Online-Projekt dokumentiert Spuren im ehemaligen KZ Theresienstadt

6. Oktober 2014, 13:40
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Deutsch-tschechisches Team macht Hinweise und Hinterlassenschaften von Internierten der Öffentlichkeit zugänglich, um sie vor dem Vergessen zu bewahren

Wien - Zwei Händchen haltende Marienkäfer, auf Augenhöhe eines Kindes an die Wand gemalt; die Unterschrift B. Nettl in eine Mauer geritzt, Matratzen als provisorische Zwischenwände an den Dachstuhl genagelt: Das Online-Projekt "Ghettospuren" will die Spuren des Konzentrationslagers Theresienstadt in der tschechischen Stadt Terezin vor dem Verschwinden bewahren.

Seit 2012 fotografieren die Projektleiterin und Stadtplanerin Uta Fischer und ein deutsch-tschechisches Team Spuren im ehemaligen NS-Sammel- und Durchgangslager. Von 1941 bis 1945 waren hier mehr als 140.000 Menschen interniert, darunter auch rund 16.000 Österreicher. Mehr als 33.000 Gefangene starben an Hunger und Krankheiten, für weitere 84.000 bedeutete die Deportation nach Auschwitz und andere Vernichtungslager den Tod.

Ziel des u.a. von der deutschen Kulturstiftung des Bundes finanzierten Projekts ist es, diese Spuren fotografisch festzuhalten, bevor sie durch Verfall, Renovierung oder Vandalismus für immer verschwinden. Zudem wolle man Terezins Positionierung als Gedenkort und dauerhafte Dokumentationsstätte des Holocaust unterstützen und die deutsch-tschechische Zusammenarbeit intensivieren, so die Initiatoren.

Präsentation im Mai 2015

Auf der Online-Plattform ghettospuren.de sind nun die ersten Ergebnisse zu sehen, im Mai 2015 sollen sie dann öffentlich präsentiert werden. Zu jeder Spur ist auch der Kontext nachzulesen: Die Inschrift "B. Nettl 1943/44 G.W. 19" hinterließ etwa Benedikt Nettl, der am 5. Juli 1943 mit dem Transport "De" von Prag nach Theresienstadt kam.

Im August 1944 wurde er von der Gestapo verhaftet und im Oktober schließlich in die Kleine Festung - das berüchtigte Gestapogefängnis gegenüber des Ghettos - überstellt. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Die Abkürzung G.W. steht für "Ghettowache" - Teil der mit beschränkter Autonomie verbundenen "jüdischen Selbstverwaltung" Theresienstadts.

Neben persönlichen Inschriften finden sich aber auch Hinweise auf das tägliche Leben im Lager: In roten Lettern prangt etwa "Freies Ausspucken verboten!" auf einer Wand, lange Nägel dienten als Kleiderhaken oder Handtuchhalter. Ein niederländischer Häftling hinterließ folgende Verse an einer Wand einer kleinen Kammer: "O Wanze, o Wanze, o Wanze, o unheimliches Biest, was tanzt du die ganze Nacht auf mir herum. Ich liege und wälze mich vor lauter Juckreiz. Ich fühle dich die ganze Zeit jucken, von meinem Kopf bis zu den Zehen." Ungeziefer war aufgrund der katastrophalen hygienischen Zustände ein großes Problem für die Häftlinge.

Viele Internierte verbrachten hier Jahre. Davon zeugt auch eine erst in den 1990er-Jahren entdeckte provisorische Synagoge, deren Wände über und über mit Malereien verziert wurde. (APA/red, derStandard.at, 6.10.2014)

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