Der neue Grenzschutz der alten Römer

7. Oktober 2014, 18:52
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Historiker und Denkmalschützer arbeiten daran, dass der europäische Limes UNESCO-Welterbe wird. Österreichs Antrag könnte in ein paar Jahren fertig sein

Wien - 500 römische Soldaten waren in Cannabiaca stationiert. Bis zum Beginn des 4. Jh. n. Chr. haben sie ihr Kastell mit halbrunden Hufeisentürmen, fächerförmigen Ecktürmen, dem hohen Kastentor und einem Burgus, einem turmartigen Kleinkastell, ausgerüstet. Im Zentrum lag das Kommandogebäude mit Fahnenheiligtum, Kriegskasse und Kaiserstatue, deren Kopf bei einem Machtwechsel ausgetauscht wurde. In der umliegenden Zivilsiedlung lebten Soldatenfamilien, Handwerker und Wirtsleute.

Heute heißt Cannabiaca Zeiselmauer. In der Ortschaft am Rande des Tullnerfelds in Niederösterreich ist erstaunlich viel des römischen Erbes erhalten geblieben, das einst als Limes eine tausende Kilometer lange Trennlinie zwischen den Einwohnern des Römischen Reichs und den "Barbaren" zog. Monumente, die gemeinsam mit vielen anderen Überbleibseln - beinahe alle 15 Grenzkilometer gab es eine Wehranlage - Unesco-Weltkulturerbe werden sollen. Das Problem dabei: Als "transnationales, serielles Weltkulturerbe" muss jedes Land eigene Anträge bei der Unesco einreichen und die entsprechenden Auflagen mit den lokalen Beteiligten abgleichen. Bei drei Abschnitten - dem Hadrianswall nahe der englisch-schottischen Grenze, beim obergermanisch-rätischen Limes zwischen Rhein und Donau in Deutschland und beim schottischen Antoninuswall - ist dies bereits gelungen.

Der Antrag, der den Hadrianswall 1987 zum Weltkulturerbe machte, bestand noch aus einem einzigen Blatt Papier, erzählt Andreas Schwarcz, Leiter des Instituts für Geschichte der Uni Wien. Die Unesco-Regeln sind inzwischen anspruchsvoller geworden. Österreich bemüht sich bereits seit zehn Jahren darum.

Das Institut für Geschichte leitet das EU-Projekt "Danube Limes Brand", an dem auch die Donau-Universität Krems beteiligt ist. Dabei versuchte man, auch die Einreichungen entlang des osteuropäischen Limes von Ungarn bis Rumänien voranzutreiben, Managementstrukturen zu schaffen und die alte Grenze touristisch aufzubereiten. Auch dort gibt es Fortschritte: Viminacium etwa, 90 Kilometer von Belgrad, ist eines der Vorzeigeprojekte. Dort konnte man sich mit den Betreibern der angrenzenden Kohlegrube einigen, die die Grabungen sogar mitfinanzieren, erzählt Projektkoordinatorin Sonja Jilek.

Mühsame Verhandlungen

2011 hat Österreich eine sogenannte Tentativliste bei der Unesco eingereicht, die 22 von 54 relevanten Limes-Orten in Wien, Ober- und Niederösterreich enthält. Ein fertiger Antrag könnte in zwei oder drei Jahren eingereicht werden, glaubt Schwarcz. Bis dahin hat auch Anton Schabl, der sich um rechtliche Aspekte kümmert, viel zu tun. Österreichs Denkmalschutzgesetz reiche für die Unesco-Vorgaben nicht aus. Schabl muss mit Bestimmungen aus drei Baurechten und drei Raumordnungsrechten in den beteiligten Bundesländern und zeitweilig mit dem Unwillen von Gemeinden oder Anrainern klarkommen. "Ein Problem, das wir lösen werden" , ist er überzeugt.

Dort, wo einst Cannabiaca lag, bemüht sich der Verein der "Freunde von Zeiselmauer" um Hinweistafeln und Beleuchtung für die Denkmäler und will das Geschichtsbewusstsein der Bewohner heben. Viele sehen dort den Weltkulturerbestatus positiv. Nicht zuletzt soll er auch mehr Touristen in die Ortschaft bringen. Dennoch freut der Denkmalschutz nicht jeden, wie der Fall einer Familie zeigt, die in ihrem Garten einen Pool ausheben wollte und auf die antike Schiffsanlegestelle Cannabiancas stieß.

Vor einigen Jahrzehnten war man da noch weniger pingelig: Ein Wachturm in Hollenburg wurde noch in den 1970er-Jahren gesprengt, um Platz für die Schnellstraße zwischen St. Pölten und Krems zu schaffen, erzählt Schwarcz. "Heute wäre das mit einem Aufschrei verbunden."

Ähnlich dem Verhältnis zwischen Bundesländern und Wien ist auch der Blick der Engagierten in den kleinen Limes-Gemeinden auf die ehemalige Legionsstadt Carnuntum ein besonderer. Dort gehe der Großteil der Förderungen hin, dort schaffe man im Rahmen der experimentellen Archäologie ein "Disneyworld" aus Nachbauten, während man bei den vielen kleinen Kastellen entlang der Donau um die Konservierung der vorhandenen Mauerstücke und Hufeisentürme bangt.

Recycling römischer Mauern

Die Archäologie ist mittlerweile davon abgegangen, an allen Fundstätten zu graben. Unter der Erde werden Überreste ohnehin besser konserviert. Im Rahmen des Limes-Projekts überlegt man Maßnahmen wie spezielle Bepflanzungen oder Lichtkonzepte, die auf die Vergangenheit der Orte aufmerksam machen sollen.

Die Erhaltung antiker Bauwerke ist meistens ihrer weiteren Nutzung nach dem Niedergang des Römischen Reichs geschuldet. Als Körnerkasten, Zeughaus oder Teil von Häusern wurden die alten Mauern von den Nachfolgern nicht als Baumaterialquelle betrachtet. In Österreich befinden sich viele der Kastelle auf bebauten Gebiet. Dort, wo einst die Köpfe von Cannabiacas Kaiserstatuten ausgetauscht wurden, steht heute die Kirche des Ortes. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 8.10.2014)

  • Bilder von der Grenze des Römischen Reichs: eine Luftaufnahme aus Ungarn (oben, Raststation Gönyü) und die Ansicht des Kastells Mautern, eine spätantike Lagermauer mit Türmen.
    foto: zsolt visy

    Bilder von der Grenze des Römischen Reichs: eine Luftaufnahme aus Ungarn (oben, Raststation Gönyü) und die Ansicht des Kastells Mautern, eine spätantike Lagermauer mit Türmen.

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    foto: erik dobat
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