Wenn das Auto zur Datenkrake wird

6. Oktober 2014, 14:32
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Hersteller arbeiten auf Hochtouren am vernetzten Auto. Ob der Besitzer nur Datenmelkkuh ist oder bei der Verwertung mitreden kann, ist offen

Wien – Moderne Autos können viel. Vor allem jene der Oberklasse. Fahrzeuge, die plötzlich auftauchenden Hindernissen automatisch ausweichen, die einen darauf aufmerksam machen, dass man seinen Mitmenschen zu dicht auf die Fersen rückt, Fahrzeuge, die ohne Zutun des Fahrers einparken. Was elektronische Helferlein heute bieten, ist erst der Anfang, schließlich ist die Autoindustrie eine innovative Branche. Car-to-Car-Kommunikation meint etwa untereinander kommunizierende und sich gegenseitig vor Unfällen oder Staus warnende Autos.

Kommunizierende Autos

Für die Vordenker der Branche ist das aber schon wieder Schnee von gestern. Heute tüfteln die Experten an der Car-to-X-Kommunikation, also an Autos, die sich nicht mehr nur miteinander unterhalten, sondern auch mit der Straßen-Infrastruktur oder mit der Werkstatt korrespondieren.

Daneben rückt auch das selbstfahrende Auto in greifbare Nähe. Googles erster Prototyp eines Zweisitzers ohne Lenkrad und ohne Gas- oder Bremspedal wird derzeit in den USA erprobt. Im Normalbetrieb wäre diese Art von Fortbewegung zumindest auf der Autobahn bis zum Jahr 2020 vorstellbar, glaubt Ferdinand Dudenhöffer, Chef des Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen.

Sammeln und verwerten

Damit die fahrbaren Untersätze ihren Lenkern immer mehr Aufgaben abnehmen können, müssen sie jede Menge Daten sammeln und umrechnen. Ein modernes Auto hat heute rund 100 Datenerfassungsgeräte und viele hundert Sensoren, die Daten aufnehmen. Viele dieser Informationen werden – zumindest kurzfristig – in internen Speichern abgelegt. Die Stellung des Gaspedals wird ebenso erfasst wie Zeitpunkt und Intensität eines Bremsvorgangs. Position und Geschwindigkeit sind dank GPS ohnehin immer bekannt.

Erhöhte Sicherheit

Für die Datenerfassung gibt es neben dem gestiegenen Komfort auch gute Gründe: Dass Autos in den vergangenen Jahrzehnten immer sicherer geworden sind, liegt vor allem an Systemen wie ABS, Airbags und Gurtstraffern.

All diese technischen Helfer müssen mit Informationen, also Daten gefüttert werden, um richtig zu funktionieren. Ein Regensensor an den Wischblättern erkennt etwa, ob es regnet, und schaltet automatisch den Scheibenwischer ein. Ein Airbag kann nur richtig zünden, wenn die Geschwindigkeit des Fahrzeugs bekannt ist. Außerdem braucht es einen Gewichtssensor sowie Sensoren an den Gurten, um ausrechnen zu können, wann es eine Person aus dem Sitz hebt, damit der Airbag sekundengenau zum Einsatz kommt.

Digitale Fahrzeugdaten als Beweismittel

Für Unfallermittler könnten die digitalen Fahrzeugdaten ein echtes Glück sein. Bei einem Crash an einer Kreuzung müsste zum Beispiel die Geschwindigkeit der Fahrzeuge nicht mehr anhand der Beulen grob geschätzt werden. Ein Blick in den Fahrzeugspeicher liefert eindeutige Daten: Wie schnell war das Fahrzeug beim Zusammenprall? In welcher Sekunde hat der Fahrer gebremst?

Doch die Datensammlerei moderner Autos könnte auch rechtliche Probleme mit sich bringen. Verursacht ein Autofahrer beispielsweise einen schweren Unfall und wird danach angeklagt, könnten die Daten seines Fahrzeugs gegen ihn verwendet werden. Im Endeffekt hätte dann der Unfallverursacher selbst keinen Zugriff auf seine Daten und könnte sie damit auch nicht zu seiner Verteidigung nutzen. In Österreich wisse er von keinem derartigen Fall, sagt ARBÖ-Experte Kurt Sabatnig. In den Nachbarländern würden aber derartige Geschichten kursieren. Derzeit werde auf nationaler Ebene - unter anderem mit dem Konsumentenschutzminister - heftig verhandelt, solche Fälle zu verhindern.

Dass das Thema Datenschutz auch rund ums Auto virulent ist, liegt aber auch aus anderen Gründen auf der Hand. Neuwagen sollen nach dem Willen der EU-Staaten künftig mit dem automatischen Notrufsystem eCall ausgerüstet werden. Anvisiert ist dafür das Jahr 2017. Damit werden Autos selbst ans Internet angeschlossen sein – einerseits mit einer eigenen IP-Adresse, also einer eindeutigen Identität im Web und mit einem GPS-Modul, das seine Position erfasst. Fahrzeuggestellnummer, Kraftstoffart, Ort und Zeit, Fahrtrichtung des Autos und Anzahl der Insassen sind jene Daten, die dann erfasst werden, sagt ÖAMTC-Experte Stefan Saumweber.

