Waves-Festival: Hausmusik für vegane Skihütten

5. Oktober 2014, 17:33
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Am Wochenende ging in Wien das Festival Waves zu Ende. Über einhundert Acts aus dem Bereich "Alternative Mainstream" konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass H&M-Bands ein wenig austauschbar sind

Wien - Der Mensch liebt Wiederholungen. Wiederholungen schaffen Sicherheit und geben Halt. Draußen in der Welt passiert dauernd wieder etwas neues Schreckliches. Konzentrieren wir uns in der Freizeit lieber auf Sachen, die wir kennen und mögen.

In der sogenannten Indiepop-Musik lässt sich dies alljährlich drei Tage lang beim Waves-Festival in Wien beobachten. Die Macher von Waves wollen hier nicht nur jedes Mal wieder eine Hundertschaft neuer, wahnsinnig toller und sagenhaft aufregender Bands aus dem erweiterten EU-Raum präsentieren, die demnächst das nächste große Ding werden - oder ihren Brotberuf doch lieber nicht aufgeben sollten. Zudem soll auch eine interkulturelle Annäherung mit jenen fernen Ländern entstehen, die der ältere Mensch noch immer gern Ostblock nennt, die aber zum Beispiel Slowakische Republik heißen und eine knappe Autostunde entfernt sind.

Im dortigen Bratislava fand dieses Wochenende parallel zu Wien zum zweiten Mal ebenfalls das Waves-Festival statt. Shuttlebusse stellten Nähe her. Ob sich aber viele Wiener dort hineinsetzten, um junge slowakische und tschechische Bands kennenzulernen, bleibt dahingestellt. Wie gesagt, es gibt Wiederholungen.

Der Publikumsandrang verdichtete sich bei diesem Newcomer-Festival jedenfalls wieder einmal ausschließlich und sehr drastisch auf bekannte Namen, die seit Jahr und Tag die Stadt beglücken. Pathos- und Ukulele-König Scott Matthew verkaufte das Konzerthaus aus. Beim deutschen Kumpelrocker Thees Uhlmann im Brut mussten sich die jungen Leute von heute vor dem Eingang die Beine in den Bauch stehen, damit sie zumindest im Foyer das Konzert erahnen konnten. Und auch The Hidden Cameras im Porgy & Bess präsentierten sich als versaute Beach Boys mit brustfreier Show in überfüllter Hütte.

Nur bei Alexis Taylor von Hot Chip, der seine bis dato zwei vorliegenden Soloalben und auch Songs seiner fantastischen Zweitband About Group still und intensiv zwischen versponnenem 1970er-Singer/Songwriting und nach Wald und Wiese duftender Elektronik im Flex präsentierte, wäre noch Platz gewesen. Aber Alexis Taylor haut nicht genügend auf den Putz. Nebenan mühten sich zeitgleich tschechische Acts wie Electric Lady vor exakt einem besetzten Tisch im Flex-Café, noch bekannter zu werden.

Noch gespenstischer war es in neugebuchten Veranstaltungsorten wie der dreistöckig unterkellerten Firmenfeier-Disco Elysium mitten im ersten Bezirk. Hier hätte jeder Besucher im Durchschnitt von drei Musikern persönlich betreut werden können. Das hat damit zu tun, dass der Markt von H&M-Bands schon ein wenig gesättigt ist und nicht noch zusätzlich welche aus Rumänien braucht.

Besser schon, wenn wie am Samstag im Flex bei den Krankenhausserien-Folkschwestern First Aid Kit der Saal derart überquillt, dass für die britische Folkpop-Band Hunter & The Bear im besagten Flex-Café auch noch etwas abfällt. Hunter & The Bear schauen aus, wie die Modewelt sich heute den jungen kreativen Menschen gern mit Vollbart und ordentlich gekämmter Frisur vorstellt. Musikalisch bewegt man sich auf den Spuren der Sons of Mumford in den Fußgängerzonen dieser Welt. Man könnte sich die vier Burschen allerdings auch als Hausband auf einer veganen Skihütte in Tirol vorstellen.

Gitarre unter der Achsel

Am gespenstischsten gestaltete sich allerdings der Auftritt der finnischen Sängerin Mirel Wagner in der Dachkammer des Hauses der Musik. Trotz der intensiv dargebrachten Balladen über Tod und Verwesung machte die Location selbst mehr Angst. Dieses Haus ist definitiv nicht für Musik gebaut, eher für Fortbildungsseminare.

Den Machern des Waves-Festivals wird gern unterstellt, sich nicht für Musik zu interessieren, oder wenn ja, dann für diese mutlose Alternative-Mainstream- und Jingle-Jangle-Suppe von englischen Burschen, die sich gern ihre Gitarre unter die Achsel und die Zunge zwischen die Zähne klemmen, weil sie ein Lied der Beatles tanzbar machen wollen.

Eine These: Wenn mutiger programmiert werden würde, würden mehr Leute kommen - oder sich besser auf die diversen Clubs verteilen. Zum Beispiel könnte man ja vielleicht doch auch einmal ein wenig Richtung Donaufestival in Krems buchen, wo die Hallen ja voll mit einpendelndem Wiener Publikum sind, obwohl dort sicher nicht die Funktionsharmonik und Schubidu regieren. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 6.10.2014)

  • Die finnische Sängerin Mirel Wagner gastierte mit ihren gespenstischen akustischen Todesballaden beim Waves-Festival in einer gespenstischen Umgebung, im Wiener Haus der Musik.
    foto: aki roukala

    Die finnische Sängerin Mirel Wagner gastierte mit ihren gespenstischen akustischen Todesballaden beim Waves-Festival in einer gespenstischen Umgebung, im Wiener Haus der Musik.

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