Walk this Way

Blog8. Oktober 2014, 05:30
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Gehen ist also kein Sport. Sagen jedenfalls die, die sitzen. Und die kennen sich ja immer ganz besonders gut aus

Klar kenne ich die Folge. Und natürlich ist sie die Beste von allen. So wie so viele andere Folgen auch: In "Malcolm holds his tongue", der siebenten Folge der vierten Staffel von "Malcolm in the Middle", entdeckt Malcolms Vater "seine" Sportart: Gehen. Schnellgehen. Natürlich kann ich seither nicht anders: Jedes Mal, wenn ich auf Geher stoße, denke ich an Hal. Dann sehe ich Hal, wie er im Ganzkörperanzug und mit aerodynamisch optimiertem Helm, äh, geht. Und sich, no na, komplett zum Affen macht.

Natürlich grinse ich dann. Und natürlich habe ich ein schlechtes Gewissen. Weil ich eh weiß, dass es keinen, absolut keinen lächerlichen Sport gibt: Sie lachen über Wettkampf-Eckenbegrüßer? Grinsen, wenn wer Nagelfeilenzielwerfen praktiziert? Höhnen über Schnellhäkler? Probieren Sie es einfach mal aus, dann reden wir weiter.

Darum habe ich mich vergangenen Samstag richtig geärgert. Stellvertretend. Aber der Reihe nach: Nach zehn Tagen grippebedingter Pause war ich am Samstag das erste Mal wieder unterwegs. Ich watschelte mehr, als ich lief, die Hauptallee hinunter. Am Kilometer oberhalb der Stadionallee stolperte ich beinahe in die Absperrungen eines Wettkampfes: "Das sind die Geher-Meisterschaften. Die Athleten gehen da bis zu 50 Kilometer", erklärte mir ein Kampfrichter oder Posten an der Strecke. Der Mann war sichtlich stolz, dass ich beeindruckt war und die Wettkämpfer, die mir entgegenkamen, anfeuerte.

foto: thomas rottenberg

Zwei Minuten lang wunderte ich mich über die Zufriedenheit des Streckenpostens. Doch dann überholte ich die Couchpotato-Familie. Vater, Mutter, zwei Kinder und ein Hund. Genau genommen überholte ich sie nicht: Die Familie saß auf einer Bank. Der vermutlich noch keine zehn Jahre alte Bub reichte mir bis zur Brust, hatte aber rund zehn Kilo mehr auf den Rippen als ich. Er war damit im Verhältnis zu seiner Größe der Schlankeste der Gruppe: Sogar der Hund war blad. Ein Dackelmischling, dessen Bauch am Boden schleifte.

Bis auf den Hund hatte jeder Futter für den Eigenbedarf dabei. Was da auf und um die Bank aufgetürmt war, hätte mich drei Tage ernährt - wenn ich irgendetwas davon angreifen oder zu mir nehmen würde (obwohl ich kein Ess-Taliban bin). Nur: Beim Essen habe ich nicht einmal in meiner schlimmsten Raucherzeit geraucht. Und mit einem Kind am Schoß oder neben mir sowieso nicht.

Familie Couchpotato

Egal. Nein, natürlich ist es nicht egal. Aber ich bin kein Missionar: Jeder Mensch hat das Recht, sich und seinen Körper nach eigenem Gutdünken zu vernichten oder zu schädigen. Doch wenn dabei andere geschädigt werden, hört der Spaß auf: Kinder, die derart überfüttert werden, sind arme Schweine. In jeder Hinsicht: gesundheitlich, optisch, sozial. Ihnen bleibt oft nur ein Frustventil: noch mehr Fressen. Und einen Hund so zu mästen ist schlicht und einfach Tierquälerei.

Aber: Es ist ein freies Land. Und in Wirklichkeit hätte sich Familie Couchkartoffel vermutlich schon Lob dafür verdient, dass sie da an der frischen Luft saß - und es (das unterstelle ich jetzt einfach) vom Stadionparkplatz ein paar hundert Meter die Allee hinauf bis zur Bank geschafft hatte. Auch das ist Bewegung. Irgendwie halt. Also hielt ich die Klappe. Im Gegensatz zu den Sitzenden.

Die Viererbande hatte nämlich richtig Spaß: Wie deppert das denn aussehe. Wie behindert. Wie schwul. Schon bei Frauen … aber dann erst bei Männern … Überhaupt: Gehen. Was das denn für ein Sport sein solle. Könne. Wolle.

Das sei doch nicht ernst zu nehmen. Sondern lächerlich. Peinlich. Eine Beleidigung fürs Auge. Mit so einer Medaille könne man sich doch nicht zeigen. Wie das schon klinge, "Geh-Staatsmeister". Kein gesunder Mensch bewege sich so. Nur Spastis. Vollidioten. Debile … Und so weiter.

foto: thomas rottenberg

Die Geher, oben auf der Hauptallee, bekamen davon nichts mit: Die waren voll in ihrem Ding. Konzentriert. Fokussiert. Aber ich schämte mich. Zuerst einmal fremd. Dann auch ein bisserl für mich selbst: Schließlich hatte ich ja ebenfalls gegrinst. Wegen Malcolm. Hal. Der Helm. Der Anzug. Der Hüftschwung. Und so weiter: So groß war der Unterschied zwischen denen und mir wohl doch nicht.

Aber es gibt doch einen Unterschied: Man kann nämlich auch grinsen und trotzdem Respekt haben. Weil man weiß (oder ahnt), was dahintersteckt: Ich gehe auch nicht ins Ballett, weil ich mit Tanz genau gar nichts anfangen kann. Aber das ist mein persönliches Manko. Oder Ding. Und ich bewundere jeden und jede, der oder die tanzen kann.

foto: thomas rottenberg

Das gilt auch beim Gehen. Mehr noch: Ich habe den Unterschied mitbekommen. Am eigenen Leib: Ich war am Samstag mit etwa sechs Minuten pro Kilometer unterwegs. Und auch wenn das doch ein bisserl unter meiner Wettkampfpace liegt, ist das eindeutig Laufen. Nur: Die Geher waren schneller. Deutlich und ebenfalls eindeutig. Den Nächsten, der mir da mit "Das ist kein Sport" kommt, lade ich daher herzlich ein mitzukommen: Wenn er (es ist fast immer ein er) mich gehend auf der Hauptallee überholt, während ich gemütlich mit zehn km/h dahintrabe, darf er sich weiterhin erhaben fühlen, spotten und "Kein Sport" sagen.

Aber alle, denen das nicht gelingt, mögen gefälligst die Pappn halten. Bitte. Danke. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 8.10.2014)

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