Früher wurde geschmuggelt, heute füllt man Formulare aus

6. Oktober 2014, 08:17
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Vorarlberg ist ein attraktives Einkaufsland für Schweizer

Lustenau - Schmuggel war in Vorarlberg lange ein Volkssport. In Schillingzeiten gehörte die wöchentliche Fahrt "zum Migro", einer der zahlreichen Filialen der Schweizer Supermarktkette Migros, zur Familientradition. "Beim Migro" war für die Vorarlberger Hausfrau alles viel besser und billiger: die Nudeln, der Kaffee, der (aus Österreich importierte) Zucker, die Schoggi.

Bei all dem Sonderangebot wurden die Freigrenzen nicht immer manierlich eingehalten: Vorn im Auto hatte die passionierte Einkäuferin die Tasche zum Vorzeigen, im Kofferraum den Rest aus der Schweizer Einkaufswelt. Nicht immer ging die Sache gut. Dann wurde ein Vielfaches des Migros-Rabatts an Zoll und Strafe fällig.

Schmuggelgut Kaffee und Zucker

So glimpflich kamen Schmuggler früher nicht davon. Im 19. Jahrhundert, als der Schmuggel in den Grenzdörfern eine wichtige Einnahmequelle war, wurde an der Grenze nicht selten scharf geschossen. Nicht wenige aber, berichten Dorfhistoriker, verdienten sich ihre Häuser mit der Schmugglerei. Vor allem Kaffee und Zucker wurde in Säcken aus der Schweiz nach Vorarlberg geschafft.

Die aktuelle Schmuggelware an Österreichs EU-Außengrenze ist Geld. Schließlich locken diskrete Bankplätze in Liechtenstein und der Schweiz. Beträge über 10.000 Euro als Bargeld oder gleichgestellte Zahlungsmittel (Sparbücher, Wertpapiere, Edelmetalle und -steine) müssen bei Ein- oder Ausreise deklariert werden. "Einige Millionen pro Jahr" undeklarierte Geldtransfers decken Zöllner bei Stichproben auf, sagt Wolfgang Hämmerle, Fachvorstand im Zollamt Feldkirch-Wolfurt.

Der Trick mit dem Fleisch

Die Zollgrenze zur Schweiz besteht zwar immer noch - bekanntlich ist die Schweiz kein EU-Mitglied -, aber die Alltagsschmugglerei aus der Schweiz ist nicht mehr attraktiv. Zu hoch ist der Frankenkurs, zu teuer sind die Lebensmittel im Nachbarland geworden. Der Einkaufsverkehr geht nun in die andere Richtung. Schweizerinnen und Schweizer nutzen den günstigen Euro-Kurs und die großzügigen Freigrenzen. Zollfrei darf man einen Einkaufskorb mit Waren bis zu 300 Franken (248 Euro) füllen.

Am liebsten kaufen Schweizer Kundinnen und Kunden jenseits der Grenze Fleisch- und Wurstwaren. Importieren dürfen sie aber nur ein halbes Kilo Frischfleisch. Findige Metzger entdeckten eine Gesetzeslücke. Weil die Einfuhr von 3,5 Kilo geräuchertem oder gesalzenem Fleisch erlaubt ist, wird nun das Fleisch für die Schweizer Kunden kräftig mariniert.

Grenzen verursachen Verkehr

Schweizer kaufen in der EU besonders günstig ein, denn ab 75 Euro Einkaufswert bekommen sie die Umsatzsteuer zurück. Vorausgesetzt, sie füllen im Geschäft ein U34-Formular aus und holen sich bei der Zollstelle eine Bestätigung.

"Lustenau ist ein Hotspot für U34", sagt Wolfgang Hämmerle. An normalen Wochenenden werden von den Zöllnern 2000 bis 3000 Formulare bestätigt, vor Weihnachten sind es 4000. Die Rückvergütung sei eine schöne Sache für die Grenzbewohner, meint Hämmerle, "sie haben ein steuerfreies Alltagsleben".

Die Hauptarbeit der 190 Zollbediensteten ist aber nicht die Überwachung des kleinen Grenzverkehrs, sondern die Abfertigung von Gütertransporten. Vorarlberg ist das Nadelöhr für die Ein- und Ausfuhr. Was aus Österreich, EU-Nachbarländern oder Drittstaaten in die Schweiz soll, muss in einer der sechs Amtsstellen abgefertigt werden. Zentrale Drehscheiben sind die Gemeinschaftszollstellen Feldkirch-Wolfurt, am Güterbahnhof Wolfurt, und jene in St. Margrethen/Schweiz.

Täglich rollen 3000 bis 4000 Lkws, meist internationaler Verkehr, über die Schweizer oder Liechtensteiner Grenze. Die Konzentration der Ein- und Ausfuhr auf sechs Amtsplätze brachte dem Finanzministerium Einsparungen, den betroffenen Gemeinden aber Mehrverkehr. "Jede Maßnahme, die wir setzen, hat Auswirkungen auf das Verkehrsaufkommen", räumt Hämmerle ein. Für den Juristen steht fest: "Wir werden eine neue Verbindungsstraße zwischen den beiden Autobahnen brauchen." (jub, DER STANDARD, 6.10.2014)

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