Krieg gegen IS: "Bush light" ist nicht der Weg

Kolumne5. Oktober 2014, 18:10
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Bombenangriffe auf identifizierbare Stellungen sind richtig

"USA - wieder da" titelt "Die Zeit" einen Artikel von Josef Joffe. Warum sind sie wieder da? Weil Obama die Wüstenarmee des "Islamischen Staats" (IS) bombardieren lässt. So als hätte der amerikanische Präsident nicht schon früher auf Luftschläge in Serie (z. B. gegen Gaddafi) gesetzt.

Wie bei etlichen anderen Kommentatoren steht hinter Joffes Obama-Lob ein ganz bestimmtes Welt- und Kriegsbild. "Stark" ist nur, wer Kriege mit Bomben und Bodentruppen führt. "Schwach" ist, wer bloß mit Sanktionen auf Aggressionen antwortet.

Deshalb wird schlicht und einfach behauptet, Obama habe durch seine internationale Politik im Nahen Osten ein "Vakuum" geschaffen - zum Beispiel auch durch seine Verfügung eines US-Teilabzugs aus dem Irak. Schließlich hätten dort die Amerikaner gesiegt. Um welchen Preis, sagt er nicht. So, als sei die Welt stehengeblieben, illustriert er das Argument des "Vakuums" mit einem Beispiel aus 1945. Damals "ermunterte die Radikal-Demobilisierung Stalin zum Griff auf den Balkan". So ganz nebenbei schwingt auch da wieder mit - Putin sei ein kleiner Stalin.

Obama wird vorgeworfen, sein "Zaudern in Syrien hat den Terrorbrigaden und Assad ... die Initiative überlassen." Das Gegenteil ist Fakt. Hätten die USA, wie von Kommentatoren vom Schlag Joffes oft gefordert, die syrischen Rebellengruppen bewaffnet, würde die IS über schweres Gerät aus den USA verfügen. Die "Gotteskrieger" säßen heute, 2011 hochgerüstet, vermutlich schon an den Hebeln in Damaskus. Und - wer weiß - auch in Bagdad. "Nato-Versteher" Joffe (Copyright: ZDF-Sendung "Anstalt") kapiert die radikal veränderte Lage nicht. Hundert Jahre nach 1914 funktionieren Kriege nicht mehr nach dem Muster Conrad von Hötzendorfs oder nach den Vorstellungen des Wüstengenerals Rommel.

Joffe gibt zu, dass George W. Bush in Sachen Irak übertrieben habe. Was er aber forciert, ist eine Strategie "Bush light". Also auch Bodentruppen. Gegen den "Islamischen Staat", der gar kein Staat ist, sondern eine schwer fassbare Terrororganisation - auf riesigem Territorium und mit tausenden "unsichtbaren" Kämpfern. Nein, unter solchen Bedingungen sind wenige traditionelle Kriegsmethoden effizient. Obama versucht es daher mit neuen Koalitionen und mit neuen Waffen wie den umstrittenen Drohnen.

Gegen die IS sind Sanktionen nicht möglich, Verhandeln ist sinnlos. Bombenangriffe auf identifizierbare Stellungen sind daher richtig.

Aber wie bombardiert man die Schauplätze und Exekutoren der Enthauptungen? Wie bombardiert man Internet-Auftritte, die Wellen von neuen IS-Kämpfern lukrieren? Wie sollen westliche Bodentruppen den islamistischen Fanatikern Herr werden? Lauter Fragen, die von den Anhängern der "Bush light"-Variante nicht beantwortet werden.

Während man durch die Luftangriffe die IS schwächt (nicht besiegt), sollten - und das scheint plausibel - kleine Zeitfenster genutzt werden: effiziente Maßnahmen gegen die Rekrutierung von Kämpfern im Westen oder Gegenstrategien im Internet. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 6.10.2014)

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