Student zeigt, wie Überwachungssoftware der NSA aussehen könnte

Ansichtssache7. Oktober 2014, 11:42
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Fiktives Programm "Mithras" basiert auf Snowden-Enthüllungen, führt Datensammeln vor Augen

Er ist ein Sonnengott, wurde schon von den Persern und später im antiken Rom verehrt: Die mythische Gestalt Mithras ist vor allem durch seine Stiertötungen bekannt, viele Anhänger schrieben ihm die Rolle des Kosmokrators, also Herrscher über den Kosmos, zu. Viel weiß man heute allerdings nicht mehr über seinen Kult.

Mithras ist auch der Name für eine fiktive Überwachungssoftware, die ein deutscher Student namens Christian Gross für seine Abschlussarbeit erfunden hat. Sie thematisiert die nahezu totalitäre Überwachung durch NSA, GCHQ und andere Geheimdienste - die sich, genau wie der Sonnengott – als Herrscher über das Internet sehen. Über sie weiß man mittlerweile allerdings etwas mehr als über die antike Göttergestalt, zu verdanken hat die Öffentlichkeit das dem Whistleblower Edward Snowden.

Fiktive Software erstellt

Der hatte in den vergangenen anderthalb Jahren gemeinsam mit Journalisten wie Glenn Greenwald oder Laura Poitras Stück für Stück offengelegt, wie datenhungrig die NSA und ihre Verbündeten wirklich sind. Gross, der auf der Uni Potsdam Interaction-Design studiert, zeigt nun mit seinem Projekt "They Know", wie eine von den Geheimdiensten eingesetzte Software aussehen könnte.

pressefoto/they know (christian gross)

Die Software, von Gross eben "Mithras" getauft, verfügt über unterschiedliche Bestandteile: Ein Bildschirm dient zur Übersicht über Verdächtige – also Internetnutzern, die bestimmte Schlagworte auf Google eingegeben oder Alarm auslösende Fotos von sich hochgeladen haben.

pressefoto/they know (christian gross)

In einer Profil-Übersicht sind dann alle gesammelten Daten zu den einzelnen Verdächtigen abrufbar. Hier schöpfen die Geheimdienste aus dem Vollen: Neben den grundlegenden statistischen Daten ist auch eine erste Übersicht zu Bewegungsmustern und Onlinekontakten zu sehen.

pressefoto/they know (christian gross)

Die Übersicht zu Online-Kommunikationen geht auch detaillierter, verfeinert mit gesammelten SMS. Aber selbst wenn die Inhalte der Nachrichten fehlten, wie etwa bei der Vorratsdatenspeicherung, könnten sich allein durch diese sogenannten "Metadaten" sehr detaillierte Persönlichkeitsmuster kreiert werden. Dasselbe gilt für Bewegungsmuster oder die Übersicht über besuchte Websites.

pressefoto/they know (christian gross)

Wie schnell ein Unschuldiger ins Fadenkreuz der Geheimdienste gelangen kann, hat Gross zusätzlich in einem Kurzfilm thematisiert: Das Video erzählt von einem Studenten namens "Michael", der einen Freund in New York besuchen möchte. Da er nicht weiß, wann er zurückfährt, kauft er ein Einwegticket. In seiner Web-History finden sich Baupläne von US-Flughäfen – warum, ist unklar. Und schon wird der unbescholtene Bürger zu einem Verdächtigen, dessen Leben Geheimdienste durchwühlen können.

they know

Diese Geschichte ist erfunden – dass sie aber so passieren könnte, ist nach den Snowden-Enthüllungen hinreichend bekannt. Sich alle Programme der Geheimdienste vor Augen zu führen – wie Gross es dem Leser durch zwei große Infografiken ermöglicht – schockiert dennoch immer wieder. Denn, wie Gross ausführt: Es lauern zahlreiche Gefahren wie der Missbrauch der Daten, psychologische Effekte durch das Wissen um das Überwacht-Werden und die Verletzung der Schweigepflicht.

Selbstverteidigung

Um sich zu schützen, liefert Gross dann auch zahlreiche Tipps zur Selbstverteidigung: Von Verschlüsselung und der Nutzung dementsprechender Angebote wie der WhatsApp-Alternative "Threema" über die Unterbindung von Tracking bis hin zur Verwendung unterschiedlicher Browser, um das Tracking durch Geheimdienste zu erschweren. (fsc, derStandard.at, 7.10.2014)

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