"Idomeneo": Ein Hauch von Revolution im rasenden Opernstillstand

6. Oktober 2014, 17:17
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Regisseur Kasper Holten hat bezüglich der Hauptfigur interessante Ideen, die Michael Schade subtil umsetzt. Der Rest ist Stehtheater im tollen Bühnenbild. Lauer Applaus, Buhs für Dirigent Christoph Eschenbach

Wien - Dumm gelaufen: Da begibt sich der Kriegsherr nach siegreichem Schlachten heimwärts nach Kreta, und dann vermiest Poseidon wettermäßig die Überfahrt. Überleben ist nur durch ein Geschäft mit dem Meeresgott zu sichern: Der Erste, der Idomeneo auf heimischem Gestade begegnet, wird dem Gott zu opfern sein. Der Erstgesichtete ist aber der eigene Sohn, Idamante. Dumm gelaufen.

Idomeneo hat jedoch - in der Inszenierung von Kasper Holten - nebst der Aussicht, seinen Nachfolger opfern zu müssen, noch ein Psychoproblem. Es verfolgen den Kriegstraumatisierten all jene gemeuchelten Trojaner als gesichtslose Wesen, umzingeln ihn in blutigen Gewändern. Dass so jemand zu viel Konfliktballast zu stemmen hat und darob ein bisschen wahnsinnig wird, vermittelt Holten subtil. Tenor Michael Schade gibt den zerrissenen Idomeneo als machtbewusstes Nervenbündel, das auf Ilia, die eigentlich Idamante zugetan ist, ein Auge wirft; er gibt ihn als fragilen Charakter, dessen Unbewusstes ihm so wenig Ruhe gewährt wie schließlich auch die Kreter Untertanen. Sie fordern eine Erlösung von den überirdischen Plagen.

Am Ende reicht es dem Völkchen. Es macht auf Putsch und entmachtet den König - es leben der neue (mit markantem Timbre Margarita Gritskova als Idamante). Idomeneo wird hinabgeschickt zu jenen unterweltlichen Todeskreaturen, die ihn bedrängt haben. Bei diesen wartet auch schon Elettra (Maria Bengtsson klingt schön, hat aber Probleme bei der Intonation), der eigentlich Idamante versprochen war.

Klingt interessanter, als es war: In dieser Inszenierung findet sich alle szenische Energie nur in Idomeneo gebündelt. Schade, der in den Tiefen blass wirkt, die Koloraturen mühsam bewältigt, in den Höhen aber über dramatische Strahlkraft verfügt, geht mit Subtilität an die Figurenkonflikte heran und modelliert ein packendes Seelenporträt. Damit hat Holten, von dem man schon sehr differenzierte Arbeiten sehen konnte, jedoch sein Pulver verschossen. Der Chor wird oratorial behandelt, wird zum Teil des Bühnenbilds (respektabel der Wiener Staatsopernchor). Nicht viel origineller die "Bewegungskunst" jener Totengeister, die Idomeneo plagen. Und auch der Rest der griechischen Tragikwelt agiert im Stile obligater Opernkonvention, ohne die Beziehungen untereinander szenisch verdichten zu können.

Abstrakte Bühne

Es beginnt allerdings spektakulär. Hoch oben baumeln trojanische Gefangene, Ilia (zumindest in den Höhen mit tragfähiger Lyrik Chen Reiss) singt ihre erste Arie frei schwebend. Zudem ist das Bühnenbild (Mia Stensgaard) eine dynamische Konstruktion: Bestehend aus einem schwebenden Rahmen und einem zweiten, der sich aus dem Bühnenboden löst, um Platz für ein Podest zu schaffen, auf dem der König liegt oder seine Wunschträume bezüglich Pärchenzusammenstellung in Form von Spielfiguren inszeniert, verleiht es der Mozart-Oper elegante Abstraktheit.

In den Rahmen taucht mitunter auch ein Spiegel auf, was durch die Verdopplung der Bühnenvorgänge einen gewissen Reiz entfaltet. Doch was sich da abspielt, ist bestenfalls ein rasender Opernstillstand. Wie dann beim Putsch auch noch eine riesige Königsskulptur auseinanderbricht, hat das mehr ulkige als dramatische Wirkung. Schade. All die Vorverlegungen von Arien, zum Zwecke der Steigerung von beziehungstechnischer Glaubwürdigkeit (Ilia/ Idamante), all die Vermenschlichung von Monstern, sie verpuffen in ihrer Wirkung.

Dirigent Christoph Eschenbach und das Staatsopernorchester sind dem Ganzen konturenlose Begleiter. Anämische Phrasierung und Schönklangsuche, die selten fündig wird, lassen das Gefühl von Beiläufigkeit aufkommen, das erst ab der Opferszene verschwindet. Da ist plötzlich Leben im Klang, da ist Dramatik, als wäre das Instrumentale aufgewacht - etwas spät jedoch. Schwacher Applaus. Buhs für Eschenbach. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 7.10.2014)

Termine: 8., 11., 14., 16. Oktober

  • Die einzige Figur des Abends, die wirklich gestaltet scheint: der kriegsversehrte König Idomeneo (Tenor Michael Schade).
    foto: apa/wiener staatsoper/michael pöhn

    Die einzige Figur des Abends, die wirklich gestaltet scheint: der kriegsversehrte König Idomeneo (Tenor Michael Schade).

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