Interkontinentale Schnitzeljagd: STANDARD-Redakteurin sucht eine Slam-Legende

Blog7. Oktober 2014, 11:11
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Julia Herrnböck wurde von ihrem US-Kollegen Seth Berkman die Aufgabe #4 gestellt. Das Motto: Slam is not dead - oder: Die 90er-Jahre kommen

Aufgabe #4: "I am sending you Downtown, to experience a bit of the sampling of entertainment New York has to offer outside of Broadway shows, clubs and concerts."

Sobald es dunkel wird, zeigt sich in den Straßen New Yorks ein seltsames Phänomen. Dann füllen nicht mehr hektisch hetzende Menschen die Gehsteige, sondern Müllsäcke. Auf jeder Seite der Straße stapeln sich vor den älteren Häusern die Überreste des Tages, die irgendwann in der Nacht von der Müllabfuhr eingesammelt werden. Mal miefen sie, mal rascheln sie. "Und dann wundern wir uns über die Ratten", murmelt eine ältere Frau im Pelzmantel, die ihren Hund noch schnell um den Block führt.

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Der Weg Richtung East Village birgt noch ein weiteres Highlight. Zwei Securityleute stehen grimmig und breitbeinig vor einem großen Backsteinhaus, meterweit verhindern Leitkegel auf dem Asphalt, dass sich Autos ungewollt nähern können. Ist wahrscheinlich nicht ratsam: Hinter den Mauern treffen sich nicht etwa die Schönen und Reichen im trendigsten Club der Stadt, sondern die Mitglieder der berüchtigten Hells-Angels-Motorradgang. Die Passanten huschen mit angehaltenem Atem und gesenktem Blick vorbei, und auch die Gruppe Halbstarker tritt die Joints aus. Sicher ist sicher.

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I’d like you to start out at the Nuyorican Poets Cafe

An der nächsten Ecke reihen sich wieder dutzende Bars und Technoclubs an Szene-Restaurants. Ein paar Blocks weiter erscheint das Nuyorican Poets Cafe und mit ihm eine lange Warteschlange vor dem Eingang. Es ist Freitagnacht, die berühmte Poetry-Slam-Nacht. Hier in dieser Ecke Manhattans hat die Bewegung der live auftretenden Poeten und Rapper ihren Ausgang genommen.

Was in Deutschland 2014 im Hype um Julia Engelmanns "One Day" gipfelte, ist hier seit Jahrzehnten beständige Subkultur. "Nostalgie" nennt es mein New Yorker Begleiter, das letzte Mal sei er in der Highschool auf einem Slam gewesen. (O-Ton: "This is so retro").

Der Bann des Nuyorican Cafe - einer Wortkreation aus "Puerto Rican" und "New York", die namensgebend für eine ganze künstlerische Bewegung wurde - scheint ungebrochen. Wer reinkommt, schätzt sich glücklich und sitzt zur Not auf dem Boden des ehemaligen Irish Pubs. Schwere R&B-Klänge dröhnen, es wird fast ausnahmslos Musik aus den 1990er-Jahren und der Jahrtausendwende gespielt.

Das Publikum ist zwischen 20 und 40 Jahren alt, von jeder Herkunft und Hautfarbe. Das Nuyorican war ein zentraler Ausgangspunkt in den späten 70er-Jahren für einen selbstbewussten Aufbruch der Hispanics, die den Alltagsrassismus auf die Bühne brachten.

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Die Stimmung ist ausgelassen, fast alle singen und murmeln die Lieder ihrer verblassten Jugend mit, von "This is how we do it" zu "California Love". Ein angeschickertes Pärchen giggelt aufgeregt, sie würden sich so freuen, das werde bestimmt lustig. Die Lichter gehen aus, und die Moderatorin Mahogany Browne, selbst eine nationale Slam-Legende, gibt Vollgas. Ob wir auch alle unsere Michael Jordans aufbewahrt hätten und die Parkas, die man nur mit einem Knopf zumacht? Jene, die alt genug sind für den Witz, kreischen freudig und tanzen im Dunklen zu Bell Biv DeVoes "Poison", einem Klassiker von mittlerweile einem Vierteljahrhundert.

Und dann geht’s los. Anders als bei den Slams in Deutschland und Österreich geht es weniger um individuelle Lebensbeichten als um weiter gefasste Themen. Um Homophobie, Armut in den Außenbezirken, HIV, zerbrochene Familien und ganz vorne: um Ferguson, wo ein Polizist den unbewaffneten Schwarzen Michael Brown erschossen hat. Es geht vor allem um Rassismus. Um Black & White und wie sehr diese Grenze sich durch die US-amerikanische Gesellschaft zieht und sie zerteilt wie ein Skalpell.

Here, I think you can experience some emotions of the city you seldom experience

"Ferguson is all over the place", schreit ein junger Schwarzer auf der Bühne, begleitet von Nicken und zustimmendem Fingerschnipsen der farbigen Gäste. "I could be Michael Brown", ruft er. "We all could be Michael Brown and you know it." Die ausgelassene Stimmung von eben, die Air Jordans und Prinzen von Bel Air, sie sind verpufft.

Also doch keine reine Hipster-Bespaßung am Freitagabend, zumindest nicht im Nuyorican Cafe. "We must listen to one another. We must respect one another's habits and we must share the truth and the integrity that the voice of the poet so generously provides", schrieb Miguel Algarin, Aktivist und Literaturprofessor, bei der Gründung des Cafés.

Auch in den nächsten beiden Slams geht es um Rassismus in den USA, um Gewalt an Frauen, um das Leben der schwarzen Bevölkerung. Das beschwipste (weiße) Pärchen neben mir lacht nicht mehr. Nach der Pause sind die beiden verschwunden. Dann klärt sich der Nostalgie-Himmel, und ein lustiger Typ gewinnt mit einem Vortrag über eine überdimensionierte Heuschrecke namens Vladimir. (Julia Herrnböck, derStandard.at, 7.10.2014)

http://www.nuyorican.org/


Lesen Sie am Donnerstag: Die zweite Challenge für Seth Berkman in Wien. "Die fgrantige Wiener Seele"


Über den Blog "Acht Millionen": In Österreich leben rund acht Millionen Menschen. So viele wie in der US-Metropole New York City. "Acht Millionen" - das ist der Ausgangspunkt für diesen Blog auf derStandard.at/Panorama. Die Autoren? Julia Herrnböck aus Wien und Seth Berkman aus New York. Beide nehmen derzeit am US-Austrian Journalism Exchange Fellowship teil. Während Herrnböck in New York ein Fellowship bei Pro Publica absolviert, ist Berkman zu Gast in der Redaktion von DER STANDARD. Im Blog "Acht Millionen" stellen sie einander Aufgaben, die es in der jeweiligen Gastdestination zu lösen gilt.

  • In der Nacht stapeln sich auf den Gehsteigen Müllsäcke.
    foto: herrnboeck

    In der Nacht stapeln sich auf den Gehsteigen Müllsäcke.

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