Rückkehr in die Welt des Festformats 

5. Oktober 2014, 20:20
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Der Steirische Herbst spielt auch abseits von Graz: etwa ein "Computerspiel ", das die Gruppe Machina Ex ins ganz reale Wildon baute

Wildon - Eine Straße, links und rechts gesäumt von bunten Häusern, die bessere Tage gesehen haben, viele von ihnen stehen leer. Irgendwo hier ist ein Mann eingesperrt und fleht einen per SMS um Hilfe an. Es ist ein milder Herbstnachmittag in der südsteirischen Gemeinde Wildon, man könnte in eine Buschenschank einkehren und sich einen Sturm genehmigen, doch man macht sich lieber auf den Weg, um Zeichen zu finden und Rätsel zu lösen und dem verzweifelten Mann zu helfen.

Ein Computerspiel, bei dem man kilometerweit geht und dabei muffige Luft modriger verlassener Badezimmer ebenso aufsaugt wie den frischen Atem des Waldes: Das gibt es. Machina Ex, ein Kollektiv aus jungen deutschen Theatermachern und Medienkünstlern, baut Computerspiele, bei denen man durch virtuelle Räume geht und nach der Trial-and-Error-Methode Rätsel löst, um in höhere Levels zu gelangen, in die festformatige Welt.

Bis in kleinste Detail

In der Produktion "machina exkursion: Kingdom" sind die "Levels", auf die man gelangt, etwa eine alte verlassene Uhrmacherwerkstatt, ein Wohnzimmer aus den 1970er-Jahren, ein Wald oder ein unheimliches altes Gehöft. Dabei bekommen die zu Spielern mutierten Theaterbesucher durch Toneinspielungen, die per se ein kleines Hörspiel sind, und einer bis ins kleinste Detail liebevoll bestückten Ausstattung Hinweise. Es lohnt sich, in jede Schublade zu sehen, in jedem alten Fotoalbum zu blättern und jedes Telefon abzuheben, das da klingeln mag.

Wer das Ganze als Wettbewerb sieht und nur atemlos durchhastet, versäumt viele Zweige der erzählten Geschichte rund um ein geheimnisvoll verschwundenes Kind und würdigt die Dramaturgie dieses (Theater-)Spiels ungenügend. Man hat zwei Stunden und sollte sich die auch gönnen.

Thematisch fügt sich die Arbeit von Machina Ex perfekt ins heurige Leitmotiv vom Steirischen Herbst, "I prefer not to ... share". Es geht zum einen um den Rückzug aus sozialen Medien, also auch den Teilrückzug aus dem Internet, zum anderen auch um das Teilen im ursprünglichen Sinn. Denn um ans Ziel zu kommen, müssen die Spieler der jeweils fünfköpfigen Gruppen zusammenhalten und Wissen teilen.

Feiner Minimalist im Schloss

Das "schwarze Schloss", das unterwegs auch eine Rolle spielt, ist nicht das Schloss Wildon - so viel sei verraten. In Letzterem, das ebenfalls an der Hauptstraße mit den bunten Häusern liegt, zeigte der Belgier Benjamin Verdonck seine äußerst feine Performance "notallwhowanderarelost". In seinem selbst gebauten kleinen, hölzernen Bühnenraum, mit Schiebeelementen und Schnüren, zeigt er minimalistische Geschichten - festformatig, ruhig, mit subtilen Humor und wenigen Sätzen, deren Worte von oben auf Papier in die Kulisse gelassen werden. Zwischen den Szenen läutet er eine kleine Glocke - 45 kontemplative und vergnügliche Minuten. Willkommen im guten, alten Festformat. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 6.10.2014)

machina exkursion: Kingdom, nächster Termin 9. 10., ab 15.00 alle 30 Minuten.

  • Wer Rätsel löst, kommt von einem Level zum nächsten. Die Fenster, die  sich bei "Computerspielen" von Machina Ex öffnen, sind nicht virtuell -  und umso spannender. Eine Scheinwelt im echten Leben.
    foto: steirischer herbst

    Wer Rätsel löst, kommt von einem Level zum nächsten. Die Fenster, die sich bei "Computerspielen" von Machina Ex öffnen, sind nicht virtuell - und umso spannender. Eine Scheinwelt im echten Leben.

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