Wo die Grenze ganz nah und doch weit weg ist

6. Oktober 2014, 08:00
26 Postings

Lustenau und Diepoldsau waren einst ein freier Reichshof am Rhein. Aus der gemeinsamen Vergangenheit blieben geteilter Grundbesitz und ein ganz spezieller Dialekt, der vom Rest der Welt nicht verstanden wird

Lustenau - Interessiert die Menschen in Vorarlberg, was jenseits der Grenze geschieht? Finden sie die Zusammenarbeit mit den Nachbarländern wichtig? Die Österreichische Gesellschaft für Europapolitik wollte es genau wissen und gab beim Linzer Market-Institut eine Umfrage in Auftrag. 500 Menschen, die an der Grenze zu Deutschland, Liechtenstein oder zur Schweiz wohnen, wurden befragt.

Nimmt man die Antworten auf die Frage, wie oft man sich in der Nachbarschaft aufhalte, als Maßstab, dürfte das Bedürfnis nach nachbarschaftlichen Kontakten eher theoretisch sein: 77 Prozent fahren selten oder nie nach Liechtenstein, die Schweiz meiden 61 Prozent.

Ganz sicher nicht zu den kontaktscheuen Nachbarn gehört der Lustenauer Bürgermeister Kurt Fischer (ÖVP). Ausflüge mit dem Großvater in die Schweiz gehören zu seinen liebsten Kindheitserinnerungen, noch heute ist die Nachbarschaft Naherholungsgebiet. Der Schweizer Berg, für die Lustenauer Riedbewohner die einzige Erhebung weit und breit, ist ihm wie vielen aus der 22.000-Menschen-Gemeinde liebstes Ziel für Wander- und Biketouren. Der Rhein, der Lustenau von der Schweizer Gemeinde Diepoldsau trennt, würde in Lustenau nicht als Grenze, sondern als Verbindung wahrgenommen, sagte Fischer.

Man spricht Luschnouarisch

Fragt man auf der anderen Flussseite, in der Gemeindestube von Diepoldsau nach den wichtigsten Gemeinsamkeiten der Nachbarorte, muss Udo Hutter, stellvertretender Gemeindepräsident, nicht lange nachdenken; "Sehr viel, nämlich die Sprache." Lustenauer und Diepoldsauer sprechen einen ganz ähnlichen Dialekt. "Und wie die Lustenauer haben wir das gleiche Problem: Im Rest des Landes versteht uns keiner", lacht Hutter.

Sprachwissenschafter bezeichnen Lustenau als Sprachinsel. Triphthonge, Gleitlaute aus drei Vokalen (öi, äi, oua, eia), machen Luschnouarisch zur Herausforderung. Echte Lustenauer erkennt man an der richtigen Aussprache des "Äuoli". Wer dabei an italienischen Knoblauch denkt, liegt komplett falsch. Gemeint ist das Ei.

Eine ganz spezifische Sprachmelodie macht den Dialekt unverwechselbar und für alle jenseits des Arlbergs schlicht unverständlich.

Das Naheverhältnis der beiden Rheingemeinden hat Gründe, die in der Vergangenheit zu suchen sind. Lustenau, dereinst ein Königshof von Karl dem Dicken, einem Enkel des großen Karl, war über Jahrhunderte zusammen mit den Schweizer Orten Au, Widnau und Schmitten (Teil des heutigen Diepoldsau) ein freier Reichshof, ein Stützpunkt der römisch-deutschen Kaiser. Der Hof lag in einer vom damals noch mäandernden Rhein geschaffenen Insel- und Riedlandschaft.

1593 wurde der Reichshof dann entlang seiner natürlichen Grenzen geteilt. Was aber, erzählt Fischer, die beiden Höfe nicht hinderte, weiter die Dorfgemeinschaft zu leben. Man benutzte eine gemeinsame Kirche, Flöße verbanden die Höfe. Lustenau, heute einwohnerstärkste Marktgemeinde der Republik, kam erst 1830 zu Österreich.

Weder nationale Grenzen noch die Begradigung des Rheins trennten die früheren Besitztümer wirklich. Die alten Bande reichen bis ins heutige Grundbuch. Fischer: "20 Prozent der Gesamtfläche Lustenaus, lauter Riedflächen, gehören heute noch den Schweizer Ortsgemeinden." Auf diese Flächen hätten die Besitzer immer ganz besonders geachtet, zollt Fischer den Nachbarn Respekt: "Es wurde schon sehr früh extensiviert, man hat gemeinsam Biotope und Naturschutzgebiete entwickelt." Erfolge in der Brut gefährdeter Vogelarten und Umweltpreise seien Lohn für das Engagement.

24-Stunden-Zollamt, 1400 Lkws

Regelmäßiger Austausch mit den Nachbarn sei nicht nur durch den gemeinsamen Besitz garantiert, sagt Fischer. Intensiviert wurde die Zusammenarbeit in den letzten Jahren durch Diskussionen über eine neue Straßenverbindung zwischen den beiden Autobahnen dies- und jenseits des Rheins. Mehrere Varianten, die im Planungsprozess Unteres Rheintal geprüft wurden, betreffen Lustenauer Riedlandschaften. Wo genau die Trasse geführt werden soll, ist noch nicht entschieden.

Lustenau hat das einzige 24-Stunden-Zollamt im unteren Rheintal. Entsprechend stark ist der Gütertransit. 1300 bis 1400 Lkws fahren täglich über die Grenze. Eine unerträgliche Situation sei der Schwerverkehr nicht nur für die Anrainer an den Zufahrtsstraßen, sagte Fischer, "sondern für die ganze Gemeinde, die durch die stark befahrene Straße geteilt wird."

Die Verkehrsbelastung ist das leidigste Thema, das man mit den Nachbarn gemeinsam habe, sagt Udo Hutter. Diepoldsau, sein Dorf mit 6000 Einwohnern, müsse täglich eine Verkehrslast von 20.000 Fahrzeugen ertragen. Großteils Umwegverkehr, weil eine direkte Verbindung zwischen den Autobahnen fehle. Hutter ist optimistisch, dass nach Jahrzehnten der Diskussion bald eine Straßenlösung gefunden wird. Denn: "Die Gesprächsbasis über die Grenze hinweg ist wesentlich besser und intensiver geworden."

Voneinander lernen

Verkehr und die Umweltproblematik beschäftigen nicht nur die Politiker. Die von Market befragten Grenzbewohner beurteilen das Verkehrsaufkommen negativ. Das Verkehrsthema könnte die gutnachbarschaftlichen Beziehungen künftig belasten, meinen 41 Prozent der Befragten. Nicht verwunderlich, dass sich 66 Prozent der Befragten künftig mehr Zusammenarbeit im Bereich Umweltschutz wünschen. Kooperiert werden soll nicht nur in der direkten Nachbarschaft. 71 Prozent möchten, dass die Regionen in Brüssel gemeinsam auftreten.

Mehr Kooperation würden sich die Grenzanrainer bei Bildungsfragen wünschen. Das wäre auch ganz im Sinne von Bürgermeister Fischer: "Den Kontakt im Bereich Schule sollten wir ausbauen. Das Schweizer Schulwesen ist sehr basisdemokratisch organisiert, mit örtlicher Schulautonomie, da könnten wir einiges lernen." (Jutta Berger, DER STANDARD, 6.10.2014)

  • Naturschutz ist in Lustenau bilateral, man teilt sich das Ried mit den Schweizern.
    foto: umg

    Naturschutz ist in Lustenau bilateral, man teilt sich das Ried mit den Schweizern.

  • Artikelbild
    foto: der standard
Share if you care.