Schriftsteller Siegfried Lenz gestorben

7. Oktober 2014, 14:14
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Der millionenfach gelesene deutsche Publikumsautor wurde 88 Jahre alt

Hamburg - Im Jahr der langen Haare, 1968, erschien in Deutschland ein Roman mit Seitenscheitel. Über "Deutschstunde" von Siegfried Lenz schrieb Peter Härtling im
"Spiegel", die Prosa sei genauso, wie der Erzähler sich frisiert: "gerade und ordentlich". Vielleicht war das der Kern des Erfolgsgeheimnisses von Lenz, der einer der größten Publikumsautoren seit dem Zweiten Weltkrieg wurde. Er schrieb alles auf Fasson.

Seine Stoffe entnahm er, wie Günter Grass, mit dem er eine in vielerlei Hinsicht parallele Existenz führte, der deutschen Geschichte. Dass der umstrittene Maler Emil Nolde für die Hauptfigur in "Deutschstunde" Pate stand, bescherte Lenz die Ehre, 2014 wieder zum Gegenstand einer Debatte zu werden. Die "FAZ" warf ihm vor, er habe Noldes Biografie "schöngeschrieben". Das war in diesem Fall inhaltlich gemeint, während Härtling eher auf eine formale Schönschrift abhob.

Dabei wird ein wenig unterschlagen, dass Lenz gerade mit "Deutschstunde" schon im Titel verrät, dass ihm die Tücken seiner Arbeit durchaus bewusst waren. Deutsch als Literatursprache steht vor dem Problem, dass die deutschen Stunden in der Weltgeschichte häufig nach Regelverletzung, nach Aufschrei oder gar Schweigen verlangen. Grass fiel, um sich abzureagieren, in "Hundejahre" über Heidegger her.

Siegfried Lenz aber blieb dem filigranen, gelegentlich ein wenig verschwurbelten Tonfall treu, den er mit seinem Erzählband "So zärtlich war Suleyken" 1955 etabliert hatte. Darin geht es zwar um "Sengen, Plündern und ähnliche Dreibastigkeiten", doch es löst sich vieles - "ach Gottchen" - in Wohlgefallen auf. Die Sprache bannt Geister und Plünderer.

Mit diesen Geschichten aus Masuren griff Lenz auf biografische Erfahrungen zurück. Er wurde 1926 in Lyck in Ostpreußen geboren, wurde 1943 in die Marine eingezogen, und er wurde auch Mitglied der NSDAP, wobei er immer daran festhielt, dass dies ohne sein Wissen und in einem Sammelverfahren geschehen war.

Desertierter Dolmetscher

Lenz wartete das Kriegsende nicht ab, sondern desertierte 1945 in Dänemark. Er geriet in britische Kriegsgefangenschaft, machte sich als Dolmetscher verdient und gelangte nach Hamburg. Dort wurde er sesshaft, doch die Landschaften seiner Kindheit prägten sein Schreiben.

In "Heimatmuseum" (1978) ging er ausdrücklich auch auf die politischen Kontroversen ein, die sich mit der Trauer um den Verlust persönlicher Heimat dort verbanden, wo Vertriebenenverbände daraus Ressentiments zu gewinnen suchten. Lenz, der sich immer für die Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen starkmachte, beharrte hingegen auf der Distanz des Schriftstellers: "Heimat ist nur eine Erfindung der Melancholie", allenfalls erzählerisch lässt sich wiedergewinnen, was in der Realität verloren zu geben ist.

In "Exerzierplatz" (1985), seinem vielleicht ehrgeizigsten Roman, lässt er einen heiligmäßigen Idioten, einen sensiblen geistig Behinderten erzählen. Dessen Sprache wird zum Schauplatz eines literarischen Zwiespalts, denn auch hier kann und will Lenz sich nicht zu weit in die Auflösung der Form vorwagen, die sein Protagonist eigentlich ständig erfährt.

Dass er als Vorbilder Faulkner und Dostojewski nannte, hat Lenz mit seinem Schreiben nur in Ansätzen eingeholt. An Faulkner faszinierte ihn die Spannung zwischen provinzieller Szene und weltliterarischem Anspruch und etwas, was er bei Hemingway, seinem frühen Idol, irgendwann vermisste: ein Gefühl für die Übermacht der Vergangenheit.

Gerade dieser Erfahrungen wegen sind seine Bücher dort angelangt, worauf er mit "Deutschstunde" angespielt hatte: im Schulunterricht. Man kann mit Siegfried Lenz wunderbar das Feld der Literatur betreten, man kann sich gut beschützt hineinlesen in die komplizierten Beziehungen zwischen Welt und Geschichte.

Am Dienstag ist Siegfried Lenz im Alter von 88 Jahren in Hamburg gestorben. (Bert Rebhandl, derStandard.at, 7.10.2014)

  • Sein Stoff war die deutsche Geschichte: Siegfried Lenz.
    foto: dpa/jens ressing

    Sein Stoff war die deutsche Geschichte: Siegfried Lenz.

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