Ebola-Erkrankte in Oslo, drei Verdachtsfälle in Madrid

7. Oktober 2014, 17:40
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MSF-Mitarbeiterin in Norwegen betroffen, ebenso wie Ehemann der ersten Infizierten in Europa

Artikel | Die Maßnahmen bei einem Verdachtsfall

Madrid/Oslo/Salzburg - Eine norwegische Mitarbeiterin der Organisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) hat sich in Sierra Leone mit dem Ebola-Virus angesteckt und wurde zurück nach Oslo gebracht. In der spanischen Hauptstadt Madrid gibt es im Umfeld der ersten in Europa infizierten Frau, einer Krankenschwester, drei weitere Verdachtsfälle. Und im Fall jenes 15-Jährigen aus Liberia, dessen Ergreifung zur Auslösung des Ebola-Alarmplanes am Salzburger Landeskrankenhaus geführt hat, ist zwar nicht die Rede von einem offiziellen Verdachtsfall, der junge Mann gilt aber weiterhin als Hochrisikopatient.

Flüchtling in Salzburg klinisch gesund

Der Jugendliche hat weder Fieber noch sonstige Symptome. Damit sei der Patient auch nicht ansteckend, hieß es bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz an der Salzburger Universitätsklinik am Dienstag. Laborproben wurden bereits eingeschickt. Von den Ergebnissen erwartet man sich nicht viel: Diese seien erst ab einer Temperatur von 38,5 Grad aussagekräftig, erklärte der Vorstand für Innere Medizin III, Richard Greil. Bis Dienstag soll der 15-Jährige im "Schleusenzimmer" des Krankenhaus beobachtet werden.

Für einen Verdachtsfall sprechen laut Definition des Robert-Koch-Instituts unter anderem: Fieber mit mehr als 38,5 Grad Celsius und direkter Kontakt mit Blut oder anderen Körperflüssigkeiten von Ebola-Erkrankten, beruflicher Kontakt mit Ebola-Viren oder Kontakt mit infizierten Wildtieren oder ein Aufenthalt in betroffenen Ländern mit Symptomen.

"Es geht ihm gut, er ist klinisch gesund, er bekommt keine Medikamente. Der Patient sagt, er fühlt sich wohl", sagte Viktoria Faber, Oberärztin an der Universitätsklinik, bei der Pressekonferenz. Über die Flucht aus Liberia gibt es keine detaillierte Darstellung. "Wir nehmen an, dass er durch eine Schlepperbande heraufgekommen ist", sagte Faber. Er sei in einem Auto auf dem Weg zum Erstaufnahmezentrum Thalheim gewesen. Die Kommunikation mit dem Flüchtling sei schwierig, weil er nicht ausreichend Englisch spreche, erklärte die Oberärztin. Das Spital bemüht sich nun um einen Dolmetscher.

Der junge Mann wurde laut Michael Haybäck, Leiter des städtischen Amtes für öffentliche Ordnung, gestern in der Stadt Salzburg nahe des Hauptbahnhofes im Rahmen einer Polizeikontrolle in einem Pkw aufgegriffen und dann auf die Polizeiinspektion Wals-Siezenheim (Flachgau) gebracht. Dort erzählte der Teenager den Beamten, dass seine Familie vor zwei Monaten an Ebola gestorben sei und er sie bis zuletzt gepflegt und auch beerdigt habe. Danach sei er in einem Boot auf dem Seeweg nach Europa geflüchtet.

Drei weitere Fälle in Spanien

Im Fall der Norwegerin wurde am Dienstag die Behandlung im Osloer Universitätsklinikum Ullval fortgesetzt, berichtet die Organisation Ärzte Ohne Grenzen am Montagabend. Wo die Frau sich mit dem Virus infiziert hat, war zunächst unklar. Tests am Sonntag hätten die Infektion bestätigt, hieß es. Die Familie der Frau sei informiert.

In Spanien ist eine Krankenpflegerin die erste Person, die sich mit dem Ebola-Virus außerhalb Afrikas angesteckt hat. Das Gesundheitsministerium in Madrid bestätigte, dass zwei Tests positive Ergebnisse gaben. Der Zustand der Pflegerin sei stabil, sie werde mit dem Blutplasma einer Ordensschwester aus Liberia behandelt, die die Erkrankung überlebte. Ihr Ehemann stehe unter Quarantäne, "weise aber keine Symptome auf", betonte Mercedes Vinuesa, Direktorin des öffentlichen Madrider Gesundheitsdienstes. Eine Hotline wurde eingerichtet und ein Notfallprotokoll aktiviert. Denn: "Weitere Fälle können nicht ausgeschlossen werden."

Die infizierte Pflegerin war mit der Behandlung zweier aus Sierra Leone und Liberia zurückgekehrter spanischer Missionare im Spital Carlos III. betraut: Manuel Garcia Viejo (69), der am 25. September - drei Tage nach seiner Rücküberstellung - dem Virus erlag, sowie Miguel Parajes (75), der bereits am 12. August verstarb.

