Ohne Wertschätzung keine Bildungsdiskussion

Kommentar der anderen5. Oktober 2014, 17:58
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Wie viel Bildung brauchen eigentlich Kritiker der (humanistischen) Bildung? Auch Bernd Schilcher, der "selbsternannte Bildungsexperte" (Konrad Paul Liessmann), bringt zu viel Polemik in eine zu wichtige Debatte. Eine Entgegnung.

Gerne gebe ich zu, dass ich voreingenommen bin: Wenn ich bei Konrad Paul Liessmann lese, dass auch einmal den Lehrerinnen und Lehrern zugehört werden sollte, weil sie "täglich mit Fragen der Erziehung und Bildung befasst sind", dann freut mich das als jemand, der diese Profession ausübt. Voreingenommenheiten können aber auch hinterfragt und selbstkritisch geprüft werden, und ich schätze Liessmann nicht wegen einer isolierten Bemerkung, sondern wegen seines Einsatzes für Bildung und eine Schule, die den Namen "Bildungseinrichtung" auch verdient.

Leider verabsäumt es Bernd Schilcher, in seiner Replik auf Liessmann (DER STANDARD vom 22. 9. 2014) zu präzisieren, was er selbst unter Bildung versteht (Liessmann hat das ausführlich in seiner "Theorie der Unbildung" getan). Er stellt vor allem klar, was er ablehnt, nämlich den Bildungsbegriff des Neuhumanismus und des deutschen Idealismus. Schilchers Text enthält jedoch implizit einige Annahmen über Bildung. Es lohnt sich, diese explizit zu machen.

Da wäre zunächst einmal das Postulat von Mündigkeit als Fähigkeit, selbst zu denken. Wenn Schilcher beklagt, dass Liessmann Thesen der AHS-Gewerkschaft "kritiklos" nachbete, dann zeichnet sich der mündige Mensch durch Selbstdenken und kritisches Hinterfragen auch der eigenen Position aus. Wenn Schilcher Liessmann als "bipolaren Denker" bezeichnet, der in simplen Gegensätzen wie "gut und böse", gut und schlecht verhaftet bleibe, dann ist damit implizit ein positives Ideal formuliert, nämlich die Fähigkeit, differenziert jenseits binärer Oppositionen zu denken.

Schilchers Vorwurf ist jedoch nicht gerechtfertigt. An einer Stelle gibt Liessmann zu, dass das exemplarische Lernen "hin und wieder" durchaus "sinnvoll" sein kann und entdeckendes Lernen auch seine - begrenzte - Berechtigung habe. Das sind Zugeständnisse an die gegenwärtig vorherrschende Didaktik. Wenn Schilcher diese übersieht, dann könnte das damit zu tun haben, dass er das differenzierte Denken, welches er von Liessmann fordert, selbst nicht praktiziert.

Diese Vermutung legt auch der polemische Ton von Schilchers Text nahe. Hier wieder ein offensichtlicher Selbstwiderspruch: Liessmann wird eine "billige, noch dazu abgekupferte Polemik" vorgeworfen, während Schilcher selbst Liessmann ein "Vernunftproblem" unterstellt und als kritiklosen Nachbeter, bei dem manchmal "auch seine Vernunft" aussetze und als "Bipolaren" bezeichnet bzw. beschimpft (die semantische Nähe zur "bipolaren Störung" ist vielleicht gewollt). All das soll keine Polemik sein? Zeugt das von der vielbemühten sozialen Kompetenz - Stichwort Wertschätzung -, wenn Schilcher auf die Kritik Liessmanns, die sicher oft ironisch überzeichnet, mit Polemik antwortet?

Das Gegenteil von Polemik ist Sachlichkeit, das redliche Bemühen, die Gedanken und Argumente Andersdenkender zu verstehen. Ich hätte mir mehr von diesem Verstehen bei Schilcher gewünscht. Liessmann behauptet etwa nicht, wie Schilcher meint, Bildung sei aus Österreich "schlicht verschwunden". Die entsprechende Passage in der Theorie der Unbildung definiert mit dieser Formulierung das Konzept der "Unbildung" im Gegensatz zur "Halbbildung", wo der Idee der Bildung noch eine regulative Funktion zukommt (S. 70). Eine Bestandsaufnahme über das österreichische Bildungssystem oder "Bildung in Österreich" ist damit nicht vorgenommen. Ähnlich oberflächlich argumentiert Schilcher, wenn er Liessmann unterstellt, er habe von Adornos Feststellung, Halbbildung sei der "Todfeind" der Bildung, darauf geschlossen, höhere Bildung solle bei den "höheren Schichten" bleiben. Diese Conclusio ist weder in Liessmanns Essay noch in der relevanten Passage der Theorie der Unbildung (S. 69) zu finden. Es handelt sich um eine klare Fehlinterpretation.

Wie immer Bildung definiert wird, ohne "Kompetenzen" wie Reflexionsfähigkeit, Verstehen, sachliches Argumentieren, Wertschätzung des Andersdenkenden und selbstständiges Denken, ist eine kultivierte Diskussion, auch und vor allem über das Thema Bildung, nicht möglich. Kognitive Aspekte sind zentral, auch wenn Bildung nicht auf diese reduziert werden muss oder soll. Fundierte Kritik an der Bildungsidee des Neuhumanismus setzt einen gebildeten Kritiker voraus: genau das ist das stärkste Argument zugunsten des Bildungsbegriffs, den Liessmann bewahren möchte.

Kein Interesse

Martha Nussbaum hat in ihrem wenig rezipierten Buch Not for Profit gemeint, dass mündige, humanistisch gebildete Staatsbürger aus demokratiepolitischen Gründen unverzichtbar seien, da ansonsten der demokratische Rechtsstaat "von innen" gefährdet werde. Müssen wir unseren Politikerinnen und Politikern unterstellen, dass sie an dieser Bildung nicht interessiert sind? (Georg Cavallar, DER STANDARD, 6.10.2014)

Georg Cavallar (Jg. 1962) ist Privatdozent, AHS-Lehrer und Lehrbeauftragter an der Universität Wien.

Debattentipp: "Sanieren oder ruininieren Experten die Schule?"
Darüber diskutieren Bernd Schilcher und Konrad Paul Liessmann am Montag, 13. 10., im Café Sperl in Wien.
Moderation: Gerfried Sperl
Beginn: 20.00 Uhr
Café Sperl
6., Gumpendorfer Straße 11

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