Krisenplan zur Rettung von Disneyland Paris

6. Oktober 2014, 17:37
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Disneyland in der Nähe von Paris muss vom amerikanischen Mutterhaus mit einer Milliardengeldspritze gerettet werden

Das Reich der Magie landet auf dem harten Boden der Realität. Eurodisney, wie sich der größte europäische Freizeitpark in Marne-la-Vallée bei Paris nennt, muss den Mutterkonzern zu Hilfe rufen, um über die Runden zu kommen. In einem Communiqué wurde am Montag bekanntgegeben, dass die Walt Disney Company in Kalifornien insgesamt mehr als eine Milliarde Euro in das Pariser Unternehmen steckt, das jährlich 15 Millionen Besucher anlockt.

Über eine Kapitalerhöhung erhält der Vergnügungspark 420 Millionen Euro vom Mutterhaus. Ferner wird die Unternehmensschuld um 600 Millionen Euro abgebaut. Das soll dem notleidenden Unternehmen etwas Luft verschaffen; denn es ächzt seit seiner Eröffnung im Jahr 1992 unter einer Kreditschuld von derzeit 1,7 Milliarden Euro.

Der Disney-Konzern hatte sich bisher nur mit 38 Prozent an dem Doppelpark - bestehend einerseits aus klassischen Attraktionen und andererseits aus einer Nachbildung von Walt-Disney-Studios - beteiligt; nach der Kapitalerhöhung dürfte er aber die Mehrheit halten. Zweitgrößter Aktionär ist der saudische Prinz Alwalid bin Talal mit einer Beteiligung von aktuell zehn Prozent. Ob er bei der Kapitalerhöhung mitzieht, ist nach Auskunft von Euro Disneys Finanzchef Mark Stead noch nicht ausgemacht. Eurodisney würde nach den Maßnahmen jedenfalls nicht mehr an der Pariser Börse notiert.

Wertverlust

Dort verlor das Unternehmen am Montag zeitweise bis zu 17 Prozent an Wert. Wegen der Zinsleistungen an das Mutterhaus und andere Kreditgeber hatte sich Eurodisney nie von seiner horrenden Schuldenlast befreien können. Dafür sparte es zunehmend bei seinen Dienstleistungen. 2013 kritisierte eine Publikumspetition mit Tausenden von Unterschriften die lieblose Aufmachung, defekte Anlagen und das aufgewärmte Essen. Im gleichen Jahr sank die Besucherzahl um eine Million.

Eurodisney versuchte, den Abwärtstrend mit spektakulären Attraktionen aufzufangen, zuletzt einem Familienspaß namens Ratatouille. Der kostete 200 Millionen Euro, bringt aber kurzfristig wenig neue Besucher. Im vergangen Jahresabschluss setzte es wegen sinkenden Absatzes und der hohen Zinslast einen Reinverlust von 103,6 Mio. Euro ab.

Riesiger Wirtschaftsfaktor

Die Entwicklung um das Pariser Disneyland wird auch von der französischen Regierung mit Sorge verfolgt. Heute hängt eine ganze Wirtschaftsregion von der riesigen Parkanlage ab. Rund um die beiden Freizeitparks sind zahllose Hotels mit fast 6000 Zimmern, dazu 55 Restaurants, Läden und Vergnügungsmöglichkeiten mit insgesamt 55 000 Arbeitsplätzen entstanden.

Der im September neu berufene Chef von Eurodisney, der Deutsche Tom Wolber, räumte am Montag ein, dass die Situation kritisch sei: "Die Verschlechterung des wirtschaftlichen Umfelds und das Gewicht der Unternehmensschuld haben die Einnahmen und die Liquidität stark beeinträchtigt."

Dass das US-Mutterhaus dem bisher mehrheitlich unabhängigen Freizeitpark unter die Arme greifen muss, bewirkt unter Pariser Börsenexperten sarkastische Kommentare: Weil er anfänglich zu hohe Zinsen verlangt habe, müsse Onkel Dagobert jetzt selbst die Brieftasche öffnen. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 7.10.2014)

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