Seid umschlungen, Millionen

6. Oktober 2014, 07:24
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Uraufführung von Anja Hillings "Sinfonie des sonnigen Tages" am Schauspielhaus

Wien - Die Stücke von Anja Hilling sind düstere Gebilde, gebaut aus verschatteten Schauplätzen, an denen gefährdete Figuren nach Orientierung suchen. Das Schöne: Es gibt immer Hoffnung, auch wenn sie kaum erkennbar ist. Die deutsche Dramatikerin zählt seit Jahren zu den wichtigsten Stimmen des deutschsprachigen Theatergeschehens und ist dem Schauspielhaus in der Ära Andreas Beck erfreulicherweise künstlerisch verbunden. Nach Schwarzes Tier Traurigkeit, nach Der seidene Schuh und dem Stück Der Garten folgte nun als Neuheit Sinfonie des sonnigen Tages.

Dieses Drama geht, wie der Titel nahelegt, von einem Musikstück aus, von Beethovens Neunter Symphonie, jener, von der das Hauptthema des vierten Satzes mit Friedrich Schillers Gedicht An die Freude einst zur Europa-Hymne erkoren wurde. Sinfonie des sonnigen Tages, ein dramatischer Abgesang auf diese "Freude", schreitet in vier Sätzen einen Ausschnitt dieses "Europas" ab.

An einem Mittelmeerstrand - eine geschwungene Blechwand deutet ihn an (Bühne: Viva Schudt) - bewegen sich zwei Welten aufeinander zu. Einerseits liegt dort das Urlauberpaar Ricarda und Ralf (Franziska Hackl und Thiemo Strutzenberger), das sich abgeklärt und in dekadenten Dialogen um die Reste seiner Beziehung bemüht. Andererseits steuert eine Frau namens Lou (Charlotte Müller) aus einem Drittstaat auf das rettende europäische Ufer zu. Der Text hält in schönen Sprechbewegungen die zwei Welten voneinander getrennt, was die Uraufführungsinszenierung Felicitas Bruckers aber nicht wirklich einzulösen vermag. Die Darstellungen wirken spröde, die Figur der Lou allzu bemüht künstlich. Erschwerend kommt ein Lautstärkeproblem hinzu.

Sinfonie des sonnigen Tages ist von der Musik der deutschen Elektronikmusiker Mouse on Mars unterlegt. Der Sound drückt, strahlt Härte und Gewalt aus, was durchaus passt, aber er übertönt und erstickt vielfach das restliche Bühnengeschehen. Hilling verpackte die gesättigte Befindlichkeit des westeuropäischen Ehepaares in verkürzte, zynische Sätze, den lebensbedrohlichen Zustand des Flüchtlings Lou in komplexe, poetische "Zwiegespräche". Zu dieser sprachlichen Höhe dringt die Inszenierung am Schauspielhaus nicht vor. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 6.10.2014)

  • "Schreitet" Europa ab: "Sinfonie des sonnigen Tages".
    foto: alexi pelekanos / schauspielhaus

    "Schreitet" Europa ab: "Sinfonie des sonnigen Tages".

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