Rettende Aufzeichnungen

Die Vorteile: Bei einem Unfall wird der Rettungsdienst rasch alarmiert, die anrückende Feuerwehr weiß über die spezifischen Gegebenheiten des Unfallahrzeugs bereits Bescheid, und weil das System es auch erlaubt, dass Fahrzeuge untereinander kommunizieren, gibt es für andere Autofahrer gleich die Warnung, wo ein Fahrstreifen blockiert ist.

Welche Daten weitergegeben werden, ist in diesem Fall gesetzlich geregelt. Ganz anders sieht es aber bei vergleichbaren privaten Systemen aus, sagt Saumweber. Denn einige Autohersteller wie General Motors, Ford oder Mercedes Benz bieten heute schon eigene automatische Notrufsysteme an. "Was da aufgezeichnet wird, ist nicht gesetzlich geregelt", sagt ÖAMTC-Mann Saumweber.

Neue Geschäftsfelder

Beim ÖAMTC ist man aber auch ob der potenziellen neuen Geschäftsfelder, die sich für die Autohersteller auftun, alarmiert. Denn um die teure Technik zu finanzieren, sei davon auszugehen, dass die Hersteller an Dienstleistungen arbeiten, die die Vernetzung aller ermittelten Daten und ihren Weg ins Web voraussetzen. Den Kunden sollen die Verwertung der Daten jedenfalls noch mehr Nutzen bringen. Dienste wie Echtzeit-Staumeldungen, lokale Tipps für günstiges Tanken und Parken oder überhaupt freie Parkplätze in Parkgaragen oder Online-Musikkanäle verwandeln die Autos zunehmend zu einer Art App auf Rädern.

Unternehmensberater McKinsey sieht hier ein riesiges Marktpotenzial. Demnach erzeugt das Zusammenwachsen von Auto und Internet in den nächsten Jahren einen boomenden Markt. Das Volumen für Bauteile und Dienstleistungen rund um vernetzte Autos könnte sich von heute 30 Milliarden Euro jährlich auf 170 Milliarden Euro bis zum Jahr 2020 fast versechsfachen, lautet die Prognose. Auch individuelle Daten der Fahrzeugbenutzung, an denen Wartungen oder Versicherungstarife hängen, halten sie für eine fruchtbare Spielwiese für neue Geschäftsfelder.

Wem die Daten gehören

Bei Kritikern hingegen schrillen die Alarmglocken. Beim ARBÖ ist man unter anderem auch darüber erbost, dass der Autobesitzer über die Datensammlerei nicht Bescheid wisse. Hier ortet der Autofahrerclub eines der größten Gefahrenpotenziale des "Connected Car".

Laut Datenschutzgesetz seien nur sogenannte "personenbezogene" Daten (Beispiele dafür wären Augenfarbe, Geburtsort, Anm.) geschützt und gehören uns selbst. Die Autohersteller vertreten laut ARBÖ die Meinung, die vom Fahrzeug generierten Daten gehören ausschließlich dem Autohersteller. "Wollen wir wirklich, dass Autohersteller, Behörden, Versicherungen, Datensammler wie Google oder Apple uneingeschränkt über unsere Fahrgewohnheiten, Mobilitäts- und Informationsmuster alles wissen dürfen, ohne dass wir es wissen?", fragt man sich dort.

Bei den Autofahrerclubs ist man sich einig: Mit Google, Facebook und Co gäbe es jetzt schon mehr als genug Konzerne, die sich gerne die Daten ihrer Kunden mehr oder weniger gierig einverleiben. Autokäufer sollten indes selbst darüber entscheiden können, wem sie welche Daten ihres Fahrzeuges beim Vertragsabschluss überlassen.

Handlungsbedarf bei Datenschutz

Eine klare Regelung, die der Gesetzgeber dringend im Interesse des Konsumenten festschreiben sollte, stehe noch aus. Denn wenn es auf EU-Ebene nicht anderes beschlossen wird, fließen die Daten, die ein Auto ständig produziert, an die Autobauer. Dieser kann entscheiden, wem und zu welchen Bedingungen er die Daten zur Verwertung weitergibt. Auch Autoexperte Dudenhöffer ortet hier noch Handlungsbedarf: "Der Konsument will sicher nicht die Melkkuh sein, dafür wird man über neue Regeln nachdenken müssen." (rebu, derStandard.at, 6.10.2014)

Aus der Serie "Big Data"

  • Autofahrer unterwegs - na ja, fast. Auch wenn die Antennen an den Helmen anderes suggerieren: Datensammelnde Sensoren sind in diesen Seifenkisten nicht eingebaut.
    foto: apa/schlager

    Autofahrer unterwegs - na ja, fast. Auch wenn die Antennen an den Helmen anderes suggerieren: Datensammelnde Sensoren sind in diesen Seifenkisten nicht eingebaut.

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