an den Einzelnen oder an Ärzte rückmelden, wären denkbar. Im militärischen Bereich könnten nanogestützte Uniformen Informationen an Befehlshaber übermitteln oder im Fall von Verletzungen eine medizinische Versorgung bieten.

STANDARD: Was vermag die Technikfolgenabschätzung, wo sind ihre Grenzen?

Barben: Die Technikfolgenabschätzung ist kein Schiedsrichter. Seit sie in den 1970er-Jahren entwickelt wurde, geht es darum, politische Entscheidungsträger stärker zu befähigen, wohlfundierte Urteile fällen zu können. Sie war nie dazu gedacht, Empfehlungen zu geben, sondern Informationen bereitzustellen - die Grenzziehung zwischen Wissenschaft und Politik ist hier von strategischer Bedeutung: Die Technikfolgenabschätzung muss sie sich selbst zurücknehmen, denn die politischen Entscheidungen haben andere zu treffen. (Tanja Traxler, DER STANDARD, 8.10.2014)


Daniel Barben (53) leitet das Institut für Technik- und Wissenschaftsforschung an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Der gebürtige Schweizer ist ausgebildeter Soziologe und Politikwissenschafter. Er hat mehrere Jahre in den USA und Deutschland in der Technikfolgenabschätzung geforscht, bevor ihn Anfang 2014 eine Professur nach Klagenfurt brachte.

Daniel Barben spricht am 9. 10. bei der NanoTrust-Tagung an der Akademie der Wissenschaften in Wien, die sich Chancen und Gefahren von Nanotechnologie widmet.

Link
oeaw.ac.at/ita


Wissen: Kleine Teilchen, große Wirkung

Man könnte die Nanotechnologie Zwergentechnik nennen - die griechische Vorsilbe "nano" bedeutet übersetzt Zwerg. Sie operiert mit Materie im Bereich von Atomen oder Molekülen - Nanoteilchen sind bis zu 100 Nanometer groß, das sind 100 Milliardstel Meter. In dieser Größenordnung treten interessante Eigenschaften auf, da auch quantenphysikalische Effekte eine Rolle spielen.

Derzeit gilt Nanotechnologie im Bereich der Materialwissenschaft, der Elektronik oder der Medizin als besonders aussichtsreich - so könnten künftig Nano-Roboter im Körper Krankheitserreger bekämpfen.

Schon jetzt findet Nanotechnologie etwa bei Elektronik, Textilien oder Kosmetika breite Anwendung.

Kürzlich stellten das österreichische Verkehrsministerium und China je 500.000 Euro für Forschungsprojekte im Bereich der Nanotechnologie zwischen österreichischen Einrichtungen und der Universität Schanghai zur Verfügung.

  • Nanoprodukte haben revolutionäres Potenzial, meint Technikforscher  Daniel Barben. Ein aussichtsreiches Anwendungsfeld ist die Medizin. Im  Bild: Nanoroboter, die zwischen Blutzellen zirkulieren.
    illu.: science picture co. / corbis

    Nanoprodukte haben revolutionäres Potenzial, meint Technikforscher Daniel Barben. Ein aussichtsreiches Anwendungsfeld ist die Medizin. Im Bild: Nanoroboter, die zwischen Blutzellen zirkulieren.

  • Daniel Barben: "Natürlich ist es schön, wenn Hemden weniger knittern - das leistet aber  noch keinen Beitrag zu den Fragen unserer Zeit."
    foto: ipw aachen/peter winandy

    Daniel Barben: "Natürlich ist es schön, wenn Hemden weniger knittern - das leistet aber noch keinen Beitrag zu den Fragen unserer Zeit."

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