Immer der Ohrfeige nach

7. Oktober 2014, 17:19
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Tagebuch von der Frankfurter Buchmesse, Tag eins: Ankunft mit Weile

Frankfurt - Auch dieses Mal schaffte es die Deutsche Bahn bei der Anreise vom Flughafen Frankfurt am Main ins bezaubernde Offenbach, diverse Zusatzminuten herauszufahren. Da das Wort "Verspätung" altem, negativem Denken entspringe, werde es, wie der berühmte deutsche Autor und Kompetenztrinker Wiglaf Droste in seiner neuen Textsammlung schreibt, ab sofort durch "kostenlose Bonusfahrzeit" ersetzt.

Droste, Spezialist für die Zumutungen des Lebens, dessen Bücher schöne Titel wie Begrabt mein Hirn an der Biegung des Flusses oder Sprichst du noch oder kommunizierst du schon tragen, hat sein aktuelles Werk übrigens Der Ohrfeige nach genannt. Kein schlechtes Motto für den ersten Tag der Frankfurter Buchmesse, deren Hallen sich mit Literaturdesignern und anderen in Sachen Buch Angereisten füllen. Im Gegensatz zum nahegelegenen Bahnhof, wo Großraumkoffer herumgeschoben werden, die ihre Besitzer im Fall des Kippens unter sich begraben würden, sieht man auf der Messe viele Geschäftsmänner, die ein winziges Rollköfferchen hinter sich herziehen. Was da bloß drin sein mag? Das neue iPhone, ein Elektrobuch gar?

Darum, dass man das Rad nicht andauernd neu erfinden muss, ging es auch in der Eröffnungspressekonferenz. War die letzten Jahre viel Ungewissheit ob der anstehenden technischen Wende in der Gutenberggalaxis (Stichwort E-Book, Self-Publishing) verbreitet worden, gibt man sich nun plötzlich entspannt. Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, sieht gelassen auf das laufende Jahr. Umsatzmäßig sei man zwar leicht im Minus, richtige Sorgen machen nur die um 7,3 Prozent eingebrochenen Verkäufe der Taschenbücher. "Start making sense again" rief dann der unverwüstliche Buchmessen-Direktor Jürgen Boos in den Saal. Und er forderte sogleich eine neue kulturelle Mobilität und das Ausbrechen aus "geistigen Wagenburgen". Andrea Vassiliou, EU-Kommissarin für Bildung, Kultur etc., musste absagen und sich von Michel Magnier vertreten lassen, da sie weitere Hearings (Kommission!) in Brüssel festhalten.

Fragen zum Freihandelsabkommen mit den USA, das sich auf Subventionen und Buchpreisbindung auswirken könnte, wollte Magnier mangels Mandat nicht beantworten. Nur keine Eile!, forderte schon Walter Benjamin. "1840", so der Autor, der schwierige Jahre in Frankfurt verbrachte, "gehörte es (...) zum guten Ton, Schildkröten in den Passagen spazieren zu führen. Der Flaneur ließ sich (...) sein Tempo von ihnen vorschreiben. Wäre es nach ihm gegangen, so hätte der Fortschritt diesen Pas lernen müssen." (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 8.10.2014)

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