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Reportage7. Oktober 2014, 14:14

Pit-Stop auf russisch: Vor einer vereisten Kfz-Werkstatt legt ein altes Lada-Taxi eine Vollbremsung hin. Während der Fahrer stur nach vorn schaut, sind im Hintergrund Pressluft-Schlagschrauber zu hören. Nach vier Sekunden ist der Boxenstopp erledigt, verschwindet der Lada in einer Staubwolke. Schlechte Straßen, schlechte Autos und rasende Taxifahrer. Der Werbeclip spielt mit allen Vorurteilen, die es über Russland gibt, und inszeniert zugleich mit einer gehörigen Portion Selbstironie Russlands Debüt als Gastgeber der Formel 1.

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Mit einer Portion Selbstironie feiert Russland sein Debüt als Gastgeber der Formel 1.

Doch zumindest auf der Rennstrecke, dem gerade fertiggestellten "Sochi Autodrom", gibt es am Straßenbelag nichts zu bemängeln. Charlie Whiting, Sicherheitschef der Formel 1 und Renndirektor des Weltmotorsportverbands FIA, zeigte sich bei seiner letzten Inspektion zwei Wochen vor der Premiere des Russland-Grand-Prix hocherfreut: Die Strecke sei "zu 100 Prozent" sicher und entspreche den höchsten internationalen Anforderungen, diktierte er den Journalisten in die Blöcke.

Die Worte dürften Balsam auf die Seele von Dmitri Kosak gewesen sein. Der russische Vizepremier war verantwortlich für die Olympischen Winterspiele in Sotschi und musste sich Kritik wegen der hohen Kosten anhören. Seit August leitet er auch das Organisationskomitee für das Prestigerennen im südrussischen Badeort.

Keine Berührungsängste

Ende September konnte er die Strecke im Rahmen des Investitionsforums von Sotschi zusammen mit Krasnodars Gouverneur Alexander Tkatschow offiziell eröffnen. Letzterer durfte anschließend sogar am Steuer eines Sportwagens mit Ex-Formel-1-Pilot Witali Petrow eine Ehrenrunde vor den halbleeren Tribünen drehen.

"Der Sport ist außerhalb der Politik"

Während sich die russische Führung beim Investitionsforum um die von den westlichen Sanktionen ausgelöste Vollbremsung der russischen Wirtschaft kümmern musste, ließ Kosak bei den Showrennen zur Eröffnung Rennwagen in Hochgeschwindigkeit an sich vorüberrasen. "Auf die Durchführung der Rennen haben die Sanktionen keine Auswirkung. Die FIA hat bestätigt, dass alle Teams teilnehmen. Der Sport ist außerhalb der Politik", verkündete Kosak, selbst "Opfer" westlicher Sanktionen, zuversichtlich.

foto: apa/ap/polyakova
Der Kurs führt vorbei an den olympischen Stätten, zum Beispiel am Bolshoy Ice Dome.

Dabei war das russische Formel-1-Debüt nach dem Krim-Anschluss, dem blutigen Konflikt in der Ostukraine, aber auch dem zunehmend autoritären Führungsstil der russischen Führung im Inland keineswegs unumstritten: Aufrufe zu einem Boykott gab es nicht nur aus der Politik. Kritik regte sich auch bei der FIA. Der frühere finnische Rallyefahrer Ari Vatanen beklagte, ein Rennen in Russland würde der Kreml für seine Propaganda nutzen. "Oft wird gesagt, die Formel 1 soll Politik und Sport nicht vermischen. Aber die russische Regierung tut dies bereits ganz offensichtlich, also müssen wir antworten" und das Rennen müsse abgesagt werden, forderte er.

Bereits die Sowjetunion blitzte ab

Vatanens Wort hat im Rennsport Gewicht, immerhin gilt der 62-jährige Ex-Rallyeweltmeister als Vertrauter von FIA-Präsident Jean Todt, für dessen Team er einst fuhr. Vatanens Angaben nach ist auch Todt skeptisch. Doch in der Formel 1 hat nur einer etwas zu sagen, und das ist Bernie Ecclestone. Und der blieb trotz der Kritik ungerührt. Es gebe Verträge, "also fahren wir da auch hin", sagte der Direktor des weltgrößten Motorsport-Zirkus. Dass er dabei keine Berührungsangst vor autoritär geführten Staaten hat, demonstrierte Ecclestone bereits zuvor in Bahrain, Singapur oder China.

Und so kann sich Russland tatsächlich auf den Einstieg in die Formel 1 freuen. Rennsportfans gibt es im Land schon lang. In der Königsdisziplin des Motorsports ist das Land noch nicht wirklich angekommen: Das Team Marussia fährt seit 2011 hinterher, bei Toro Rosso verdient sich aktuell Jungspund Daniil Kwjat die ersten Sporen. Mit mäßigem Erfolg.