Die betroffene Pflegerin selbst forderte nach mehr als sechs Tagen mit hohem Fieber einen Test auf Ebola - vergebens. Stattdessen beurlaubte man sie und schickte sie heim. "Mehr als 38,6 Grad Temperatur hatte sie nicht", rechtfertigte dies der Madrider Primar Antonio Alemany.

Bisher wurden 24 Verdachtsfälle - primär Immigranten und Reisende aus den betroffenen Staaten - in Spanien negativ getestet. Doch eine zweite Krankenschwester ist möglicherweise ebenso infiziert, neben zwei weiteren Verdachtsfällen, die am Dienstag bekannt wurden.

Kritik an Ministerium

Gesundheitsministerin Ana Mato vom Partido Popular (PP) gab in einer Pressekonferenz zu, "keine Ahnung zu haben, wie viele Menschen mit der Pflegerin in Kontakt waren" - angeblich "zwischen 30 und 60". Eine erste Liste sei "so gut wie fertig". Man "garantiere die bestmögliche Behandlung der Patientin und den Schutz der Bevölkerung", versuchte Mato zu beruhigen, während sie Fragen zur politischen Verantwortung auswich. Das Gesundheitsressort war eines der am härtesten von den Sparmaßnahmen der Regierung unter Premier Mariano Rajoy betroffenen.

Hatte Mato noch vor wenigen Tagen EU-Partnern ihre Expertise in puncto Ebola offeriert, ist es nun die Brüsseler EU-Kommission, die von Spanien baldige Erklärungen einforderte: "Es ist klar, dass irgendetwas schiefgegangen sein muss", sagte ein Kommissionssprecher.

Denn auch die Quarantänestation des Carlos-III.-Spitals wurde nach dem Ableben der Missionare wieder abgebaut. Es gebe folglich keine sicheren Behandlungsmöglichkeiten für weitere Fälle, empörten sich Oppositionspolitiker.

Von Mängeln spricht auch das medizinische Personal. Ärzte und Pfleger des Carlos III.-Spitals seien nicht regelmäßig getestet worden, obwohl sie das gefordert hätten, sagte José Manuel Freire Calvo, Präsident der Madrider Krankenpflegergewerkschaft SATSE. Man habe lediglich ein 15-minütiges Briefing erhalten und zweimal täglich Fiebermessen müssen.

Er forderte den Rücktritt der Gesundheitsministerin - wie tausende User sozialer Netzwerke, die eine Demonstration für Dienstagabend vor dem Ministerium organisierten. Krankenpfleger riefen zu landesweiten Protesten auf.

EU-Kommission fordert Aufklärung

Auch die EU-Kommission forderte Spaniens Gesundheitsministerin auf, für "Aufklärung" des ersten Ansteckungsfalls in Europa zu sorgen, wie ein Kommissionssprecher am Dienstag sagte. Es sei "offensichtlich, dass es irgendwo ein Problem gibt."

US-Präsident Barack Obama versuchte unterdessen seine Landsleute zu beruhigen. Das Risiko einer Epidemie in den USA sei "außerordentlich gering", sagte Obama am Montag in Washington. Er rief die internationale Gemeinschaft auf, sich stärker gegen Ebola in Westafrika einzubringen.


Vergangene Woche war in den USA erstmals ein Ebola-Fall festgestellt worden. Der Patient hatte sich in seiner Heimat Liberia infiziert. Der Erreger wurde aber erst diagnostiziert, nachdem der Mann zu einem Familienbesuch nach Texas gereist war. Nach einer Ansteckung vergehen bis zu 21 Tage, bis erste Zeichen der Krankheit wie Fieber und Übelkeit auftreten.

In Westafrika geht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von mittlerweile mehr als 3.500 Ebola-Toten aus. Insgesamt waren bis Freitag 7492 Krankheitsfälle gemeldet. Betroffen sind vor allem Liberia, Guinea und Sierra Leone. (Jan Marot, Stefanie Ruep, DER STANDARD; APA/Reuters; 7.10.2014)


Kommentar von Jan Marot: Überforderte Regierung

  • Das Carlos-III-Spital in Madrid, in dem ein an Ebola erkrankter Priester verstarb.
    foto: ap photo/paul white

    Das Carlos-III-Spital in Madrid, in dem ein an Ebola erkrankter Priester verstarb.

  • Medizinisches Personal in Schutzanzügen beim Transport einer Ebola-infizierten Frau in das Universitätsspital in Oslo.
    foto: epa/terje pedersen

    Medizinisches Personal in Schutzanzügen beim Transport einer Ebola-infizierten Frau in das Universitätsspital in Oslo.

  • Der Gebäudekomplex des Salzburger Krankenhauses mit der  Isolationsstation, auf der sich ein 15-Jähriger aus Liberia befindet.
    foto: apa/barbara gindl

    Der Gebäudekomplex des Salzburger Krankenhauses mit der Isolationsstation, auf der sich ein 15-Jähriger aus Liberia befindet.

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