Identitätssuche in den Ablagen der Nazis

11. Oktober 2014, 17:50
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Der Historiker Nikolaus Hagen arbeitet die Vergangenheit der Tiroler Volkskultur auf

So arbeitet sich der junge Historiker nun eben durch alte Behördenablagen. "Trotzdem spannend", sagt Nikolaus Hagen, dem offenbar klar ist, dass es Aufgaben gibt, die sinnlicher klingen. Seit Anfang des Jahres ist der 28-Jährige am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck angestellt. Sein Forschungsgebiet: die teils unrühmliche Rolle Tirols im Nationalsozialismus. Oder wie Hagen es nennt: die "Gesamtdarstellung der Kultur- und Identitätspolitik im Gau Tirol-Vorarlberg von 1938 bis 1945".

Antisemitismus und Deutschnationalismus gab es in Tirol aber schon lange vor Hitler, erzählt Hagen. Bereits im 19. Jahrhundert hätten sich diese völkischen Tendenzen herausgebildet. Der Bergbauer wurde zum Prototypen des perfekten Tirolers stilisiert. Seine Attribute: katholisch, bäuerlich, naturverbunden.

Ob so nicht auch heute noch mancher Wiener seine Landsmänner im Westen beschreiben würde? "Da sind wir beim Kern der Sache", sagt Hagen und nickt zufrieden. "Es gibt ein Identitätskontinuum, und das möchten wir darstellen." Während der Bergbauer als Prototyp des Tirolers im Nationalsozialismus einfach zum Prototyp des Deutschen wurde, seien viele Bilder auch nach 1945 verwendet worden: "Sie wurden einfach rot-weiß-rot umlackiert. Als Ausdruck echten Österreichertums wurden die Identitätsentwürfe der Nazis dann weiterentwickelt."

Tiroler Volkskultur in der Kritik

Deshalb findet man Hagen derzeit häufig im Tiroler Landesarchiv, während er Akten, Zeitungen und andere Publikationen durchforstet - gefördert vom Land. Denn seit einigen Jahren steht die Tiroler Volkskultur immer wieder in der Kritik: Schützen-, Trachten- und Blasmusikverbände wurden im Nationalsozialismus gezielt gefördert und waren eng mit Hitlerjugend und Sturmabteilung verwoben. Distanziert hat man sich allerdings lange nicht, wissenschaftliche Aufarbeitung gab es nur vereinzelt.

Sein berufliches Kerninteresse muss der junge Historiker in den nächsten Jahren also etwas hintanstellen. Bisher befasste sich Hagen nämlich vor allem mit jüdischen Lebensgeschichten - für deren Untersuchung bezahlt ihn derzeit nur niemand.

Studiert hat der gebürtige Vorarlberger Geschichte und Englisch an der Universität Innsbruck. "Der Schock und das Unverständnis bezüglich der NS-Zeit waren definitiv mein Antrieb, mich damit genauer zu befassen", sagt Hagen. Bevor er Mitarbeiter am Innsbrucker Institut für Zeitgeschichte wurde, arbeitete er im Vorarlberg-Museum an der Aufarbeitung des Nachlasses einer jüdischen Familie. Sein Traum wäre es, irgendwann in Israel zu leben und an der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zu forschen.

Im Jahr 2017 soll das Projekt über die Tiroler Kultur- und Identitätspolitik abgeschlossen sein. "Es geht dabei nicht primär darum, ob ein gewisser Komponist Nazi war oder nicht", sagt Hagen. "Es geht um das gesamte Arrangement und die Politik hinter unserer kulturellen Identität."

Entscheidend sei für ihn aber nicht nur die Aufarbeitung: "Vermittlung ist mir wahnsinnig wichtig", sagt Hagen. "Geschichte muss über Museen und Ausstellungen auch kommuniziert werden" - einsames Forschen im stillen Kämmerchen reiche ihm nicht. (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 8.10.2014)

  • "Die Bilder wurden nach der NS-Zeit einfach rot-weiß-rot umlackiert", sagt Hagen.
    foto: privat

    "Die Bilder wurden nach der NS-Zeit einfach rot-weiß-rot umlackiert", sagt Hagen.

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