Bereits vor 30 Jahren versuchte die damals noch bestehende Sowjetunion eine Strecke im Formel-1-Kalender unterzubringen, musste aber Ungarn den Vortritt lassen - auch weil es keine passende Piste gab. War das Thema in den unruhigen 90er-Jahren erst einmal passé, so wurde unter Wladimir Putin erneut mit den Planungen für eine Trasse begonnen.

Russland ist Debütant. Die meisten Formel-1-Rennen wurden bisher in den traditionellen Veranstaltungsländern Italien, Deutschland und Großbritannien ausgetragen.

Zunächst rangen Moskau und St. Petersburg um das Austragungsrecht. In Putins Heimatstadt fehlten aber trotz Segens des Kremlchefs am Ende die Investoren. Vor Moskau hingegen wurde nach diversen Showrennen um den Kreml im Herbst 2008 sogar mit dem Bau einer Formel-1-Strecke begonnen. Zur Grundsteinlegung reiste neben dem deutschen Architekten Herrmann Tilke und dem österreichischen Generalmanager des "Moscow Raceway" Hans Geist (einst Manager der Spielberg-Strecke) auch Formel-1-Star David Coulthard an. Doch die internationale Finanzkrise war schneller als die Pistenbauer. Das Projekt wurde für zwei Jahre auf Eis gelegt - und vom "Sochi Autodrom" überholt.

Für Tilke kein Problem: Er durfte auch den Schwarzmeer-Kurs konzipieren. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: die knapp 5,9 Kilometer lange Strecke mit den insgesamt 18 Kurven führt quer durch den Olympiapark. Mit 320 Kilometern pro Stunde rasen die Fahrer auf die ehemalige Medal Plaza zu, die sie dann in einer Endloskurve umrunden müssen. Am Großen Eispalast fahren sie ein kurzes Stück das Schwarze Meer entlang, ehe sie nach der Wende auf die schneebedeckten Berge des Kaukasus zuhalten.

grafik: standard
Rund um die Medal Plaza müssen die Piloten eine langgezogene Kurve bewältigen.

"Einmalig" nennt Formel-1-Promotor Sergej Worobjow das Streckenprofil pflichtgemäß im STANDARD-Gespräch. "Eine zweite Strecke, die so eine Lage mit Hochgeschwindigkeitsabschnitten und Strecken für Überholmanöver verbindet, gibt es nicht", erklärte er und verwies auf ausdrückliches Lob von Weltmeister Sebastian Vettel. Wie viel die Piste gekostet hat, will er aber nicht verraten, möglicherweise auch weil der Bau Medienberichten zufolge mit 260 Millionen Euro russlandtypisch fast doppelt so teuer ausgefallen ist wie ursprünglich geplant.

Im Vergleich zu den kolportierten 40 Milliarden Euro, die Russlands Führung für die Vorbereitung der Winterspiele ausgegeben hat, ist das aber ohnehin ein Schnäppchen. Für immerhin sieben Jahre gilt der Vertrag mit Ecclestone. Die Formel-1-Etappe sei das wichtigste, aber nicht das einzige Rennen, das auf dem Track geplant sei, sagt Worobjow. Sotschi hat sich gleich für die Austragung einer Reihe internationaler Wettbewerbe beworben. Daneben soll der Kurs auch als Trainingszentrum für russische Rennfahrer und als Rallyeschule dienen. Ziel sei eine ganzjährige Nutzung der Strecke, sagt Worobjow. Motorsport als Ganzjahres-Entertainment - ein international bewährtes Konzept, das nun auch in Russland angekommen ist.

"Die Karten verkaufen sich sehr schnell"

Ziel: Schwarze Zahlen ab 2015

Das Geld für den Bau ist damit auf die Schnelle nicht wieder reinzuholen, das ist auch nicht Aufgabe der Betreiber. Sie müssten nur gewährleisten, dass die Rennstrecke im operativen Geschäft bereits ab 2015 schwarze Zahlen schreibt, erklärt Worobjow.

foto: reuters/novosti
Auch Putin wird das Rennwochenende in Sotschi nicht auslassen. Fahren werden allerdings andere.

Ein volles Haus bei der Formel-1-Premiere ist dabei garantiert. 55.000 Zuschauer fasst die Anlage. Bereits Anfang September waren die meisten Tickets weg, inzwischen gibt es nur noch Restbestände: "Die Karten verkaufen sich sehr schnell, wir haben keinen Zweifel, dass die ausverkauft sein werden", sagt Worobjow. Mit Preisen ab 100 Euro für das Rennwochenende können sich auch einfache Fans zumindest Stehplätze in den Kurven leisten. Wer einen Logenplatz auf der Haupttribüne ergattern will, muss stolze 3240 Euro hinlegen.

Auch Putin wird am Formel-1-Wochenende in Sotschi erwartet. Vor ein paar Jahren zwängte sich der Präsident schon einmal in das Cockpit eines Formel-Boliden. Ob er den Auftritt wiederholt, ist noch offen. Gut möglich, dass der Kremlchef , der starke Bilder liebt, der Versuchung nicht widerstehen kann. (André Ballin, DER STANDARD, 7.10.2014)