"Gorkij Park 2": Politik und Sex im Tanzmuseum

6. Oktober 2014, 17:51
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Die schwedische Choreografin Gunilla Heilborn betrachtet beim Steirischen Herbst die kommunistische Vergangenheit. Christine Gaigg widmet sich in ihrem Stück dem Niedergang des Sex

Graz - Rückblicke erinnern nicht nur an die Vergangenheit. Sie sagen vor allem etwas über die Gegenwart aus. Diese Erkenntnis bildet eine Gemeinsamkeit zwischen zwei ansonsten sehr unterschiedlichen Tanzstücken beim Steirischen Herbst: Gorkij Park 2 von der schwedischen Choreografin Gunilla Heilborn und Maybe the way you made love twenty years ago is the answer? der Österreicherin Christine Gaigg. Das Letztere wird kommenden Dezember auch im Tanzquartier Wien zu sehen sein.

Heilborns Methode ist überzeugend. Mit Fingerspitzengefühl für die Banalität hinter vielem, das allgemein als wahnsinnig aufregend, wichtig oder sinnlich stilisiert wird, baut sie seit 15 Jahren ihre Stücke. Was dabei herauskommt, ist manchmal ein wahres Meisterwerk wie zum Beispiel in Potato Country, gezeigt 2011 vom Steirischen Herbst. Oder schon auch einmal eine blasse Angelegenheit à la This is not a love story, wie im Vorjahr im Tanzquartier zu erleben war. Gorkij Park 2 gehört nun wieder eher zu den Highlights der Gegenwartschoreografie.

Das Stück ist als Bühnen-Sequel von Michael Apteds KGB-Thriller Gorky Park aus dem Jahr 1983 angelegt. Der Film atmet die Atmosphäre des Kalten Krieges, der vor dreißig Jahren politische Realität war. Damals diente Wladimir Putin noch als Offizier beim KGB, und niemand konnte sich vorstellen, dass sich wenig später der Ostblock auflösen würde. Jetzt ist Putin seit eineinhalb Jahrzehnten an der Macht. Seine destruktive Politik wird, wie unlängst im Hamburger Wochenblatt Die Zeit, ironisch als "postmodern" bezeichnet.

Auf eine dekonstruierende Art postmodern ist Heilborns Gorkij Park 2. Zu Beginn erzählt einer der Tänzer von dem Film, für ihn nur eine vage Jugenderinnerung: "Ich glaube, es war eine Fernsehserie ..." Dann folgt ein Zusammentreffen dreier Figuren aus dem Streifen: Irina, Jack und Renko. Sie alle scheinen Personifikationen verblasster Erinnerungen an die Vergangenheit zu sein, die sich nun selbstständig gemacht haben.

Erschossene Angestellte

Ihre Unterhaltung über den Film bleibt rudimentär. Der Gorki-Park in Moskau wird mit der einstigen Utopie des Kommunismus in Verbindung gebracht. Ein großes Schild mit der russischen Aufschrift für Museumseingang hängt an der Wand. Gemeint ist das Moskauer Gorki-Museum, in dem die Handlung spielt: Das Publikum wird von einer Museumsangestellten (Pia Hierzegger) willkommen geheißen. Diese Figur wird auf ihrem Sessel irrtümlich angeschossen. Sie überlebt und wirbt am Ende des Stücks für einen Besuch im Museum - falls jemand nach Moskau fährt.

Putin muss da nicht extra erwähnt werden. Die von ihm zerstörten Hoffnungen auf eine Demokratie in Russland sind in allem präsent, was sich auf der Bühne ereignet. Übrig bleibt etwas Nacktes: die Enttäuschung über den Lauf der Geschichte.

Mit Nacktheit im wahren Sinn des Wortes arbeitet Christine Gaigg in Maybe the way you made love twenty years ago is the answer?. Auch hier gibt es drei Tänzer. Und Gaigg selbst als "Museumswärterin" ihrer Erinnerungen an den Sex, wie er für sie in Zeiten vor der Political Correctness war. Während die Choreografin (54) liest, keuchen die beiden Frauen und der Mann, allesamt Twentysomethings, und stöhnen, ziehen einander aus und spielen einen Dreier vor.

Der Text gibt deutliche Hinweise darauf, warum es heute im Sex kriselt. Aber vieles im Stück bleibt unklar. Etwa warum die jungen Tänzer selbst nichts zu sagen haben. Oder warum sie die Worte der Erzählerin so vordergründig illustrieren respektive konterkarieren müssen. Auch hier gibt es eine Enttäuschung - jene über das Stück. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 7.10.2014)

  • Ein Dreier auf der Bühne, begleitet von Überlegungen zur gesellschaftlichen Zähmung der Triebe: Eva-Maria Schaller, Anna Prokopová und Petr Ochvate in Christine Gaiggs neuer Choreografie beim Steirischen Herbst.
    foto: wolfgang silveri

    Ein Dreier auf der Bühne, begleitet von Überlegungen zur gesellschaftlichen Zähmung der Triebe: Eva-Maria Schaller, Anna Prokopová und Petr Ochvate in Christine Gaiggs neuer Choreografie beim Steirischen Herbst.

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