Die neue Qualität der Serientäter

8. Oktober 2014, 19:56
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Das US-Fernsehen hat sich neu erfunden und bringt nun schon seit 1999 Serien mit komplexeren Handlungen. Kürzlich diskutierten Experten über dieses Thema

Wien - "Sitz nicht so lange vor der Glotze - davon bekommt man viereckige Augen", warnten die Eltern in früheren Jahren. Im TV-Programm lief ihrer Meinung nach nur Unsinn, und ein Buch galt als der bessere Zeitvertreib für Gebildete. Inzwischen sieht das etwas anders aus: Komplexe Handlungen, geschliffene Dialoge und ästhetisch hochwertige Gestaltung - das assoziiert man heute mit der modernen TV-Serie. Filmstars wie Matthew McConaughey oder Glenn Close spielen im früher als künstlerisch minderwertig beargwöhnten Fernsehprogramm mit, und das Feuilleton vergleicht die Meisterwerke des Genres mit Dostojewski und Balzac.

Daher rücken die neueren Fernsehserien auch in den Fokus der Wissenschaft - wie man vergangene Woche in Wien sehen konnte: Unter dem Titel "Transgressive Television: Politics, Crime, and Citizenship in 21st-Century American TV Series" veranstaltete das Institut für Anglistik und Amerikanistik der Uni Wien in Kooperation mit der Botschaft der USA eine mehrtägige Tagung. Auf dieser Konferenz versuchten Wissenschafter aus Europa und Übersee, den Status quo des US-amerikanischen Fernsehens zu bestimmen.

Keine neue Erscheinung

Dass man es hier mit einer völlig neuen Erscheinung zu tun hat, wurde gleich zu Beginn relativiert: Gary Edgerton von der Butler-Universität in Indianapolis, einer der renommiertesten Wissenschafter auf diesem Gebiet, verwies in seinem Eröffungsvortrag darauf, dass sich seit seinen Anfängen das amerikanische Fernsehen nun schon zum dritten Mal neu erfinde und eklatant umstrukturiere. Anspruchsvolle, fortlaufende Serien hätte es auch schon vorher gegeben - etwa Twin Peaks und Emergency Room.

Den Ausgangspunkt für den Boom von Dramaserien machte der Fernsehforscher im Jahr 1999 fest: Mit The Sopranos startete der erste große Hit des für die neueren Serien maßgeblichen Senders HBO. Diese Serie lieferte die Blaupause für das serielle Erzählen im Fernsehen des 21. Jahrhunderts und zeigte, dass auch künstlerisch anspruchsvolle Arbeit kommerziell erfolgreich sein konnte. Edgerton sah hier auch einen wesentlichen Punkt bei der Auseinandersetzung mit solchen Sendungen insgesamt: "Neben einer genauen Untersuchung der Serien an sich muss man diese Produktionen aber auch immer im Kontext einer Industrie und bestimmter Marktgesetze sehen."

Während Edgerton den großen Zusammenhang lieferte, widmeten sich die weiteren Vorträge einzelnen Serien. Die Amerikanistin Kimberly Moffitt von der Universität Baltimore zeigte auf, dass auch eine allerorten als komplex und differenziert gelobte Serie wie The Wire sich wiederum stellenweise rassistischer Stereotype bediene - anhand des Beispiels der Darstellung afroamerikanischer Mütterfiguren.

Die französische Historikerin Marjolaine Boutet von der Universität Amiens wiederum untersuchte den Aspekt der Zeit als strategisches Element für den Machiavellisten Frank Underwood in House of Cards.

Wie sich im weiteren Verlauf zeigte, steht Kevin Spaceys Rolle für einen in der aktuellen US- Serie beliebten Typus: die Figur des "Fixers". Seien es Politiker wie Underwood oder Gangster wie Tony Soprano und Walter White aus Breaking Bad: Personen, die als Strippenzieher aus dem Hintergrund ihre Probleme eigenmächtig lösen und dabei auch die bestehenden Gesetze übertreten. Jedoch werden diese Figuren nicht als Vorbilder eingeführt, wie die Marburger Anglistin Janina Rojek anhand des verbreiteten Handlungselements - der geheim gehaltenen Krankheit diverser Serienprotagonisten - erläuterte: Einerseits gehe das erfolgreiche Krisenmanagement nur mit kriminellen Mitteln vonstatten, andererseits ist es begleitet vom eigenen physischen Verfall, so dass diese Figuren metaphorisch für eine Gesellschaft in der Krise stehen: "Die Depression und der Krebs spiegeln auch ihr Leben, ihre Persönlichkeiten und ihre Gesellschaft wider. Daher kann es für Tony und Walter keine Heilung geben."

Arbeit mit Fragmenten

In den Diskussionen wurden aber auch die Schwierigkeiten sichtbar, die ein solch verhältnismäßig neuer Untersuchungsgegenstand mit sich bringt: Das Forschungsfeld ist bisher kaum abgesteckt, man arbeitet teilweise mit Fragmenten.

Auch eine gesicherte Diskussionsgrundlage kann noch nicht existieren, was aber nur eine Frage der Zeit ist, wie die Konferenzorganisatorin Birgit Däwes meint: "Bei den Serien, die aktuell laufen, kann man sich jetzt noch nicht einigen, was kanonfähig ist. Auch die Kriterien für Qualitätsfernsehen sind kaum festgelegt und werden kontrovers diskutiert. Den Kanon, der sich herausbilden wird, muss man abwarten." (Johannes Lau, DER STANDARD, 9.10.2014)

  • Bryan Cranston als krebskranker Walter White in der mehrfach preisgekrönten US-Serie "Breaking Bad": Der eigene physische Verfall ist eine Metapher für eine Gesellschaft in der Krise, sind sich Serienforscher einig. Es kann keine Heilung geben.
    foto: ap/amc/doug hyun

    Bryan Cranston als krebskranker Walter White in der mehrfach preisgekrönten US-Serie "Breaking Bad": Der eigene physische Verfall ist eine Metapher für eine Gesellschaft in der Krise, sind sich Serienforscher einig. Es kann keine Heilung geben.

  • Ein typischer Antiheld: Kevin Spacey als Frank Underwood in der erfolgreichen Netflix-Serie "House of Cards".
    foto: ap photo/netflix, nathaniel e.

    Ein typischer Antiheld: Kevin Spacey als Frank Underwood in der erfolgreichen Netflix-Serie "House of Cards".

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